Wer braucht eigentlich noch Tageszeitungen?
Running away from the City by photos71
Schon vor einigen Jahren hatte ich mit einem Mitarbeiter einer deutschen Tageszeitung eine äußerst interessante Diskussion über die Zukunft der Tageszeitungen. Schon 2005 war das Thema sicherlich nicht neu und es gab auch von beiden Seiten eigentlich keine besonders überraschenden Argumente, aber es scheint sich so langsam zu zeigen, dass meine Vermutungen von damals sich bewahrheiten.
Die Kernfrage, die sich alle Zeitungsverleger heute stellen müssen ist folgende: Welchen Grund sollte jemand haben, für meine Zeitung Geld auszugeben und sie im besten Fall sogar zu abonnieren? Früher war die Antwort auf diese Frage einfach: Zeitungen waren der einfachste Weg, an umfassende und ausführliche Informationen aus aller Welt zu kommen und all das zu erfahren, worüber auf der Straße, in den Kneipen und am Arbeitsplatz gesprochen wurde. Investierte man morgens eine halbe Stunde oder Stunde in die Lektüre der örtlichen Tageszeitung, war man über Politik, Wirtschaft, Sport und Lokales umfassend informiert. Dabei konnte die Tageszeitung im Unterschied zu Radio- und Fernseh-Nachrichten mit ausführlicheren Artikeln und einer größeren Themenauswahl dienen. Schon damals hat kaum jemand eine Zeitung wirklich von vorne bis hinten durchgelesen, aber wenn man wollte, gab es zahlreiche Hintergrundinfos und Einordnungen.
Mittlerweile haben allerdings verschiedene Entwicklungen dazu beigetragen, dass der Markt für diese Mischung aus Aktualität, Tiefe und Breite immer weiter schrumpft:
Das schnelle Internet
Wenn eine Nachricht heutzutage am Morgen in der Zeitung steht, ist sie schlicht und ergreifend bereits alt. Über die verschiedenen Nachrichtenportale im Internet hat sie sich bereits verbreitet und die grundlegenden Informationen, die man beim überfliegen der Zeitungsseiten aufnimmt, sind bereits bekannt. Es gibt also in diesem Sinne nichts Neues mehr in der Tageszeitung.
Das spezialisierte Internet
Gleichzeitig mit der Geschwindigkeit wächst durch das Internet aber auch der Anspruch der interessierten Leser, die sich in der Zeitung mehr als die Überschrift durchgelesen hätten, an die Qualität der Einordnungen und Hintergrundinformationen. Während Tageszeitungen hier zwangläufig relativ oberflächlich bleiben müssen und in erster Linie Journalisten für diese Texte verantwortlich sind, stehen im Internet Analysen und Artikel von Fachleuten, bekannten Wissenschaftlern und weltweit anerkannten Experten. Es liegt einfach in der Natur der Sache, dass ein breit ausgebildeter Journalist in der Tiefe seiner Kenntnis und seiner Erfahrung nicht mit einem Fachmann auf einem sehr spezialisierten Gebiet mithalten kann. Waren Artikel dieser Experten früher nur den Lesern "elitärer" Zeitungen zugänglich,so kann sie heutzutage jeder finden, der sich für ein Thema auch nur oberflächlich interessiert. Auch in der Tiefe bieten Tageszeitungen gegenüber dem Netz also keinen Mehrwert mehr.
Die differenzierte Gesellschaft
Gleichzeitig mit der Entwicklung des Internet hat sich unsere Gesellschaft in einem rasenden Tempo differenziert. Es gibt immer mehr unterschiedliche Interessengebiete und Fachbereiche. Immer mehr Lebensentwürfe und sozio-ökonomische Milieus, immer mehr Meinungen und Perspektiven. Eine Tageszeitung kann immer nur einen ganz kleinen Ausschnitt dieses unüberschaubaren Spektrums berücksichtigen, eben die "Zielgruppe". Für alle, die nicht in diesen eng beschnittenen Bereich fallen werden immer größere Teile der Tageszeitung uninteressant. Auch in der Breite ist die Tageszeitung dem Internet also deutlich unterlegen.
Aufgrund dieser Überlegungen sehe ich für Tageszeitungen, wie wir sie jetzt kennen keine bedeutende Zukunft mehr. Das heißt jedoch keineswegs, dass das Berufsbild des Journalisten und das Konzept redaktionell betreuter Textsammlungen damit überflüssig würden. Demnächst mehr dazu…







Ein Pingback
[...] Nachdem ich vor ein paar Tagen den Pessimisten in Sachen Tageszeitungen habe raushängen lassen, hier die versprochenen Gründe, in welcher Form gedruckte Zeitungen auch in Zukunft wichtig bleiben, wie sie ihre Inhalte auch Online vermarkten können und warum auch der klassische Journalist immer noch gebraucht wird: [...]