Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

Wissenschaftliches Geschnetzeltes?

Nie­mand kann heute auch nur annäh­ernd in allen Wis­sens­bere­ichen auf dem Laufenden sein. Nicht nur die gesellschaftlichen Funk­tion­ssys­teme, son­dern auch die ver­schiede­nen Teil­bere­iche haben sich mit­tler­weile so weit aus­d­if­feren­ziert, dass wahre Meis­ter­schaft nur noch in einem Bere­ich erre­ich­bar ist. Und so sieht auch die deutsche Wis­senschaft momen­tan aus: Unter einem Man­tel aus “etablierten Diszi­plinen” wie Math­e­matik, Philoso­phie, Geschichte, Anglis­tik oder Sozi­olo­gie haben sich mit­tler­weile tausende spezial­isierte Teil­bere­iche entwick­elt, die sich mit einem ganz engen Wis­sens­bere­ich befassen. Sei es die Sys­tem­trans­for­ma­tion und Recht­san­gle­ichung im zusam­menwach­senden Europa, Wech­sel­wirkung von Struk­tur und Fluid oder  Wege der Repräsen­ta­tio­nen, Trans­for­ma­tio­nen und Trans­fers. Europa vom Mit­te­lal­ter zur Mod­erne, Forschungs­ge­bi­ete sind mit­tler­weile so spez­i­fisch, dass der aktuelle Stand der Forschung nur von weni­gen Wis­senschaftlern überblickt wer­den kann. Auch wenn diese Spezial­isierung im Bere­ich der Wis­senschaft unumgänglich scheint, so stellt sie die Pro­duk­tion von rel­e­van­tem Wis­sen doch vor ein großes Prob­lem, denn: Sci­ence is divided into dis­ci­plines, life is not (Czar­ni­awksa 2001: 259).

Dabei ist das Prob­lem weniger, dass der Organ­i­sa­tion­ssozi­ologe nicht weiß, was der Sport­sozi­ologe tut, son­dern dass er wenig auf die Organ­i­sa­tion­spsy­cholo­gen und die Kom­mu­nika­tion­swis­senschaftler hört, dass alte, mit­tler­weile überholte, Fach­gren­zen zwis­chen Sozi­olo­gie, Psy­cholo­gie und Ger­man­is­tik beste­hen bleiben. Sie sind allerd­ings nur noch durch die His­to­rie, die Methodik und den inhaltlichen Schw­er­punkt zu recht­fer­ti­gen, und nicht mehr durch das unter­suchte Objekt.

Es muss also darum gehen, die beste­hen­den diszi­plinären Gren­zen aufzulösen und die Dif­feren­zierung nicht mehr an his­torisch insti­tu­tion­al­isierten Gren­zen zu vol­lziehen, son­dern anhand der unter­suchten Objekte. Ein Beispiel hier­für sind die Kom­mu­nika­tion­swis­senschaft, die sich langsam aus dem Bere­ich der Lit­er­atur­wis­senschaften hin­aus bewegt und auch psy­chol­o­gis­che oder sozi­ol­o­gis­che Anstöße aufn­immt, oder die Europaforschung in der sich Jura, Wirtschafts-, Sozial– und Kul­tur­wis­senschaften zusam­men­finden. Lei­der gibt es nur weniger solcher Beispiele, denn die diszi­plinären Gren­zen bleiben man­i­fest und Schnittstel­len­denker haben es schwer, im Wis­senschafts­be­trieb Fuß zu fassen. Oder, wie Richard Münch es in einem aktuellen FAZ-Artikel formuliert:

Die wesentliche struk­turelle Ursache dafür besteht darin, dass die deutsche Uni­ver­sität wie ein Boll­w­erk den Kern ihrer Diszi­plinen bewahrt hat, spiegel­bildlich dazu aber die soziale und kog­ni­tive Öffnung bis heute nur als einen Wider­spruch zu ihrer Tra­di­tion erlebt, den sie nicht aufzuheben vermag.

Es bleibt zu hof­fen, dass sich der Öffnung­sprozess zumin­d­est langsam fort­setzt, denn der deutschen Forschung wären andern­falls in den näch­sten Jahren und Jahrzehn­ten enge Gren­zen gesteckt.

Quellen:
Czar­ni­awska, B. (2001):  Is it Pos­si­ble to be a Con­struc­tion­ist Con­sul­tant? In: Man­age­ment Learn­ing 32, S. 253–266.

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Kategorie: Wissenschaft
  • speybridge sagt:

    Da ich mich wis­senschaftlich auch immer schon gerne “zwis­chen alle Stühle” gesetzt habe — und das in der Siebzigern — hatte ich 1979 meine 1. Staat­sar­beit nach viel, auch inhaltlicher, Überzeu­gungsar­beit bei meinem (eigentlich sehr aufgeschlosse­nen) Germanistik-Prof im Überlap­pungs­ge­biet Germanistik/Psychologie anmelden dür­fen: “Ist die Gespräch­s­ther­a­pie nach Rogers eine Para­phrasetech­nik?“
    Die Note, die dabei her­auskam, war — trotz regelmäßiger Rück­sprache während des Entste­hung­sprozesses der Arbeit — ungewöhn­lich schlecht. Begrün­dung: “Das ist keine lin­guis­tis­che Arbeit.“
    Nein — sollte sie auch nicht sein, zumin­d­est nicht zu 100%, wie das Thema schon auswies. Die Idee, zur Kor­rek­tur mal mit jeman­dem aus dem Bere­ich Psy­cholo­gie Kon­takt aufzunehmen, wurde mit einer Hand­be­we­gung als absurd abge­tan.
    Da war kein Reden drüber…
    Inzwis­chen ist in der Hin­sicht zwar viel ins Rollen gekom­men, aber noch nicht wirk­lich ins selb­stver­ständliche Fließen. Dies scheint mir oft auch an fest­ge­fahre­nen Macht­struk­turen und (meist männlichen??) “akademis­chen Gebi­et­sansprüchen” zu liegen. Hier pro­fil­iert man sich lieber dadurch, weit­ere Gren­zen zu definieren, als schon beste­hende zu überschreiten.

    1. August 2008 um 07:17

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