Dass Frauen heutzutage in der Gesellschaft benachteiligt werden ist hinlänglich bekannt und wird immer wieder gerne betont. Ich will an dieser Stelle den Spieß einfach mal umdrehen und ein paar Punkte anführen, inwiefern Männer heutzutage Frauen gegenüber benachteiligt werden:
Erziehung: Nahezu die komplette Erziehung bis zur Sekundarstufe I außerhalb der Familie erfahren Kinder – und damit auch Jungs – von Frauen. Ich kenne keine Zahlen, aber “Tagesväter”, “Kindergärtner” und “Grundschullehrer” sind in meiner Wahrnehmung auf jeden Fall Exoten und keineswegs die Regel. Eine einseitige Erziehung, fehlende männliche Rollenvorbilder und eine Dominanz von Werten, die tendenziell eher von Frauen vertreten werden. Wie es Ralf Neukirch in einem lesenswerten SpiegelOnline-Artikel pointiert ausdrückt:
Dazu gehört die Überzeugung, dass Verhalten, das typisch männlich ist – oder als solches gilt -, schlecht ist. Jede harmlose Schulhofrangelei steht mittlerweile unter Gewaltverdacht und wird unterbunden. Natürlich ist es sinnvoll, kleinen Jungen zu erklären, dass Schlagen keine Lösung ist. Aber muss bei jeder Rauferei gleich der Konfliktlotse angerannt kommen?
Der Unterricht, schreibt der Frankfurter Bildungsforscher Frank Dammasch, sei eher an weibliche Formen des Lernens und Gestaltens angepasst. Wenn sich Jungen wie Jungen verhalten, wird dies dagegen sanktioniert.
Auch bei der Benotung in der Schule werden Jungen mittlerweile offenbar systematisch benachteiligt, indem sie für gleiche Leistungen schlechter benotet und für ihr unangepassteres Verhalten bestraft werden (Quelle)
Berufsleben: Es gibt zahlreiche Bereiche, in denen Männern Frauen gegenüber massiv unterrepräsentiert sind: Auch hier, ohne genaue Zahlen zu kennen, tippe ich auf Lehrer (insb. Grund- und Sonderschule), Arzthelfer, Pfleger, Kunst und Kultur, Kommunikation und Marketing usw. Ich warte ja immer noch auf Programme, die versuchen, Jungs für den Lehrerberuf oder die Sozialpädagogik zu begeistern…
Familie: Auch in der modernen Familie ist die Rollenverteilung eindeutig: der Mann sorgt dafür, dass die Familie gesichert ist, die Frau verdient etwas dazu, wenn sie einen Job findet. Ab einem gewissen Wohlstand hat die Frau also prinzipiell die Wahl, ob sie arbeiten, sich eine Familie “zulegen” oder sich ehrenamtlich engagieren wil, der Mann sorgt ja für das Einkommen und sein Karrierestreben sichert seinen Arbeitsplatz auch für die nächsten Jahre. Der Mann hat keine Wahl. Er muss sich in die Mühlen eines Unternehmens begeben und das Geld heranschaffen. Gleichzeitig soll er bitte noch die Rente für beide Eheparnter sichern, als “emanzipierter” Mann seinen Teil der Hausarbeit leisten und sich in der Erziehung und Betreuung der Kinder einbringen…. Wieder pointiert ausgedrückt, diesmal von der Sängerin Annett Louisan:
sie nennt ihn männlich nur wenn er ihr nützt
wenn er sie füttert, wenn er sie beschützt
wenn er nicht spurt, ist er ´n chauvinist, wenn er spaß hat ´n egoist
(er)
Schön und gut, jetzt wissen wir also, dass auch Männer Frauen gegenüber oftmals benachteiligt sind. Und nu? Werfen wir uns gegenseitig unser Leid an den Kopf und schauen, wer als erstes in die Knie geht? Hetzen wir zwei Stellvertreter aufeinander los und wer als erstes blutet verliert?
Ich glaube nicht, dass das aktuelle System von institutionalisiertem Feminismus und etablierter positiver Diskriminierung von Frauen wirklich zu einer Lösung der Probleme führt. Vielmehr müsste es darum gehen, ein Rollenverständnis zu entwickeln, dass einerseits dem Streben nach Glück jedes Einzelnen gerecht wird – egal ob Mann oder Frau – und das gleichzeitig die funktionalen Anforderungen, die unsere modernen Systeme an die Gesellschaft stellen, in angemessener Form erfüllen kann.
Grundsätzlich gibt es für ein solches System in meinen Augen zwei Möglichkeiten, zwischen denen im Grunde eine “einfache” Frage entscheiden würde: Sind Männer und Frauen nur durch ihre Erziehung unterschiedlich oder gibt es tatsächliche, systematische Unterschiede in den Interessen und Fähigkeiten von Frauen und Männern?
Wenn man annimmt, dass Frauen und Männer sich nur durch ihre Erziehung von einander “entfernen”, ist das Idealbild einfach gemalt: Alles gleich. Gleiche Erziehung, gleiche Bildung, gleiche Werte, gleiche Karrierewege… Geht man aber davon aus, dass es eben doch “den kleinen Unterschied” gibt, – und bin mir dessen, ehrlich gesagt, ziemlich sicher – wird die Sache deutlich komplizierter. Ungleiche Verteilungen auf Berufsfelder, ungleiche Aufstiegschancen usw. sind dann nämlich nicht zwangsläufig auch ungerecht und das können Feministinnen ja nun schwerlich zugeben…

Ein Kommentar bisher
06:54 Uhr
“Geht man aber davon aus, dass es eben doch “den kleinen Unterschied” gibt, – und bin mir dessen, ehrlich gesagt, ziemlich sicher – wird die Sache deutlich komplizierter. Ungleiche Verteilungen auf Berufsfelder, ungleiche Aufstiegschancen usw. sind dann nämlich nicht zwangsläufig auch ungerecht und das können Feministinnen ja nun schwerlich zugeben…”
Ich glaube auch, dass es “den kleinen Unterschied” gibt, habe damit kein Problem und halte auch nicht jede Ungleichheit für Ungerechtigkeit. Nur die Konsequenzen, vor allem für die Frauen, sind fatal, weil nicht gleichwertig gewichtet wird.
PermalinkDas, was wohl eher Stärke von Frauen ist, alles “rund ums Menschliche” wird gesellschaftlich als Selbstverständlichkeit hingenommen, ja sogar erwartet und eingefordert, am liebsten ehrenamtlich, und wenn bezahlt, dann sehr schlecht.
Familienforscherin Gisela Erler: “Je näher eine Arbeit am Menschen verrichtet wird, desto billiger wird sie. Je abstrakter, je technischer, desto teurer wird Arbeit bezahlt.”
Ich will gar keinem Feminismus das Wort reden, der nie meine Sache war – vielleicht ist das Problem ein viel Generelleres: die zunehmende Missachtung des Menschlichen schlechthin, die immer mehr um sich greift.
Ein Trackback bisher
[...] Form, in der die Debatte immer noch geführt wird, hatte ich an anderer Stelle schon hingewiesen (Mann und Frau – eine unendliche Geschichte…), eine aktuelle Studie der Bertelsmannstiftung, über die die SZ berichtet, erlaubt nun neue [...]