Im März werde ich in der Nähe von Wilhelmshaven einen Vortrag darüber halten, wie das Internet unsere Gesellschaft verändert hat, sie immer noch verändert und sie in Zukunft verändern wird. Um mich darauf vorzubereiten, habe ich mich in den letzten Wochen ein wenig ausführlicher mit einigen “klassischen” Büchern zum Thema Internet auseinandergesetzt und möchte euch in der nächsten Zeit hier ein paar besonders interessante Überlegungen daraus vorstellen.
Den Anfang macht David Weinbergers Buch Das Ende der Schublade – Die Macht der neuen digitalen Unordnung (im Original: Everything is Miscellaneous. The Power of the New Digital Disorder). Darin erläutert er gleich am Anfang drei unterschiedliche Arten von Ordnung, die sich fast schon im Sinne einer evolutionären Entwicklung hintereinander stellen lassen:
- Die physische Ordnung: Physische Objekte müssen in der realen Welt in irgendeiner Form angeordnet werden. Bücher alphabetisch im Regal, Obst nach Sorten getrennt in großen Kisten oder Briefumschläge nach Größe im Regal des Schreibwarenladens. Dabei kann jedes Objekt immer nur an einem Ort stehen und demzufolge nur in eine Ordnung eingebettet sein. Wenn ich meine Bücher alphabetisch nach ihrem Autor anordne, kann ich sie nicht gleichzeitig nach Farben sortieren.
- Die kategorisierte Ordnung: Ich kann einige Metadaten über Objekte sammeln, die diese beschreiben und dann diese Metadaten sortieren. Das beste Beispiel hierfür sind altmodische Bibliothekskataloge, die Karteikarten beinhalten, auf denen einige ausgewählte Informationen eingetragen sind und die sich wesentlich einfacher in unterschiedlichen Ordnungen sortieren lassen. So könnte es ein alphabetisches Register geben und eines nach Erscheinungsjahr. Auch ausführliche Kataloge, die Produkte in hunderte von ineinander verschachtelten Kategorien anordnen fallen in diese zweite Dimension der Ordnung.
- Die indizierte Ordnung: In dieser Ordnung werden Objekte nicht mehr in Kategorien zugeordnet oder durch standardisierte Metadaten beschrieben. Sie werden mit grundsätzlich gleichwertigen Schlagworten versehen und einfach auf einen großen Haufen geworfen. Der Computer ermöglicht es mir dann, alle Objekte, die mit einem bestimmten Schlagwort – oder einer bestimmten Kombination – versehen worden sind, herauszufiltern. Dabei wandert die Filterleistung von der Eingabe der Information hin zu der Ausgabe. Derjenige, der ein Objekt in die Sammlung einstellt, muss sich nicht mehr lange Gedanken darüber machen, in welche Kategorien er es einsortieren kann und in welche nicht, er vergibt “einfach” ein paar Schlagwörter. Der Informationssuchende wiederum muss in der Lage sein, dem großen Haufen von unsortierten Objekten durch die geschickte Nutzung der Schlagwörter die Informationen zu entlocken, die für ihn relevant sind. Die prominentesten Beispiele für diese Art der Ordnung sind Seiten wie del.icio.us und flickr.
Was bringt uns nun diese Unterscheidung? Sie macht sehr schön deutlich, dass die zunehmende Leistungsfähigkeit von Computern nicht nur ein “mehr des Alten” ermöglicht, sondern uns vollkommen neue Möglichkeiten eröffnet. Mittlerweile sind unzählige Seiten entstanden, die sich der dritten Dimension der Ordnung bedienen. Sie ermöglichen den sehr einfachen Zugriff auf umfangreiche Datenbestände, ohne dass man sich vorher in das Ordnungssystem der unterschiedlichen Angebote eindenken muss. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass auch die anderen beiden Ordnungsdimensionen immer noch ihre Berechtigung haben: Denn irgendwie muss ich das Buch in der Bibliothek ja auch an seinem physischen Standort finden und Kataloge haben den großen Vorteil, dass eine Vorab-Filterung die Übersichtlichkeit eines Datenbestandes deutlich erhöhen kann.
