Bernd Ziesemer, seines Zeichens Chefredakteur des Handelsblatts, kommentiert die momentan in Deutschland tobende Diskussion um Steuerflüchtlinge und um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, bedient er sich eines Zitats des ehemaligen US-Botschafters John Kornblum:
Wenn in den USA so etwas wie der Fall Zumwinkel passiert, geht der Mann mit Handschellen ins Gefängnis – in Deutschland bricht stattdessen eine Gerechtigkeitsdebatte los.
Richtig, die Deutschen neigen dazu, aus Mücken Elefanten zu machen und Grundsatzdebatten loszutreten. Ja, Deutschland ist auch nicht gerade für seinen Optimismus bekannt und auch nicht für die schnelle Umsetzung von Reformen. Aber Deutschland ist bekannt und respektiert für seine Fähigkeit zur Selbstreflexion. Was letzte Woche ans Licht gekommen ist, betrifft mehr als nur einen Mann, der wahrscheinlich das Gesetz gebrochen hat und der sich dafür vor Gericht wird verantworten müssen. Es betrifft auch mehr Menschen als die, die sich auf der DVD als mutmaßliche Steuersünder wiederfinden, sondern es zeigt sehr deutlich, wie wenig Ethik und Anstand heutzutage noch gelten.
Worum es geht, lässt sich am besten durch ein Zitat aus unser aller Grundgesetz verdeutlichen:
Artikel 14
(1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.
(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
Unsere Gesellschaft ist darauf aufgebaut, dass jeder seinen Möglichkeiten entsprechend dazu beiträgt, einen funktionierenden Staat sicherzustellen. Daher zahlen die, die mehr haben auch mehr Steuern und unterstützen dadurch die, die wenig besitzen. Das nennt sich Sozialverträglichkeit oder Solidarität. Ich bin nun sicher kein Verfechter sozialistischer Strukturen und ich bin durchaus der Meinung, dass diejenigen, die viel Leisten auch viel besitzen dürfen, aber das entbindet sie nicht von ihrer Pflicht der Gesellschaft gegenüber.
Wirtschaft und Staat haben es momentan ohnehin schwer, bei den Bürgern Vertrauen zu finden. Zu oft werden vollmundige Versprechen nicht eingehalten und Vertrauen im Namen der “Wirtschaftlichkeit” missbraucht. Klar, im aktuellen Fall geht es nicht um Unternehmen, sondern um Privatpersonen, aber diese sind in den Köpfen sehr eng mit der Wirtschaft verbunden. Da der Staat immer öfter in erster Linie als Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft wahrgenommen wird, müssen beide aufpassen, nicht alles Vertrauen der Bürger zu verspielen.
Und ich denke, bei solch fundamentalen Themen ist eine Grundsatzdebatte durchaus angebracht.
