Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

Dinge gut machen

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir fällt immer mehr auf, dass es oft, vielle­icht zu oft, darum geht, Dinge “irgend­wie” zu tun. Sätze wie “Ich muss das noch irgend­wie hin­bekom­men.”, “Schaf­fen Sie das irgend­wie bis mor­gen Abend?” oder “Ich schaff das schon irgend­wie” gehören heutzu­tage zum All­tag. Aber sollte es nicht eigentlich viel mehr darum gehen, Dinge “gut” zu erledi­gen? Warum fehlt heute eigentlich die Zeit, Dinge wirk­lich gründlich und qual­i­ta­tiv hochw­er­tig durchzuführen? Immer mehr engen knappe Fris­ten, Überlas­tung und schlechtes Zeit­man­age­ment den Zeit­plan ein, sodass am Ende zwar vieles “irgend­wie” geschafft wird, aber nichts mehr wirk­lich “gut”.

Ist das überhaupt ein Prob­lem? Ich denke schon, denn ger­ade Kreativ­ität braucht Zeit. Um neue Wege zu ent­decken, neue Tech­niken zu entwick­eln oder beste­hende zu per­fek­tion­ieren, braucht man Zeit und die Gele­gen­heit, auf den ersten Blick unpro­duk­tive Dinge zu tun. Anson­sten kann man sich nur auf Bekan­ntes ver­lassen, von dem man weiß, dass es einem hilft, Dinge “irgend­wie” zu tun. Um Fortschritt zu erre­ichen, egal ob in der Gesellschaft oder für den Einzel­nen, ist diese Kreativ­ität unab­d­ing­bar. Wer sich nur auf Etabliertes ver­lassen kann, weil ihm keine Zeit bleibt, Dinge kreativ und gut zu erledi­gen, der kann sich nicht weiter entwick­eln und ver­harrt am sel­ben Ort.

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Kategorie: Leben
  • Ellen sagt:

    Ich stimme dir dahinge­hend zu, dass es tat­säch­lich nicht gut ist, dass immer nur alles “irgend­wie” hinzukriegen.

    Aber inter­es­sant wäre es doch, hier nach den Grün­den zu fra­gen, wovon mir spon­tan gle­ich zwei ein­fallen:
    1) Zeit­not, das ist der pro­fanere Grund. Wir leben in einer Welt, in der alles jetzt und sofort geschehen muss. Wenn einer etwas schnell und gut hinkriegt, müssen alle es auch schnell schaf­fen — die Qual­ität fällt da leicht unter den Tisch.
    2) Schutz des eige­nen Selb­st­bildes, und das ist, wie ich finde, der inter­es­san­tere Grund. Wenn wir etwas nur “irgend­wie” hinkriegen wollen, kön­nen wir uns einre­den, dass wir es besser geschafft hät­ten, wären wir fleißiger oder die Umstände besser gewe­sen. Wird es dann wider Erwarten sogar gut — umso besser, wir sind genial, wir schaf­fen die Dinge so richtig gut, wenn wir uns keine Mühe geben!
    Stecken wir aber in eine Sache Mühe und Herzblut, und sie misslingt, nagt das ganz schön an uns.
    Und ger­ade in einer Gesellschaft (oder vielle­icht sogar einer Welt?), in der Erfolg fast schon eine Kar­dinal­tugend ist, kön­nen wir uns Ver­sagen eigentlich nicht leisten.

    Was meinst du dazu?

    19. Juni 2008 um 04:17
  • Marc | Wissenswerkstatt sagt:

    Deine Ein­schätzung, Nils, deckt sich dur­chaus mit der meini­gen. Doch die große Frage ist: was kön­nen wir dage­gen tun?

    Irgend­wie “spielt” man ja doch mit und hört sich selbst sagen: “Ja, ich bekomm das (irgend­wie) hin…” — ahnend, daß man den Text nicht bis zum näch­sten, son­dern erst zum übernäch­sten Tag wirk­lich durch­dacht wird abliefern kön­nen. :-(

    19. Juni 2008 um 10:24
  • leicesterschwester sagt:

    Ich denke, dass du großteils Recht hast. Die Zeit, Dinge wirk­lich gut zu machen, fehlt. Und — zumin­d­est ich — brauche Zeit zum Kreativ­sein. Aber auf der anderen Seite puscht mich Zeit­not unheim­lich. Je mehr Zeit­not ich habe, desto besser wer­den meine Ergeb­nisse und desto pro­duk­tiver kann ich arbeiten. Mit dem kleinen, aber entschei­den­den Unter­schied: ich mir diesen Zeit­druck selbst machen.

    Das Prob­lem, was hin­ter dem von dir geschilderten Zeit­druck steht, ist vielmehr, dass andere mit diesen Dead­lines und diesem Anspruch über deine Zeit entschei­den und bes­tim­men. Weil man in diesem Netz aus per­fekt sein zu wollen, in Konkur­renz zu gehen und gefallen zu wollen gefan­gen ist, ist es schwierig zu sagen, dass man etwas nicht bew­erk­stel­li­gen kann bis zum geset­zten Ter­min. Die Ter­mine sind so strikt, weil der Men­sch immer mehr in den Hin­ter­grund rückt und die zu erledi­gende Arbeit in den Vorder­grund. Dabei ist doch die Arbeit im End­ef­fekt für den Men­schen. Aber das eigene Han­deln resul­tiert daraus, dass man im Net­zw­erk der Men­schen einen bes­timmten Sta­tus haben möchte. Ein biss­chen paradox…

    19. Juni 2008 um 12:51
  • Ellen sagt:

    Dabei ist doch die Arbeit im End­ef­fekt für den Menschen.”

    Aber zwis­chen unserem Nutzen und dem, was wir tun, liegen so viele Sta­tio­nen, dass es für uns gefühlsmäßig nur noch schwer erre­ich­bar ist.

    Beispiel: Ich beschäftige mich momen­tan mit dem Mar­ket­ing von LKWs. Die Arbeit ist glück­licher­weise inter­es­sant und die Leute nett, also habe ich schon allein eine intrin­sis­che Moti­va­tion, das, was ich tue, gut zu machen. Aber zwis­chen dem, was ich tue und dem, was mir der Verkauf von LKWs bringt (näm­lich, dass Güter besser trans­portiert wer­den kön­nen und mich so besser erre­ichen, ich also meinetwe­gen schneller und frischer an Obst komme, was wiederum für meinen Genuss gut ist) liegen extrem viele Sta­tio­nen.
    Ich sehe glück­licher­weise einen Zusam­men­hang zwis­chen mir und meinem Nutzen (oder auch all­ge­meinem Nutzen), und so macht für mich meine momen­tane Arbeit Sinn.

    Was aber ist mit Men­schen, die nicht mehr sehen, wofür sie arbeiten? Warum soll­ten sie ihre Arbeit gut machen?

    19. Juni 2008 um 14:30
  • leicesterschwester sagt:

    Wahrschein­lich kommt dann daher der Dienst nach Vorschrift in manchen Büros.
    Als ich noch Arbeit­slose beraten habe, habe ich mich allerd­ings auch manch­mal gefragt, warum ich das eigentlich mache. Von den vie­len Men­schen, die wir mit Job­coach­ing, Bewer­bungstrain­ing und Beratungs­ge­sprächen unter­stützt haben, haben nur sehr wenige einen Job bekom­men. Und viele woll­ten auch gar nicht arbeiten.
    Meine Überzeu­gung, dass es richtig ist, diese Arbeit zu machen, hat meine Moti­va­tion gerettet — bis ich einen neuen Job hatte :-)

    23. Juni 2008 um 11:48
  • speybridge sagt:

    Diese Diskus­sion darüber, Dinge gut tun zu wollen und dem auch einen eige­nen Wert zuzu­bil­li­gen, finde ich enorm wichtig.
    Soweit ich die beteiligten Kommentator(inn)en kenne, han­delt es sich bei allen um junge Erwach­sene ohne Fam­i­lie. Dass bei Euch selbst jetzt schon, in dieser “entspan­nten” Sit­u­a­tion, das Prob­lem auftritt, dass man viele Sachen wegen des Druckes nur noch “irgend­wie” machen und schaf­fen kann, erschreckt mich aber dann doch sehr und ver­stärkt meinen Ein­druck, dass das Leben­sko­rsett, in das wir gepresst wer­den sollen, kein wirk­lich eigenes, lebendi­ges Leben mehr ermöglicht.

    Man stelle sich die eigene anges­pan­nte Sit­u­a­tion ein­mal vor, “ver­schärft” durch eine Fam­i­lie mit zwei Ver­di­enern, ein oder zwei Kindern und gar einem eige­nen Haus mit Garten und Hund und Katze.
    Wie soll das gehen?
    Der Hin­weis auf verbesserte Kinderver­wahrmöglichkeiten bringt nicht wirk­lich weiter. Beide Eltern haben Kon­feren­zen oder Außen­di­enst, ein Kind wird plöt­zlich krank, die Schule ruft an wg. eines akuten Prob­lems, der Hund kotzt oder die Heizung fällt aus.
    Muss man “irgend­wie” im Ter­minkalen­der noch eine Zeit fest­machen, um irgend­wie und irgend­wann dann doch mal mit einem Kind zu reden, den Rasen zu mähen, den Zaun zu stre­ichen oder die Eltern zu besuchen? Wo bleibt die Part­ner­schaft? Wo bleibt der Spaß am Tun? Am Leben?
    Ich habe keine Lösung. Mein eigenes “mit­telmäßiges” Frauen­leben, in dem ich let­ztlich auf “Kar­riere” verzichtet habe, oft zu Hause war und anson­sten zwis­chen mehr oder weniger guten Jobs und Fam­i­lie hin– und herg­eris­sen, ist für Frauen von heute auch let­ztlich wahrschein­lich keine Option mehr (für Män­ner war’s das nie) — obwohl ich für eigene Dinge dadurch tat­säch­lich Zeit hatte, die ich auch genutzt habe.

    Es wird nicht ohne eine klare Pri­or­itätenset­zung, wie auch immer sie aussieht, gehen, um ganz indi­vidu­elle ein­deutige (vielle­icht unpop­uläre, nachteil­brin­gende) Entschei­dun­gen. Sonst wird man gehetzt und gelebt und kommt aus dem Dilemma nie her­aus. Es wird sich nur ver­schär­fen.
    Ganz schön schwierig.

    8. Juli 2008 um 09:55

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