Westerwelle hat vollkommen recht, aber…

Mometan wird ja viel Kritik über Guido Westerwelle ausgeschüttet und das nicht zu unrecht. Allerdings kann man nicht behaupten, dass er falsch läge, wenn er fordert

Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet.

Auch seine prominente Formulierung

Mehr und mehr werden diejenigen, die arbeiten in Deutschland, zu den Deppen der Nation.

ist keineswegs falsch. Er hat sich nur bislang nicht dazu geäußert, welche Konsequenzen er aus dieser Erkenntnis ziehen will. Grundsätzlich gibt es dabei drei Möglichkeiten:

  1. HartzIV runter:
    Das kann eigentlich niemand fordern, der sich irgendwie mit der Idee eines Sozialstaats identifiziert. Ob Westerwelle das tut? Keine Ahnung.
  2. Steuern runter:
    Gute Idee, da wird ihm niemand widersprechen. Wenn da nicht das kleine Problem der Staatschulden und des Investitionsrückstands wäre…
  3. Löhne rauf:
    Die realistischste Forderung, aber ob Westerwelle das wirklich fordern will? (s. dazu auch Carta.info)

Naja, was er nun mit seinen lautstarken Äußerungen bezweckt, ist mir schleierhaft. Auf jeden Fall hat der bislang blasse Außenminister mal wieder auf sich aufmerksam gemacht. Nutzen wird es ihm nicht.


Blutige Zukunft?

Wer gerne einen Gegenentwurf zu der “Die Krise ist vorbei”- und “Alles wird gut”-Rhetorik lesen möchte, wird bei einem Interview des Stern mit dem Historiker Eric Hobsbawm fündig. Für ihn stehen wir an einer Zeitenwende, die mit den Entwicklungen am Anfang des 20. Jahrhunderts zu vergleichen ist:

Alles ist möglich. Inflation, Deflation, Hyperinflation. Wie reagieren die Menschen, wenn alle Sicherheiten verschwinden, sie aus ihrem Leben hinausgeworfen, ihre Lebensentwürfe brutal zerstört werden? Meine geschichtliche Erfahrung sagt mir, dass wir uns – ich kann das nicht ausschließen – auf eine Tragödie zubewegen. Es wird Blut fließen, mehr als das, viel Blut, das Leid der Menschen wird zunehmen, auch die Zahl der Flüchtlinge. Und noch etwas möchte ich nicht ausschließen: einen Krieg, der dann zum Weltkrieg werden würde – zwischen den USA und China.

(Eric Hobsbawm: “Es wird Blut fließen, viel Blut”)


Wir fressen uns zu Tode

Ich habe selten so einen engagierten und wütenden Vortrag gesehen, wie ihn Jamie Oliver auf der TED-Konferenz über die katastrophalen Ernährungsgewohnheiten vieler Menschen gehalten hat. Dabei beschuldigt er nicht die Menschen selber, sondern weist auf zentrale Probleme im System hin. Sein wichtigster Wunsch:

“I wish for your help to create a strong, sustainable movement to educate every child about food, inspire families to cook again and empower people everywhere to fight obesity.”

Und hier der Vortrag:

Ich finde ihn nicht nur wegen seines Inhalts absolut sehenswert, sondern auch wegen der Intensität, mit der Oliver seine Meinung vertritt. In jedem Satz vermischen sich Wut, Verzweiflung und Hoffnung. Jedes Wort hat seinen Platz und selbst kleine Nebensätze stecken voller (berechtigter) Vorwürfe. Dabei wirkt er aber nicht negativ oder gar zerstörerisch, sondern aufrüttelnd und motivierend. Grandios gemacht.

(via: rete-mirabile.net)


Selbstkritischer Banker

Wahre Worte von Ben Tellings, Chef der ING Diba gegenüber dem Spiegel:

“Eigentlich sind wir Banker doch Treuhänder des Vermögens unserer Kunden. Stattdessen führen sich viele in meiner Branche auf wie Zocker, aber in einem ganz neuen Sinn: Denn sie müssen ja nicht haften, stecken gutes Geld ein und können im Prinzip nur gewinnen.”

(Berechnung der Finanzaufsicht: Bankenabgabe brächte in Deutschland Milliarden – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Wirtschaft)


Höher, weiter, schneller

Eigentlich geht es ja um’s Bloggen, aber Robert Basic’s Zitat trifft auch aus dem Kontext gerissen den Nagel auf den Kopf:

Es geht nicht um höher, weiter, schneller, sondern um menschlicher, näher, tiefer. Wer das nicht sieht, hat jegliches Maß verloren.

(Warum – written in basic)


Geld kauft nur dumme Arbeit

In seiner neuen Kolumne im britischen Wired-Magazin beschreibt Dan Ariely ein Experiment mit dem er und ein paar Kollegen aufzeigen, dass Bonuszahlungen nur zu mehr Arbeit führen und nicht zu besserer:

If our tests mimic the real world, then massive bonuses clearly don’t work. They may not only cost employers more but also discourage executives from working to the best of their abilities. The financial crisis, perhaps, didn’t happen in spite of the bonuses, but because of them.

(Dan Ariely: Bonuses boost activity, not quality)


Howard Rheingold über die Freiheit des Internets

Wenn das Potential virtueller Gemeinschaften voll ausgeschöpft werden soll, müssen mehr Menschen von seinen Möglichkeiten erfahren und lernen, damit umzugehen, solange noch die Freiheit dazu besteht. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß Leute mit wirtschaftlicher und politischer Macht einen Weg finden, den Zugang zu den virtuellen Gemeinschaften zu kontrollieren.

Dieses Zitat entstammt nicht etwas der aktuellen Debatte um Netzneutralität oder Internetzensur, sondern von Seite 15 von Howard Rheingolds Buch Virtuelle Gemeinschaft (The Virtual Community) aus dem Jahr 1993! Es hat eine Weile gedauert aber selbst eine Internetnutzung von gut 67% der Deutschen (netzpolitik.org) hindern die Politik nicht daran, zum Schlag gegen das freie Internet auszuholen: Leistungsschutzrecht (netzpolitik.org, netzwertig.com), Three-Strikes-Regelung und der aktuell vorliegende Gesetzentwurf zur Reform des Jugendschutzes (AK Zensur, 1&1, eco (pdf))  lassen grüßen.


Die Freiheit der Normalität

Eigentlich wollen wir doch alle irgendwie berühmt werden. Jeder hat mal davon geträumt, Profi-Fußballer oder Rockstar zu werden. Zu verlockend ist die Vorstellung: Ruhm, Ansehen, Geld, High-Society, Luxus, Reisen – alles Teil des Pakets. Dass es auch Schattenseiten dieses öffentlichen Lebens gibt, in dem kein Moment unbeobachtet und keine Schwächephase unkommentiert und unhinterfragt bleibt, blenden wir meistens aus. Spätestens der Freitod von Robert Enke sowie die gerade erschienenen Biographien von Sebastian Deisler und André Agassi sollten und das jedoch deutlich vor Augen geführt haben. Einen spannenden Bericht über Tobias Rau, der als großes Talent galt und sieben Mal in der Nationalmannschaft gespielt hat, gibt es bei Spiegel Online: Tobias Rau ist wie ausgewechselt. Er entschied sich Mitte 2009, seine Fußballkarriere zu beenden und an der Universität Bielefeld zu studieren: Sport und Pädagogik. Nun genießt er die Freiheiten des Studentenlebens, das Fehlen des alltäglichen Drucks und ein Gefühl von Gemeinschaft, die nicht auf Ehrgeiz und Leistung basiert.

Für mich verdient diese Entscheidung viel Respekt. Sie zeigt aber auch, dass das, was wir als erstrebenswert und hochwertig erachten, seinen Zauber verliert, wenn man es erreicht hat. Dann merkt man, wie der öffentliche Druck einen zermürbt, ein durchgeplanter Tag ermüdet und der ständige Konkurrenzkampf die Freude an der Sache in den Hintergrund drängt. Ich denke, dass viele in dieser Falle stecken und sich nicht trauen, den entscheidenden Schritt zu gehen, das von außen so glamourös und traumhaft erscheinende Leben hinter sich zu lassen, um da ihr Glück zu suchen, wo es echte Freiheit gibt: In der Normalität.


  • Nils Müller

    Ich bin als denkender Mensch, Soziologe, Internet-, Bücher- und Kinofan im Netz und im Leben aktiv. Hier teile und diskutiere ich meine Gedanken mit euch. Lest einfach los, hinterlasst mir Kommentare oder schreibt mir Mails. Mehr über mich gibt es auf nilsmueller.info und mehr von mir auf der kritischen Seite und bei Twitter.
  • Kategorien

  • Archiv

  • Aktuelle Bücher

  • Twitter