Noten als fairer Leistungsmaßstab?
Running away from the City by photos71
Es ist schon einige Zeit her, dass ich das letzte mal über die Aussagekraft von Noten geschrieben habe (Wissen nach Noten?), ein aktueller Artikel aus der Süddeutschen macht mal wieder deutlich, wie sehr das deutsche System auch an seiner Notengebung krankt. Heutzutage geht fast alles nach Noten: In einigen Bundesländern die Empfehlung beim Übergang zur Sekundarstufe, also die wichtigste Entscheidung in der Bildungskarriere eines Menschen, bei der Wahl eines Studienplatzes und schließlich auch bei der Bewerbung für eine Stelle. Immer wieder werden die Noten als wichtiges Kriterium für die Entscheidung herangezogen. Es stünde also eigentlich zu hoffen, dass Noten tatsächlich etwas aussagen, dass sie, wie es die Signaltheorie der Bildungsforschung es formuliert, ein verlässlicher Hinweis auf die Fähigkeiten und die zukünftige Leistung in Schule, Studium und Beruf sein können.
Ein aktueller Fall von einer bayerischen Grundschule zeigt nun, dass Noten keineswegs aussagekräftig sind und ist gleichzeitig ein erschreckendes Beispiel dafür, wie inmitten der deutschen Bildungsmisere, gute und fähige Lehrer systematisch demontiert und demotiviert werden:
Der Satz knallte ihr ins Gesicht wie eine Ohrfeige: “Sie haben sich an das Niveau der Parallelkollegen anzupassen!” Sabine Czerny, seit zehn Jahren Grundschullehrerin, konnte nicht fassen, was der Schulrat da in einer dienstlichen Unterredung befahl. Sich an das Niveau der Parallelklasse anzupassen – das hätte in ihrem Fall bedeutet, sich nach unten zu orientieren, schlechtere Resultate zu produzieren, nicht bessere.
Doch sie hatte richtig gehört: Was den Vorgesetzten aus dem Schulamt störte, war die Tatsache, dass die Kinder aus Sabine Czernys zweiter Klasse einer Grundschule im Münchner Umland so gut lernten, dass sich die Eltern der Parallelklassen beschwerten.
Was soll einem dazu noch einfallen? Da ist eine Lehrerin, die sich engagiert, die ihre Schüler für das Lernen begeistert und die sich regelmäßig in Fortbildungen auf den neuesten Stand der Pädagogik versetzen lässt und dann muss sie sich anhören: “Sie sind zu gut!” Sie kann ihre Schüler nicht nach deren tatsächlicher Leistung bewerten, weil das Notenspektrum ausgeschöpft werden soll und weil es ja “nicht sein kann, dass alle ihre Schüler so gut sind”. Dabei zeigt sich hier nur mal wieder, welches Potential in jedem Kind steckt, wenn es nur ausreichend gefördert wird. Wenn es motivierte Lehrer hat, die ihm den Spaß am Lernen vermitteln und nicht vermiesen. Es zeigt jedem, dass es nicht die Kinder sind, die “zu blöd” oder “zu desinteressiert” sind, sondern dass die Schule ihnen systematisch alle Motivation nimmt, etwas zu lernen und neugierig zu sein.
Es zeigt aber auch, wie wenig aussagekräftig Noten sind, weil sie von der durchschnittlichen Leistung einer Klasse abhängig gemacht werden. Da man von der Annahme ausgeht, dass Schulnoten, genau wie Intelligenz, annähernd normalverteilt ist, kann es nicht sein, dass sich in einer Klasse die guten Noten häufen, also müssen gute Schüler schlecht benotet werden. Wer in der einen Klasse locker eine eins bekommen hätte, bekommt in einer anderen vielleicht nur eine drei. Fair, objektiv und aussagekräftig ist das bestimmt nicht.
3 Kommentare
Ein Pingback
-
[...] verweise aber, weil dort schon alles klipp und klar steht, auf den entsprechenden Beitrag vom Weltenkreuzer. [...]







Ellen
3. August 2008, 02:48Dazu was zu sagen, ohne dabei grob unhöflich zu werden, fällt schwer…
Solche Lehrer sind es doch, die Lehramtstudenten wie mir den Mut machen, dass wir das auch hinkriegen können. Dass wir eines Tages mal gute Lehrer werden können – auch wenn uns noch nicht klar ist, wie das gehen soll.
In der Hoffnung, dass etwas solches an einem Gymnasium in einem Bundesland, das nicht Bayern heißt, nicht vorkommt, kümmere ich mich mal weiter darum, hoffentlich eines Tages ein exzellentes Englisch zu haben.
Horst
8. August 2008, 19:03Es muss eine Lawine losgetreten werden, sonst besteht die Gefahr, dass die mutige Sabine Czerny kaputt gemacht wird. Deutschland braucht viele Lehrerinnen mit ihrem Engagement, vor allem aber Bayern. Hier ist die Rückständigkeit besonders deutlich mit Händen zu greifen, wie an diesem Fall zu sehen.
Sabine Kiefner
14. August 2008, 19:36Wenn sich die Schulbehörde in dem Fall Czerny mit ihrem Handeln am Ende durchsetzen kann, welcher Lehrer wird sich in Zukunft dann noch trauen, sich für unsere Kinder zu engagieren?
Ich wünsche ihr auf jeden Fall gute Nerven und ein langes Durchhaltevermögen und hoffe, dass die Schulbehörden durch Einschalten der Medien einmal gezwungen sein werden, öffentlich zu dem Fall Stellung zu nehmen und zu erklären, warum das Engagement einer bewundernswerter Lehrerin nicht erwünscht bzw. ausgebremst wird.