Weltenkreuzer

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Eigene Meinung” — Was ist das?

Gestern Abend im Bus. Ein Mäd­chen, nen­nen wir sie Anna, vielle­icht 14 Jahre alt, erzählt ihren Freundinnen:

Boah, die Maja (Name geän­dert) hat echt keine eigene Mei­n­ung. Da war die let­ztens bei mir und ich hab ihr erzählt, dass ich let­ztens ne Shisha ger­aucht hab. Und da meint die: “Das würd ich ja nie machen. Viel zu unge­sund.” Später hab ich ihr meine neuen Schuhe gezeigt, knall­rote mit echt hohen Absätzen, und dann sagt die: “Men­sch sind die hässlich, damit würd ich nicht rausgehen”.

Danach habe ich mich gefragt, was für Anna “eine eigene Mei­n­ung zu haben” bedeutet, denn für mich hat Maja eine deut­liche eigene Mei­n­ung bewiesen, indem sie in der Sit­u­a­tion eben nicht das sozial erwün­schte “cool” oder “das will ich auch mal” geäußert hat, son­dern tat­säch­lich eine abwe­ichende Meinung.

Eine mögliche Erk­lärung wäre sehr sim­pel: Damit Anna sich nicht mit der abwe­ichen­den Mei­n­ung von Maja auseinan­der­set­zen muss und weil sie vielle­icht damit einen wun­den Punkt bei Anna getrof­fen hat, würdigt Anna Maja ein­fach pauschal ab. Klas­sis­cher Fall von Dis­so­nanzre­duk­tion: Eine, den eige­nen Überzeu­gun­gen wider­sprechende, Argu­men­ta­tion wird ver­drängt, um die eigene Mei­n­ung zu sichern.

Etwas kom­plexer wäre eine andere Erk­lärung, die mir aber plau­si­bler erscheint: Anna stört an der Mei­n­ung Majas, dass diese eine Mei­n­ung äußert, die der von Annas Eltern entsprechen kön­nte. Anna nimmt implizit an, Majas Eltern hät­ten dieselbe Mei­n­ung, Maja habe diese ein­fach übernom­men und gebe sie nun unre­flek­tiert wieder. Dem­nach ginge es Anne gar­nicht darum, dass Maja eine wirk­liche “eigene Mei­n­ung” entwick­eln solle, son­dern darum, dass Maja sich nicht aus­re­ichend von “den Eltern” oder “den Erwach­se­nen” abgrenzt. Denken und Reflex­ion sind dabei uner­wün­scht, die Mei­n­ung muss nur abwe­ichend sein, um als “eigene” zu gelten.

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Kategorie: Leben, Wissenschaft

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