Die Gene und der freie Wille
aboutpixel.de Der Denker von Andreas Infurna
Ist der Einzelne wirklich frei darin, zu Handeln wie es ihm beliebt? Gibt alleine unser Verstand uns vor, wie wir uns zu verhalten haben?
Als Sozialwissenschaftler kann ich dazu nur eines sagen: keinesfalls. Dabei sind es nicht nur soziale Erwartungen, erlernte Verhaltensweisen und Gesetze, die unser Handeln prägen. Darunter liegt noch eine viel grundlegendere Kraft, die unser Leben und Handeln bestimmt: unsere Gene. Sie sind die Bauanleitung für dieses Konstrukt, das wir Körper nennen. Sie geben vor, wie sich Zellen entwickeln und in welcher Art und Weise sie aneinandergefügt werden. Sie sind es auch, die die Grundstruktur dessen festlegen, was wir als den Ort unseres “freien Willens” ausgemacht haben: des Gehirns.
Diese Struktur aus Nervenzellen, die miteinander verbunden sind und deren Verknüpfungen sich durch Lernprozesse verstärken können, bildet die Grundlage unserer Existenz. Ist sie bei wenig entwickelten Tieren nur eine Verdickung, an der unterschiedliche Nervenstränge aufeinandertreffen, stellt sie bei uns Menschen ein hochkomplexes Netzwerk dar, das es schafft, uns das einzuhauchen, was wir “Bewusstsein” nennen.
Wer diese Argumentation durchdenkt, kommt schnell zu dem Fehlschluss, dass der Mensch also nichts anderes sei als eine Maschine, die durch ihre Bauanleitung determiniert ist. Dies widerspricht unserem Selbstverständnis als intelligente und “freie” Lebewesen aber so sehr, dass man geneigt ist, die genetische Erklärung der Entstehung des Bewusstseins abzulehnen. Dabei übersehen die meisten jedoch zwei Aspekte, die diese Sicht weniger bedrohlich erscheinen lassen:
- Die Gene bestimmen nur die Hardware, nicht die Inhalte
- Aus komplexen Systemen können Dinge entstehen, die sich nicht alleine durch die einzelnen Bestandteile des Systems erklären lassen (Emergenz)
Die Gene determinieren nur die grundlegenden Funktionen des Gehirns, sozusagen die Hardware. Die Software, also das, was wir lernen, welchen Charakter wir entwickeln und wie wir die Welt sehen entstammt nicht nur den Genen, sondern unserer Umwelt und unserer Sozialisation. Im Verlaufe unseres Lebens begegnen wir so vielen Menschen, so vielen Eindrücken und so vielen Informationen, dass jeder von uns einen eigenen Wissensvorrat in seinem Kopf hat. Auf der Grundlage dieses Wissensvorrates treffen wir wiederum unsere Entscheidungen. Dieser Wissensvorrat ist es, der unser Handeln prägt und unser Leben bestimmt. Die Prozesse, aus denen aus diesem Wissen Handeln entsteht, sind dann aber wahrscheinlich wieder bei jedem von uns gleich. Damit wären wir dann nicht mehr eine von unseren Genen bestimmte Maschine, sondern ein Produkt unserer bisherigen Erfahrungen, aus denen in einem hochkomplexen Prozess, der bisher nur in winzigen Ausschnitten erklärt werden kann unser Handeln.
Und zum Thema Emergenz schreibe ich in den nächsten Tagen mehr…






