Worum es in der Politik wirklich geht

Sebastian Fischer schreibt bei SPIEGELOnline über den Abgang Roland Kochs:

Er ist der wohl begabteste Politiker, den die CDU in ihren Reihen hat: Brillante Rhetorik, taktisches Geschick, brennender Ehrgeiz.

So, so. Das ist es also was einen guten und begabten Politiker auszeichnet. Rhetorik, taktisches Geschick und Ehrgeiz. Für mich sind das eher die Eigenschaften eines Machtmenschen. Und das sagt erstmal überhaupt nichts über seine Leistungsfähigkeit aus. Aber leisten muss man in der Politik momentan aber anscheinend auch nichts. Ich würde ja eher Fachkompetenz, Besonnenheit und ein Gespür für wichtige (nicht medienwirksame!) Themen auf meinen Wunschzettel an einen Politiker schreiben, aber vielleicht bin ich ja ein unverbesserlicher Idealist…


Warum klassisches Management Unternehmen schadet

Die klassische Logik der Personalführung besagt: Belohne Leistung und deine Mitarbeiter werden bessere Leistung erbringen. Warum diese Schlussfolgerung falsch ist, erklärt Daniel Pink in seinem Buch Drive. Nachdem ich an anderer Stelle bereits über das Buch berichtet habe, hier eine kurze Zusammenfassung des Inhalts in einem gut gemachten (englischsprachigen) Video:

 

(Via: Netzpiloten)


Roland Kochs Krieg gegen die Jugend

Vor ein paar Jahren verteidigte er noch die deutschen Kinder vor einer vermeintlichen Schwemme hochqualifizierter Indern (“Kinder statt Inder”), doch jetzt bläst Roland Koch zur Generalattacke auf die Jugend: Bei den unumgänglichen Sparmaßnahmen in den nächsten Jahren hat er vor ein paar Tagen auch Kürzungen im Bildungs- und Forschungsbereich angemahnt. Damit erweist sich Koch mal wieder als hervorragender Demagoge mit dem Talent “zu provozieren und sein Fähnchen in den Wind der Wählerstimmen zu stellen.

Roland Koch hat erkannt, dass in Zukunft mit der jungen Generation kaum noch Politik zu machen sein wird. Jetzt, wo sich die Baby-Boomer-Generation langsam auf die Rente zubewegt, bringen Bildungspolitik und eine an der Jugend orientierte Politik nicht mehr ausreichend Stimmen. Es muss jetzt darum gehen, die Rentner zu umgarnen, ihnen Zumutungen zu ersparen und sie ihre Schäfchen ins Trockene bringen zu lassen. Es dauert nicht mehr lange, bis Deutschland sich zu einer Renterdemokratie wandelt und jede Einschränkung des schon aktuell unterfinanzierten Rentensystems endgültig in politischem Selbstmord gipfelt. Daher ist es nur folgerichtig, dass Koch schon jetzt die Weichen stellt und den jungen Menschen in diesem Land entgegenruft: “Ihr habt hier keine Zukunft!”

Mit einer solchen Politik und Rhetorik wird jedoch über kurz oder lang der deutsche “Generationenvertrag” in einen “Generationenkonflikt” übertragen. Denn genau, wie eine in der FAZ zitierte Studie herausgefunden hat, dass den Rentnern das Wohlergehen der jüngeren Generationen immer egaler wird, werden auch die jungen und leistungsfähigen Arbeitnehmer irgendwann nicht mehr einsehen, die gewaltige Rentenlast zu schultern.

Ich verstehe es einfach nicht. Wie kann ein fraglos intelligenter Mann wie Roland Koch die Zukunft unserer Gesellschaft sehenden Auges gegen die Wand fahren lassen? Wie kann er morgens noch in den Spiegel schauen, wenn er eine Politik propagiert, die diesem Land langfristig die Lebensgrundlage entzieht? Wo sollen denn Wirtschaftswachstum, innovative Ideen und nicht zuletzt die zukünftigen Renten herkommen, wenn nicht von einer kleinen aber extrem gut ausgebildeten Arbeitnehmerschaft? Wer soll das Gesundheitssystem und die Pflege der immer weiter alternden Gesellschaft finanzieren, wenn nicht diejenigen, die Koch jetzt vor den Kopf stößt? Roland Koch und viele Andere ignorieren die einzige Hoffnung, die dem überalterten Staat noch bleibt nicht nur, sondern tun ihr möglichstes, sie für ein paar Stimmen bei der nächsten Wahl zu verkaufen.

Albert Hirshman hat vor einiger Zeit zwischen drei verschiedenen Arten unterschieden, wie Menschen auf politische Entscheidungen reagieren können, die ihnen nicht gefallen: Noch(!) hat die Politik die “Loyalität” der meisten meiner Generation, doch die Proteste und das Erheben der Stimme können nicht mehr lange auf sich warten lassen – im Gegenteil, ich denke sogar, dass die aktuellen Erfolge der Piratenpartei ein erstes deutliches Zeichen der Jugend gegen die aktuelle Politik darstellen. Wenn auch das Erheben der Stimme nicht mehr hilft, bleibt den Unzufriedenen nur noch die Flucht – und eine Rentnerrepublik wird ohne sie nicht überlebensfähig sein.

Zu diesem Thema auch unbedingt lesenswert: Roland Kochs Wette von Frank Schirrmacher


“Egal was. Nur nicht das!” – strategisches Wählen gefährdet unsere Demokratie

Schon bei der Bundestagswahl letztes Jahr standen die Sympathisanten der Piratenpartei vor einem Problem: Da absehbar war, dass die junge Partei die 5%-Hürde nicht würde überwinden können, war jede Stimme für die Piraten auf den ersten Blick eine verlorene Stimme. Bei der Landtagswahl in NRW diesen Sonntag wurde das Problem noch offensichtlicher: Da Piratenwähler sich in erster Linie aus ehemaligen SPD- und Grünen-Anhängern rekrutieren, fehlen die zwei Prozent der Piraten den beiden anderen zu einer sicheren Regierungsbildung. Sind die Piratenwähler damit zu einer “5. Kolonne der CDU” geworden?

Die Antwort darauf ist ein klares “Nein!” und gleichzeitig ein Zeichen dafür, wie unwählbar die etablierten Parteien mittlerweile für Viele geworden sind. Mit dem Kreuzchen bei einer Partei gibt man dieser Macht in die Hand, man versetzt sie in die Lage, zu behaupten: “Wir habe einen klaren Wählerauftrag” oder “Die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter uns”. Man wird damit automatisch zu einem Unterstützer ihrer Politik und nimmt ihr damit den Anreiz, sich zu wandeln. Wer also nun eine Partei wählt, nur um damit den Sieg einer anderen Partei zu verhindern, stützt damit die gewählte Partei und ihre Politik. Er sagt ihr indirekt: “Ich finde deine Politik gut und unterstütze dich.”

In meinen Augen haben wir in Deutschland mittlerweile die Situation, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung mit der Politik der beiden (ehemaligen) Volksparteien nicht zufrieden ist. Da die regierende Partei mehr Gelegenheiten hat, den Unmut auf sich zu ziehen und ein Wechsel in der Politik immer nur mit der anderen Partei zu erwarten ist, sammeln sich die strategischen Protestwähler bei dieser und verhelfen ihr in der nächsten Wahl zu Stimmen. Die unterlegene Parte braucht also nichts weiter zu tun, als ein wenig am Personalkarussell zu drehen und versprechen, es anders zu machen als die regierende und fast schon automatisch werden ihr mit der Zeit die Stimmen zufallen. Ein Anreiz, sich zu wandeln und auf neue Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft einzugehen, gibt es dabei nicht. Die Stimmen der Abwähler erhält sie ohne eigene Leistung.

Aus diesem Mechanismus ergibt sich schließlich ein Teufelskreis, der die etablierten Parteien (ich bin hier vereinfachend von einem Zwei-Volksparteiensystem ausgegangen) dauerhaft an der Macht hält, ohne dass sie eine Politik verfolgen, mit der sich die Bürger identifizieren können oder die sie unterstützen möchten. Damit löst sich das Wahlergebnis schließlich vollkommen von den Inhalten und höhlt unsere Demokratie endgültig aus. Die einzige Chance für eine echte Parteien-Demokratie liegt in einem ständigen Druck, sich der Gesellschaft anzupassen und die Ansichten der Menschen ernst zu nehmen. Über ständige Protestwahl lässt sich ein solcher Druck nicht erzeugen. Er muss dadurch entstehen, dass die Wähler wieder den Mut haben, positiv zu wählen und für Vision oder Ideen zu stimmen.

Und wer weiß: Wenn alle, die bei der Wahl nicht für die Piraten gestimmt haben, weil sie ihre Stimme nicht “verschenken” wollten, die Piraten gewählt hätten, hätten sie die 5%-Hürde vielleicht sogar überwinden können…


Beeindruckende Herr der Ringe-Fanfilme

Nachdem mich die Herr der Ringe-Trilogie von Peter Jackson nachhaltig beeindruckt hat und auch allgemein neue Maßstäbe für das Genre Fantasyfilm gesetzt hat, bin ich heute auf zwei Fanfilme gestoßen, die ebenfalls neue Maßstäbe für ihr Genre setzen und kostenlos im Netz angeschaut werden können. Mit The Hunt for Gollum und Born of Hope haben die Regisseure Chris Bouchard respektive Kate Madison kurze Ausschnitte aus den Büchern J.R.R. Tolkiens verfilmt und sich dabei eng an die Trilogie von Peter Jackson angelehnt. The Hunt for Gollum erschien im Mai 2009 und wurde mit einem Budget von weniger als £3000 und mit 160 ehenamtlichen Statisten in England und Wales produziert. Das Budget von Born of Hope war mit £25.000 zwar wesentlich größer, das Projekt mit der doppelten Länge (71 Minuten) und fast 400 Darstellern jedoch auch deutlich aufwendiger.

Nachdem mich die Trailer überzeugt haben, werde ich mir die Filme in der nächsten Zeit sicherlich auch anschauen. Hier geht es zu den Filmen:

The Hunt for Gollum

Vollständiger Film

Trailer:


Hunt For Gollum – Trailer One


Trailer 2 – The Hunt For Gollum [2]

Born of Hope

Vollständiger Film

Trailer:


Born of Hope: Trailer May 2009


Wettprogrammieren mit Sid Meier

Wer sich, wie ich, Anfang der 1990-er Jahre mit Computerspielen beschäftigt hat, hat bestimmt Civilization kennengelernt. Ein Computerspiel von Sid Meier, bei dem es darum geht, ein Imperium zu errichten und durch die komplette Menschheitsgeschichte hindurch die Welt zu erobern. 1991 habe ich mit meinen neun Jahren von meinem Taschengeld, Geschenken und aus allen anderen möglichen Quellen Geld zusammengekratzt, um den damals normalen Preis von 119 Mark für die vier Disketten bezahlen zu können. Und ich wurde nicht enttäuscht. Mit der Ausnahme des legendären Bundesliga Manager Professional hat mich wohl bislang kein Spiel länger an den Computer gefesselt. Meier hat sich durch dieses Spiel – und einige andere wie Railroad Tycoon (kostenloser Download) – einen fast schon mythischen Ruf erworben, auch wenn sich der Hype um ihn mittlerweile gelegt hat. Doch Civilization gibt es noch immer und so erscheint hoffentlich noch in diesem Jahr der fünfte Teil der Reihe.

Doch warum ich das alles schreibe? Über @sga_ bin ich gerade auf ein Video gestoßen, in dem Sid Meier unter anderem einen kleinen Einblick in die Geschichte seiner Arbeit als Spieledesigner gibt. Außerdem geht es um einen Wettbewerb, in dem Studenten der Michigan University innerhalb von 48 Stunden ein Computerspiel programmieren. Spannend.


Das Leben als (Rollen)Spiel

“Das ganze Leben ist ein Quiz” sang schon Hape Kerkeling, doch Jesse Schell zeigt in diesem Vortrag sehr schön auf, wie das Punkte sammeln, das uns mittlerweile in jedem Supermarkt begegnet, unser Leben ganz schnell zu einem einzigen Rollenspiel werden lassen kann:

Beängstigend.

(Via: Leander Wattig)


Brauchen wir eine neue “Ethik des Wegschauens”?

Ob StudiVZ, Facebook, Blogs, Twitter, Google oder Yasni – es gibt immer mehr Möglichkeiten, im Internet Dinge über andere Leute herauszufinden. Wer sich heute in einem Unternehmen bewirbt, muss damit rechnen, dass die Personaler alle sozialen Netzwerke und die weiten des Netz nach Informationen, Fotos und mehr durchsuchen und daraus ihre Schlussfolgerungen ziehen. Auch können Dozenten auf diese Weise ihre Studierenden genauer beobachten oder Lehrer ihre Schüler. Der erste Reflex dagegen ist der erhobene Zeigefinger: “Stelle nichts ins Netz, was nicht auch dein Lehrer, dein Arbeitgeber oder deine Eltern lesen oder sehen dürften!” Diese Forderung richtet sich an denjenigen, der etwas ins Netz stellt, aber sollten nicht auch die, die Informationen im Netz suchen und lesen, sich an eine wichtige Regel halten: “Stecke deine Nase nicht in Dinge, die dich nichts angehen?”

Das klingt auf den ersten Blick etwas seltsam, denn was öffentlich gemacht wird, ist doch für jeden zugänglich. Auf den zweiten Blick wird aber klar, dass diese Logik in Zeiten des Internets nicht mehr einfach so gilt. Denn nicht alles, was ins Netz gestellt wird, ist für die breite Öffentlichkeit gedacht. Vielmehr geht es oft nur darum, Dinge einer bestimmten Gruppe zugänglich zu machen und Kontakte mit eigenen Freunden, Bekannten und Verwandten zu pflegen. Die Fotos des Babys oder von der Party letztes Wochenende sollen nicht im klassischen Sinne “veröffentlicht” werden, um von jedem gesehen und bewertet werden zu können. Sie sollen lediglich auf eine einfache Weise denen gezeigt werden, die dabei waren oder die leider nicht da sein konnten. Wo zu Geburten früher Karten verschickt wurden, gibt es jetzt die Fotogalerie im Internet und an die Stelle der Fotoalben sind heute flickr und Facebook getreten.  Das, was für viele der Stammtisch ist, ist für andere Twitter und der klassische akademische Briefaustausch wurde durch Blogs ersetzt.

Sollten wir uns dann nicht die Frage stellen, ob Dinge, die klar erkennbar nicht mit dem Ziel einer echten “Veröffentlichung” ins Netz gestellt wurden, nicht für Außenstehende tabu bleiben sollten? Wir brechen ja auch nicht in die Wohnungen Anderer ein, um uns ihre Fotoalben anzuschauen, oder belauschen die Gespräche am Nebentisch. Brauchen wir nicht also eine neue Ethik des Wegschauens in der wir uns nicht in die Dinge einmischen, die uns nichts angehen oder uns Dinge anschauen, die nicht für uns gedacht sind? Können wir uns wirklich darauf berufen, dass diejenigen Schuld sind, die Dinge ins Netz stellen, oder sollten wir uns an die eigene Nase fassen und unsere Neugier im Zaum halten?

(Anlass: chrisp’s virtual comments: studiVZ und warum ich nicht drin bin)


  • Nils Müller

    Ich bin als denkender Mensch, Soziologe, Internet-, Bücher- und Kinofan im Netz und im Leben aktiv. Hier teile und diskutiere ich meine Gedanken mit euch. Lest einfach los, hinterlasst mir Kommentare oder schreibt mir Mails. Mehr über mich gibt es auf nilsmueller.info und mehr von mir auf der kritischen Seite und bei Twitter.
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