Weltenkreuzer

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Trivialität oder Emotionalität?

Auf faz.net findet sich eine Kri­tik zum Konz­ert der Band Juli am 24. Jan­uar in Köln, die gle­ichzeitig ein wenig nach einem vor­wursvollen “die jun­gen Leute heutzu­tage” klingt. Eric Pfeil schreibt von Triv­i­al­ität, von “teestubig vor­ge­tra­ge­nen Poe­sieal­bum­s­tex­ten” und von “harm­los poprock­enden Klän­gen”. Er bemän­gelt fehlende Aufmüp­figkeit und Rebellion.

Ich sel­ber habe beide Alben der Band und bin hin und her geris­sen. Es stimmt, die Texte klin­gen ein wenig nach Poe­sieal­bum und auch musikalisch zeich­nen sich Juli nicht ger­ade durch hohe Kom­plex­ität aus und trotz­dem gelingt es eini­gen Liedern immer wieder, mich zu packen. Vielle­icht, weil sie einen Nerv tre­f­fen. Nicht nur bei mir, son­dern auch bei all ihren Fans. Ich möchte hier ger­ade die Lieder als pos­i­tive Beispiele anführen, die Pfeil in seinem Artikel kri­tisiert und zwar anhand der­sel­ben Zitate:

Geile Zeit:

Die Nächte kom­men — die Tage gehen
Es dreht und wen­det sich
Hast du die Scher­ben nicht gese­hen
Auf denen du weit­ergehst


zitiert Pfeil hier den Text. Er sieht darin eine Erin­nerung an die ver­gan­gene Jugend und “Pusteblumen-Melancholie”.

Für mich sagen diese Zeile, in Kom­bi­na­tion mit ihrem musikalis­chen Aus­druck, etwas ganz anderes: Es geht um Abschied nehmen und loslassen kön­nen, um Hoff­nung und, vor Allem, um die Zukunft. Sie propagieren das Auf­ste­hen nach dem Fall und ver­teufeln die Res­ig­na­tion. Also run­dum pos­i­tiv und zukun­fts­ge­wandt, anstatt passiv-melancholisch und bedauernd.

Ein Neuer Tag:

Ich stehe ganz allein
Ich gehe über neu gestellte Weichen
Über Zäune
Über Leichen
Über Los, Los,Los
Ich gehe ganz allein

Auch hier geht es, in meinen Augen, nicht, wie Pfeil es schreibt, um “kar­ri­eris­tis­che Angstlosen-Rhetorik”, son­dern um Auf­bruch zu neuen Ufern, Mut und Energie. Es geht um Gestal­tung und Kraft, um Unab­hängigkeit und Indi­vid­u­al­ität. (Auch wenn sich über die Zeile “über Leichen” sicher­lich stre­iten lässt.) Und auch hier taucht wieder das Motiv des Auf­ste­hens nach dem Fall auf.

Meiner Mei­n­ung nach sind Bands wie Juli, die mit rel­a­tiv ein­fachen Mit­teln der­maßen emo­tionale und wichtige The­men ansprechen, heutzu­tage min­destens genauso wichtig, wie anspruchsvolle, gesellschaft­skri­tis­che und rebel­lis­che Bands. Sie bieten einen Anker, eine Fix­ierung, wie sie in der heuti­gen Welt anson­sten kaum noch zu finden ist.

Rebel­lion erfordert Reflex­ion, Reflex­ion erfordert Ken­nt­nis und Ken­nt­nis erfordert Ver­ankerung. Und Bands, wie bespiel­sweise Juli, kön­nen dabei helfen, diese Ver­ankerung zu schaf­fen. Unsere heutige Welt ist der­maßen kom­plex, reich an Her­aus­forderun­gen und Stolper­fallen, während sie gle­ichzeitig wenige Fix­punkte bietet, dass das, was Emile Durkheim “Anomie” (Werte– und Ori­en­tierungslosigket) nennt immer mehr einzutreten scheint. Lieder, wie die von Juli, kön­nen hier Grund­la­gen bieten und Hoff­nungslosogkeit und Res­ig­na­tion (ger­ade bei den zitierten Liedern) ent­ge­ge­nar­beiten. Wer über eine “pas­sive Jugend” schimpft, der sollte ger­ade auf solche Bands achten, die Aktiv­ität, Lebens­freude und indi­vidu­elle Kraft in den Mit­telpunkt ihrer Texte stellen.

Natür­lich wäre schön, wenn jeder Men­sch sich, im Sinne einer per­fek­ten Aufk­lärung, alle seine Ziele, seine Werte und Mei­n­un­gen durch kri­tis­che Fakten-Reflexion sel­ber erar­beitet. Aber dies ist, in meinen Augen, schlicht und ergreifend nicht möglich oder übersteigt zumin­d­est die geistige und vor Allem emo­tionale Leis­tungs­fähigkeit der Aller­meis­ten. Klare, unver­schlüs­selte Botschaften, ein­fache Emo­tio­nen und direkte Ansprache kön­nen hier Wun­der wirken.

Eine Welt, die von den Meis­ten ohne­hin schon als zu kom­pliziert und undurch­schaubar gese­hen wird, in “intellek­tuell anspruchsvollen” Lied­tex­ten weiter zu verkom­pliziern und verk­lausulieren ist sicher­lich auch(!) notwendig und mag dem “Kul­turkri­tiker” eher gerecht wer­den, es macht, aus der Sicht des “Gesellschafts­beobachters” aber den zweiten Schritt vor dem ersten.

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Kategorie: Gesellschaft
  • Ellen sagt:

    Das machst du toll! *knuddel*

    15. Dezember 2007 um 18:54
  • Ellen sagt:

    Im Übrigen kann man die Zeile “Über Leichen” auch fol­gen­der­maßen ver­ste­hen:
    Gele­gentlich ist es zum Erre­ichen der eige­nen Ziele unumgänglich, einen anderen Men­schen zu ver­let­zen, so schlimm das auf den ersten Blick klingt. Ein gutes Beispiel dafür ist das Ende einer Beziehung. Brächte es dem anderen mehr, wenn man bei ihm bliebe, unglück­lich?
    Ich finde ohne­hin, dass es keinem Kri­tiker wirk­lich zusteht, zu bew­erten, wie pos­i­tiv oder neg­a­tiv ein Sachver­halt zu ver­ste­hen ist. Insofern ver­stehe ich den Text ähnlich wie Pfeil, ver­suche nur, mich mit meiner Wer­tung zurückzuhalten.

    15. Dezember 2007 um 18:57

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