Weltenkreuzer

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Ist die Piratenpartei wählbar? — Verschenkte Stimme

Die Piraten haben ohne­hin keine Chance, in den Bun­destag einzuziehen und mit einer Stimme für sie würde ich Schwarz-Gelb unterstützen

Hier haben wir es mit einer klas­sis­chen selb­ster­fül­len­den Prophezeiung zu tun: Wenn viele Men­schen so denken und deswe­gen nicht die Piraten wählen, scheit­ern sie an der 5%-Hürde. Hätte es diese Zweifel nicht gegeben, hät­ten sie die 5% aber vielle­icht sogar geschafft. Das Prob­lem solcher selb­ster­fül­len­den Prophezeiun­gen ist, dass es keinen sicheren Mech­a­nis­mus gibt, sie zu durch­brechen und man lei­der nicht umhin kommt, das Risiko einzugehen.

Aber selbst wenn die Piraten an der 5%-Hürde scheit­ern (was ich für sehr wahrschein­lich halte), ist die Stimme nicht ver­schenkt. Nicht umsonst haben die Piraten mit­tler­weile (zumin­d­est inof­fiziell) ein deut­lich real­is­tis­cheres Wahlziel: 3%. Dieser Wert würde dazu führen, dass die Piraten in der Wahlberichter­stat­tung nicht als “Sonstige”-Partei gezählt wer­den, son­dern einen eige­nen Balken bekä­men. Eine Kleinigkeit, kön­nte man denken. Man muss dabei jedoch zwei Sachen beachten: Erstens wäre ein solches Ergeb­nis ein lauter Schuss vor den Bug der etablierten Parteien, da die Piraten dann nicht mehr als exo­tis­che Mini­partei abge­tan wer­den kön­nten, son­dern sich gezeigt hätte, dass ihre The­men ein großes Wäh­ler­po­ten­tial bieten. Ich ver­mute, dass dies ger­ade der SPD in ihrer aktuellen Krise zumin­d­est im Hin­blick auf ihre Net­zpoli­tik ein wenig zu denken geben würde. Es stellt sich ein­fach momen­tan die Frage, wie man das Thema Net­zpoli­tik am effek­tivsten und kom­pe­ten­testen in der Poli­tik etablieren kann. Dazu kann man entweder eine der etablierten Parteien wählen, die der eige­nen Mei­n­ung am näch­sten ist, oder den Piraten die Stimme geben. Lei­der sehe ich momen­tan bei keiner der etablierten Parteien genü­gend Kom­pe­tenz, auch wenn zumin­d­est das Pro­gramm der Grü­nen hier halb­wegs vernün­ftig wirkt.

Es gibt aber auch noch eine andere Entschei­dung, die jeder Sym­pa­thisant der Piraten­partei tre­f­fen muss: Wer jetzt eine der etablierten Parteien wählt, bestätigt sie damit in ihrer Arbeit. Er gibt ihnen das Sig­nal, mit ihrer Arbeit zufrieden zu sein und wie bisher weit­er­ma­chen zu kön­nen. Jeder kennt doch solche Aus­sagen wie “Die Bevölkerung hat uns ein klares Man­dat erteilt” oder “Die Mehrheit der Deutschen steht hin­ter uns.” Jeder, der eine der etablierten Parteien wählt, sollte sich nun fra­gen, ob er dieser Partei tat­säch­lich guten Gewis­sens dieses umfassende Man­dat geben kann und sie in ihrer bish­eri­gen Arbeit bestäti­gen will. Kurzfristig kann man seine Inter­essen so vielle­icht stärker durch­set­zen und beispiel­sweise Schwarz-Gelb ver­hin­dern, langfristig bestätigt man so die etablierten Parteien aber so in ihrer Arbeit.

Auch hier gilt wieder: Wer weiter “so wie bisher” will, der kann und sollte etabliert wählen, wer langfristig etwas ändern will, muss vielle­icht kurzfristig etwas zurück­treten und lan­gen Atem beweisen. 

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Kategorie: Gesellschaft
  • Till sagt:

    Ich sag’s ja ungern: aber erstens glaube ich kaum, dass 3% automa­tisch zu einem Balken führen — ob die Medien über die Piraten reden oder nicht, hängt eher davon ab, was es sonst so span­nen­des gibt. Wahlkampfkosten­rück­er­stat­tung gibt’s natür­lich trotz­dem — aber schon ab 0,5%. Zweit­ens fehlt mir hier aber ein wichtiges Argu­ment: nicht alle etablierten Parteien sind gle­ich, es gibt welche, die näher an den Zie­len der Piraten dran sind, und welche, die sehr weit weg davon sind. Ich würde z.B. behaupten, dass die Grü­nen dass Pro­gramm der Piraten kom­plett mit­nehmen. Aber das mag jede/r anders sehen. Nur: die max­i­male Dis­tanz zu piratis­chen Inhal­ten ist doch wohl bei der CDU zu sehen. Und jede Piraten­stimme trägt let­ztlich dazu bei, die CDU zu stärken bzw. Alter­na­tiven zu schwarz-gelb weniger wahrschein­lich zu machen. Insofern ist an dem polemis­chen Spruch “Eine Stimme für die Piraten ist eine Stimme für Schäu­ble” schon was dran.

    22. September 2009 um 11:00
  • Till sagt:

    (Neben­bei: “die Piraten bleiben unter 5%” ist für mich kein Beispiel für eine selb­ster­fül­lende Prophezeiung, son­dern für eine diskur­sive Schließung — aus jeder Menge Hoff­nun­gen und Erwartun­gen, Umfra­gen und Einzel­wahrnehmung hat sich im Lauf des Wahlkampfs die “diskur­sive Wahrheit” her­aus­ge­bildet, dass das Poten­zial der Piraten bei unge­fähr 2–3% liegt. Auf diese Erwartung richtet sich natür­lich auch das Handeln.)

    22. September 2009 um 11:03
  • Weltenkreuzer sagt:

    @Till: Danke für deine Kommentare.

    Ich habe ja dur­chaus geschrieben, dass das Pro­gramm der Grü­nen dur­chaus mit der Piraten­partei kom­pat­i­bel ist. Der Blick auf die Enthal­tun­gen bei der Zensursula-Abstimmung und die zu Zeiten der Rot-Grünen Regierung beschlosse­nen Maß­nah­men lässt mich aber daran zweifeln, dass dieses Thema auch eine hohe Pri­or­ität genießt und die Grü­nen da ver­lässlich sind.

    Es stimmt auch, dass jede Stimme für die Piraten “eine Stimme für Schäu­ble” ist, aber ander­sherum ist jede Stimme für eine der etablierten Parteien eine Stimme für “macht weiter so Poli­tik wie bisher”. Ich denke, eines der großen Prob­leme der deutschen Poli­tik momen­tan ist, dass Wahlentschei­dun­gen immer weniger auf pos­i­tiven Argu­menten beruhen (“Ich finde gut, was die machen”), son­dern mehr und mehr die Wahl des kleineren Übels sind. Die einzige Möglichkeit für die unzufriede­nen Wäler tat­säch­lich etwas am Poli­tik­stil (nicht unbe­d­ingt Inhalt) in Deutsch­land zu verän­dern ist in meinen Augen die Piraten­partei und alles andere ein “weiter so” und das kann ich immer weniger mit meinem Gewis­sen vereinbaren.

    Wieso siehst du darin keine selb­ster­fül­lende Prophezeiung? Der Diskurs schließt sich bei 2–3% und dementsprechend ist das Ergeb­nis, eben auch weil einige ihre Stimme nicht “ver­schenken” wollen. Wenn er sich nicht dort geschlossen hätte, kön­nte das Ergeb­nis höher sein…

    22. September 2009 um 18:30
  • Weltenkreuzer sagt:

    @Till: Als Nach­trag hier noch die Quelle zum eige­nen Balken: http://klarmachen-zum-aendern.de/2009/09/eigener-balken-ab-3/

    22. September 2009 um 18:31

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