Deutschland droht anscheinend ein Ärztemangel. Ob das stimmt, oder nicht, weiß ich nicht, aber unser Gesundheitsminister sieht darin wohl eine Gefahr für die deutsche Volksgesundheit. Daher will er den Numerus clausus (die Vergabe von Studienplätzen anhand des Notenschnitts im Abitur) für das Studienfach abschaffen und bei der Verteilung der Studienplätze stärker auf Auswahlgespräche an Universitäten setzen.
Wie das dazu führen soll, dass mehr Ärzte in ländlichen Regionen arbeiten wollen, ist mir allerdings aus verschiedenen Gründen schleierhaft:
- Durch eine Änderung des Vergabeverfahrens entstehen nicht mehr Studienplätze. Die Kapazitäten an den Universitäten bleibenbeschränkt und gerade für die teuren Medizin-Studienplätze müsste sehr viel Geld in die Hand genommen werden, das momentan niemand hat.
- Die Arbeit als Arzt in Deutschland wird dadurch nicht attraktiver. Der Spiegel schreibt selbst, dass in den Städten ein Überangebot besteht und gerade die ländlichen Regionen Probleme bekommen werden. Warum die durch Auswahlgespräche zugeteilten Studierenden eher bereit sollten, auf dem Land zu arbeiten, als die durch NC verteilten, weiß ich nicht. Außerdem ändert sich so nichts an den extrem schlechten Arbeitsbedingungen für Klinikärzte in Deutschland – sodass das Ausland für immer mehr eine verlockende Option darstellt.
- Entgegen zahlreicher Gerüchte ist das Lernen an der Universität wesentlich anspruchsvoller als das an der Schule. Auch wenn ich wahrlich kein Verfechter von Schulnoten als Leistungsmaßstab bin, lässt sich nicht leugnen, dass die, die schon in der Schule mit Biologie oder Mathe Probleme hatten, auch an der Universität massive Probleme bekommen.
Anstatt sich den wahren Problemen der deutschen Ärzte anzunehmen, hat Rösler anscheinend eine Möglichkeit gesucht, die ihn als Reformer dastehen lässt und nach außen hin gut durchdacht und wirksam erscheint. Beim näheren Hinsehen entpuppt sie sich aber leider als Symbolpolitik, die die wahren Probleme nicht angeht: keine attraktiveren Arbeitsbedingungen für Klinikärzte, die aktuell in Deutschland gut und teuer ausgebildet werden und dann ins Ausland abwandern, und keine Programme, die die Niederlassung in ländlichen Regionen attraktiver machen.
Ich sehe in dem Vorhaben sogar die Gefahr, dass es für Abiturienten, die als Erste in ihrer Familie eine so hohe Ausbildung abgeschlossen haben, (noch) schwieriger wird, einen Studienplatz in Medizin zu bekommen: Schulnoten erwirbt man sich über Jahre hinweg in der Interaktion mit Lehrern, die zumindest grundlegend in der fairen Bewertung von Schülern ausgebildet sind. Lernfähigkeit und die Entwicklung über die Zeit fließen dabei durchaus in die Notengebung ein. In einem Auswahlgespräch zählen jedoch auftreten und der richtige Habitus: Das richtige Wort zur richtigen Zeit, die richtige Kleidung und die Fähigkeit souverän auf hohem Niveau Smalltalk zu halten. Das sind aber Dinge, die nicht alle Schüler in der Schule behandeln, sondern die man in seiner Familie, von seinen Eltern und dem engen Umfeld lernt. Die, deren Eltern sich bereits auf akademischem Parkett bewegen, wären dadurch klar im Vorteil.
(Quelle: SpiegelOnline)

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