Klassenkampf mit Günter Wallraff
Am Montag war Günter Wallraff bei uns in der Uni zu Gast. Nachdem der ehemalige DGB-Vorsitzende der Region Oldenburg/Wilhelmshaven mit einer kämpferischen Ansprache den Ton für den Rest des Abends vorgab, kam die sozialwissenschaftliche Absolution für Günter Wallraffs Recherchemethoden wesentlich leiser und (leider) soziologie-typisch unnötig verschwurbelt daher. Meine Hoffnung, dass auf diese beiden einleitenden Passagen eine prägnante und reflektierte Gesellschaftsdiagnose Wallraffs folgen würde, wurde leider auch enttäuscht.
Wallraff berichtet von seinen Recherchen, den Arbeitsbedigungen bei einem Lidl-Backwaren-Zulieferer oder in unterschiedlichen Call-Centern. Er beschreibt seine Zeit als Obdachloser auf den Straßen Europas, die Zustände in einer besonders skandalösen Notschlafstelle und seinen Kampf um die Schließung dieses ehemaligen Bunkers. Dabei erzählt er unterhaltsam und konnte auch bei mir die Empörung über diese Zustände wecken.
Durch diese Nähe, die Wallraff zu den Menschen, die unter solchen Umständen Leben und Arbeiten müssen, aufbaut, verliert er jedoch leider den reflektierten und einordnenden Blick für das Ganze. Während er ein sehr differenziertes Bild der sozial Schwachen in den von ihm beschriebenen Extremfällen zeichnet, springt er aus dieser Beschreibung sehr schnell und sehr pauschal zu einer Bewertung unserer aktuellen Gesellschaft.
Dabei bedient er sich – bewusst oder unbewusst – des Tricks, von der Seite, für die er Sympathien wecken will, ein sehr differnziertes Bild zu zeichnen, während “die Bösen” sehr holzschnittartig und pauschal abqualifiziert werden. So beschreibt er beispielsweise sehr eindrucksvoll, wie die Mitarbeiter in Call Centern durch sozialen Druck dazu motiviert werden, sich an den betrügerischen Machenschaften zu beteiligen, qualifiziert Manager aber pauschal ab. Dass auch diese sozialem Druck unterliegen und hier dieselben Mechanismen wirken, die bei den “Schwachen” als Entschuldigung dienen, lässt er einfach mal unter den Tisch fallen.
Wallraff hat sich bei dieser Veranstaltung als braver Klassenkämpfer und Unterstützer der linken Sache produziert. Er kämpft weiter die Kämpfe der Industriegesellschaft zwischen ausgebeuteten Arbeitern und Arbeitnehmern und den ausbeutenden Managern. Zukunftsperspektiven oder neue Formen der Arbeit spielen hier keine Rolle. Er bedient das Publikum mit dem, was es erwartet: Bestätigung für die eigene Schwarz-Weiß-Weltsicht. Und erntet entsprechend vorhersehbaren Applaus für vorhersehbare Parolen.
Damit wird auch deutlich, was Wallraff selbst im Laufe der Veranstaltung zugegeben hat: Das Abstrakte ist nicht seine Sache. Er ist gut darin, konkrete Missstände aufzudecken, Anekdoten zu erzählen und im Einzelfall für die Rechte Schwacher zu kämpfen. Als reflektierter und reflektierender Analytiker unserer Gesellschaft taugt er (leider) weniger.






