Soziologen, raus aus euren Hinterzimmern!

aboutpixel.de / Tor zur ... © Rainer Sturm

Jeder, der Soziologie studiert (hat) oder sich sogar dem Wahnsinn hingibt, eine wissenschaftliche Karriere in diesem Fach anzustreben, sieht sich immer wieder mit der Frage konfrontiert: “Was macht man eigentlich in der Soziologie?” Im schlimmsten Fall werden dann auch noch gleich die Sozialarbeits- und -pädagogik-Klischees á la “Gut, dass wir darüber geredet haben” ausgepackt. Den Politikwissenschaftlern geht es wahrscheinlich ähnlich und die Frage “Du willst also unser nächster Bundeskanzler werden?” kann sicherlich kein Politologe mehr hören. Immerhin ist die Politik etwas, was die Leute zumindest grundlegend kennen – und wenn sie nur wissen, dass das etwas mit Wahlen und diesen lustigen Balken und Torten im Fernsehen alle paar Monate zu tun hat.

Aber was ist mit der Soziologie? Wo taucht sie im öffentlichen Leben auf? Was sind die Fragen, die die Menschen mit unserer Disziplin verbinden? Bei der Politikwissenschaft ist das recht offensichtlich, bei den Wirtschaftswissenschaften auch, aber die Soziologie? Nix. Nada. Keine Idee. Der ein oder andere kommt vielleicht gerade noch so auf die Marktforschung und die Sozialstrukturanalyse (Stichworte Zensus und Arbeitsmarkt) aber Wirtschaftssoziologie, Religionssoziologie, Europaforschung oder Stadtsoziologie werden die wenigsten auf dem Zettel haben.

Dass niemand uns wahrnimmt und kennt, liegt insbesondere an einer Personengruppe: uns selbst. Nachdem die großen sozialtechnologischen Träume geplanter und optimierter Gesellschaften gnadenlos gescheitert sind, haben wir uns in den akademischen Raum zurückgezogen, Paper produziert und die Welt “da draußen” an uns vorbei ziehen lassen. Weder hegen wir den Anspruch Wissen zu produzieren, das da draußen verwendet werden kann und soll, noch haben wir uns groß bemüht unser Ansehen zu pflegen und uns einen festen Platz in der Öffentlichkeit zu erarbeiten. Damit wird die Disziplin, die eigentlich im Kern unzähliger öffentlicher Debatten stehen müsste und die uns so viel über unsere Gesellschaft verraten kann, wie kaum eine andere, zu einer Randfigur, die sich nur mit ihresgleichen unterhält.

Bleiben uns nach den in dieser Hinsicht vielen verschenkten Jahren und Jahrzehntes jetzt nur noch die Resignation und das langsame Siechtum? Keineswegs. Aber wir müssen bei uns anfangen und unser Selbstverständnis neu definieren. Wir dürfen uns nicht länger als entfernte Beobachter der Gesellschaft verstehen, sondern müssen den Ehrgeiz aufbringen, unsere Arbeit, unsere Diskussionen und unsere Themen in die Gesellschaft zu tragen. Nicht als allwissende Sozialtechniker, sondern als aktive Forscher, als soziale und kommunizierende Wissenschaftler. Wir haben Geschichten zu erzählen, die nah an den Menschen sind; die sie beeindrucken und zum Nachdenken bringen können.

Mit der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) hat jetzt die zentrale deutsche Institution dieser unserer Wissenschaft einen Schritt auf die öffentliche Bühne gewagt und einen Blog eröffnet, in dem zweimonatlich wechselnde Autoren ihre Arbeit und ihre Perspektive auf die Welt vorstellen. Den Anfang macht dabei der Chemnitzer Industrie- und Arbeitssoziologe G. Günther Voß (Twitter), der mich mit seinem Eingangsstatement auch zu diesem Beitrag inspiriert hat.

Dieses Angebot der DGS kann jedoch ein winzig kleiner, erster Schritt auf dem Weg hin zu einer offensiveren Präsentation der Soziologie im Internet sein. Jede und jeder sollte ihn viel eher als Anstoß dazu sehen, sich selbst zu öffnen und der Welt seine Arbeit und seine Gedanken der Welt zu präsentieren. Nicht nur in der Form formal sauberer und durchgetakteter wissenschaftlicher Artikel, sondern als Skizzen, grobe Überlegungen oder Diskussionsanstöße. In einem offenen Format, das nicht nur die Fachkollegen anspricht, sondern alle da draußen, mit den wir unsere Lebenswelt teilen. Denn nur, wenn wir den Leuten zeigen, was wir tun, können wir das verlorene Terrain wieder gut machen und uns unseren Platz in der öffentlichen Wahrnehmung zurückerarbeiten.

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    © 2012 · Weltenkreuzer · 29q, 0,501s