Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

Wer braucht eigentlich noch Tageszeitungen?

Schon vor eini­gen Jahren hatte ich mit einem Mitar­beiter einer deutschen Tageszeitung eine äußerst inter­es­sante Diskus­sion über die Zukunft der Tageszeitun­gen. Schon 2005 war das Thema sicher­lich nicht neu und es gab auch von bei­den Seiten eigentlich keine beson­ders überraschen­den Argu­mente, aber es scheint sich so langsam zu zeigen, dass meine Ver­mu­tun­gen von damals sich bewahrheiten.

Die Kern­frage, die sich alle Zeitungsver­leger heute stellen müssen ist fol­gende: Welchen Grund sollte jemand haben, für meine Zeitung Geld auszugeben und sie im besten Fall sogar zu abon­nieren? Früher war die Antwort auf diese Frage ein­fach: Zeitun­gen waren der ein­fach­ste Weg, an umfassende und aus­führliche Infor­ma­tio­nen aus aller Welt zu kom­men und all das zu erfahren, worüber auf der Straße, in den Kneipen und am Arbeit­splatz gesprochen wurde. Investierte man mor­gens eine halbe Stunde oder Stunde in die Lek­türe der örtlichen Tageszeitung, war man über Poli­tik, Wirtschaft, Sport und Lokales umfassend informiert. Dabei kon­nte die Tageszeitung im Unter­schied zu Radio– und Fernseh-Nachrichten mit aus­führlicheren Artikeln und einer größeren The­me­nauswahl dienen. Schon damals hat kaum jemand eine Zeitung wirk­lich von vorne bis hin­ten durchge­le­sen, aber wenn man wollte, gab es zahlre­iche Hin­ter­grund­in­fos und Einordnungen.

Mit­tler­weile haben allerd­ings ver­schiedene Entwick­lun­gen dazu beige­tra­gen, dass der Markt für diese Mis­chung aus Aktu­al­ität, Tiefe und Bre­ite immer weiter schrumpft:

Das schnelle Internet

Wenn eine Nachricht heutzu­tage am Mor­gen in der Zeitung steht, ist sie schlicht und ergreifend bere­its alt. Über die ver­schiede­nen Nachricht­en­por­tale im Inter­net hat sie sich bere­its ver­bre­itet und die grundle­gen­den Infor­ma­tio­nen, die man beim überfliegen der Zeitungs­seiten aufn­immt, sind bere­its bekannt. Es gibt also in diesem Sinne nichts Neues mehr in der Tageszeitung.

Das spezial­isierte Internet

Gle­ichzeitig mit der Geschwindigkeit wächst durch das Inter­net aber auch der Anspruch der inter­essierten Leser, die sich in der Zeitung mehr als die Überschrift durchge­le­sen hät­ten, an die Qual­ität der Einord­nun­gen und Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen. Während Tageszeitun­gen hier zwan­gläu­fig rel­a­tiv ober­fläch­lich bleiben müssen und in erster Linie Jour­nal­is­ten für diese Texte ver­ant­wortlich sind, ste­hen im Inter­net Analy­sen und Artikel von Fach­leuten, bekan­nten Wis­senschaftlern und weltweit anerkan­nten Experten. Es liegt ein­fach in der Natur der Sache, dass ein breit aus­ge­bilde­ter Jour­nal­ist in der Tiefe seiner Ken­nt­nis und seiner Erfahrung nicht mit einem Fach­mann auf einem sehr spezial­isierten Gebiet mithal­ten kann. Waren Artikel dieser Experten früher nur den Lesern “elitärer” Zeitun­gen zugänglich,so kann sie heutzu­tage jeder finden, der sich für ein Thema auch nur ober­fläch­lich inter­essiert.  Auch in der Tiefe bieten Tageszeitun­gen gegenüber dem Netz also keinen Mehrw­ert mehr.

Die dif­feren­zierte Gesellschaft

Gle­ichzeitig mit der Entwick­lung des Inter­net hat sich unsere Gesellschaft in einem rasenden Tempo dif­feren­ziert. Es gibt immer mehr unter­schiedliche Inter­es­sen­ge­bi­ete und Fach­bere­iche. Immer mehr Lebensen­twürfe und sozio-ökonomische Milieus, immer mehr Mei­n­un­gen und Per­spek­tiven. Eine Tageszeitung kann immer nur einen ganz kleinen Auss­chnitt dieses unüber­schaubaren Spek­trums berück­sichti­gen, eben die “Ziel­gruppe”. Für alle, die nicht in diesen eng beschnit­te­nen Bere­ich fallen wer­den immer größere Teile der Tageszeitung unin­ter­es­sant. Auch in der Bre­ite ist die Tageszeitung dem Inter­net also deut­lich unterlegen.

Auf­grund dieser Überlegun­gen sehe ich für Tageszeitun­gen, wie wir sie jetzt ken­nen keine bedeu­tende Zukunft mehr. Das heißt jedoch keineswegs, dass das Berufs­bild des Jour­nal­is­ten und das Konzept redak­tionell betreuter Textsamm­lun­gen damit überflüs­sig wür­den. Dem­nächst mehr dazu…

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Kategorie: Gesellschaft

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