Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

Ist die Piratenpartei wählbar? — Katze im Sack

Die Piraten haben kein voll­ständi­ges Wahl­pro­gramm. Ich wähl doch nicht die Katze im Sack.

Was sind denn die schön aus­gear­beit­eten Wahl­pro­gramme der etablierten Parteien wirk­lich wert? Dass sie keineswegs die Grund­lage für die Poli­tik der neuen Leg­is­laturpe­ri­ode sind, haben doch schon mehrere Poli­tiker öffentlich einge­s­tanden, sei es Ade­nauers “Was inter­essiert mich mein Geschwätz von gestern” oder Mün­te­fer­ings “Es ist unfair, Poli­tiker an ihren Wahlver­sprechen zu messen”. Wahl­pro­gramme kön­nen daher höch­stens als ganz grobe Richtschnur dessen ver­standen wer­den, was nach der Wahl passiert, wenn die entsprechende Partei an der Regierung beteiligt ist.

Richtig, die Piraten haben momen­tan nur das Thema Frei­heit und Bürg­er­rechte mit einem sehr starken Fokus auf das Inter­net, aber hier haben sie echte Kom­pe­tenz. Sie wis­sen, wovon sie reden und kön­nen die Fol­gen ihrer Entschei­dun­gen abschätzen. Außer­dem ist es bei einer monothe­ma­tis­chen Partei sehr unwahrschein­lich, dass sie, soll­ten sie tat­säch­lich an einer Regierung beteiligt sein (was ich nicht glaube), ihre Ansichten hier nicht mit aller möglichen Vehe­menz durch­set­zen würden.

Bei einer Wahl kann es nicht in allen Bere­ichen um Sachentschei­dun­gen gehen, weil nicht vorherse­hbar ist, wie sich die Poli­tik in den näch­sten Jahren entwick­eln wird und welche Sau näch­sten Monat durch’s Dorf getrieben wird. Daher gilt es, mit der Stimme bei der Wahl sein Ver­trauen gegenüber einer Gruppe auszu­drücken, bei den aufk­om­menden The­men die richti­gen Entschei­dun­gen zu tre­f­fen und, wenn möglich, einige wenige The­men sel­ber aktiv voranzutreiben. Da stellt sich mir bei dieser Wahl dann die Frage: Gebe ich meine Stimme den etablierten Poli­tik­ern, die wieder und wieder bewiesen haben, dass sie in erster Linie am Erhalt der Macht inter­essiert sind, sich wenig um sach­liche Argu­mente küm­mern und die anscheinend in erster Linie von etablierten Lob­by­grup­pen “beraten” wer­den oder riskiere ich es, für vier Jahre mein Ver­trauen in eine Gruppe zu set­zen, inner­halb der ich mich bewege und die ich per­sön­lich als fähige, besonnene und mit gesun­dem Men­schen­ver­stand aus­ges­tat­tete Men­schen erlebt habe: Junge, gut gebildete Men­schen mit naturwissenschaftlich-technischem Hintergrund.

Es kann bei einer Wahl also nicht um Sachentschei­dun­gen in jedem einzel­nen Gebiet gehen, vielmehr geht es um das Ver­trauen in die Poli­tiker, die richti­gen Entschei­dun­gen zu tre­f­fen. Dabei geht es nicht um die Größe des Dekol­letés oder die Menge Arsch in der Hose, son­dern um Kom­pe­tenz, Offen­heit und gesun­den Men­schen­ver­stand. Es bleibt also für mich die Entschei­dung zwis­chen “Ich war schon oft von ihnen ent­täuscht, aber immer­hin ist die Welt noch nicht unterge­gan­gen” und “Ich habe zwar noch keine Erfahrung mit ihnen, aber sie machen einen guten ersten Ein­druck”.  Wer auf Num­mer sicher gehen will, der sollte weit­er­hin die Etablierten wählen, darf sich aber dann nicht beschw­eren, wenn alles bleibt, wie es ist.

Be Socia­ble, Share!
Kategorie: Gesellschaft
  • JanZ sagt:

    Wahl­pro­gramme kön­nen daher höch­stens als ganz grobe Richtschnur dessen ver­standen wer­den, was nach der Wahl passiert, wenn die entsprechende Partei an der Regierung beteiligt ist.“. Eben, und darum ist ein Wahl­pro­gramm, das nur als grobe Richtschnur dient, m.E. immer noch besser als gar keins. Ich kenne ja nun einige junge, gebildete Men­schen und habe fest­gestellt, dass ger­ade dort gilt „Zwei Leute, drei Mei­n­un­gen“. Und einige dieser Mei­n­un­gen sind wirk­lich so haarsträubend, dass ich ungern diese Per­so­nen an der Regierung sehen möchte. Allein das Kri­terium „jung und gebildet“ ist jeden­falls kein Garant, dass die Ange­höri­gen einer Partei immer „richtige“ Entschei­dun­gen tre­f­fen.
    Trotz­dem ist dieses Konzept („kein Parteipro­gramm, kein Frak­tion­szwang“) sicher span­nend. Funk­tion­ieren kön­nte es vielle­icht mit einem reinen Mehrheitswahlrecht, in dem jeder Kan­di­dat seine Posi­tio­nen grob darstellt. Bei einer Lis­ten­wahl, wie wir sie jetzt haben, weiß ich ja nicht, wer für meine Stimme ins Par­la­ment kommt und welche Ansichten er let­z­tendlich vertritt.

    Fazit: Ob einem die Aufhe­bung von zwei Geset­zen so wichtig ist, dass man allein deswe­gen eine Partei wählt, muss jeder sel­ber entschei­den. Ich bin jeden­falls etwas alt­modisch und hätte gerne ein Min­i­mum an Pro­gramm, bevor ich irgendwo mein Kreuz mache und eben nicht die Katze im Sack wähle.

    26. Oktober 2009 um 19:39
  • JanZ sagt:

    Nun, nach dem Lesen der Web­site der Partei muss ich zumin­d­est das Argu­ment zurück ziehen, dass der einige Pro­gramm­punkt die Abschaf­fung von zwei Geset­zen (Inter­netsperre und Vor­rats­daten­spe­icherung) ist. Allerd­ings muss ich auch sagen, dass ich nach der Diskus­sion in Nürn­berg eben diesen Ein­druck hatte, da der Ref­er­ent meiner Erin­nerung nach sagte, dass man sich nicht ein­mal beim Urhe­ber­recht auf eine Posi­tion eini­gen kon­nte.
    Mein Fazit bleibt: Nette Idee, die aber (noch) nicht so richtig zu den beste­hen­den Ver­hält­nis­sen passt. Und mit der starken Beto­nung von Com­put­erthe­men kann ich ein­fach nicht viel anfan­gen, weil das Thema für mich trotz starker Nutzung von Rech­ner und Inter­net ein­fach nicht so wahnsin­nig wichtig ist.

    27. Oktober 2009 um 20:01
  • Weltenkreuzer sagt:

    Du hast schon recht, dass der Fokus auf das Thema Inter­net sicher­lich auf die Dauer nicht aus­re­ichend ist. Für mich zeich­net sich die Piraten­partei aber auch nicht in erster Linie durch ihre Inhalte aus, son­dern durch ihr Selbst– und Poli­tikver­ständ­nis. Sie ist in meinen Augen die einzige Partei, die der “Herrschaft der alten Säcke” ein wenig ent­ge­gen­treten kann.
    Das Thema “Com­puter” ist dabei im Prinzip nur der Kristalli­sa­tion­spunkt, an dem sich junge, hoch gebildete und poli­tisch ganz und gar­nicht ver­drossene Men­schen tre­f­fen und ver­suchen, sich in die Entschei­dun­gen einzu­mis­chen, die unsere Zukunft bestimmen.

    28. Oktober 2009 um 22:45
  • JanZ sagt:

    …, was man ihnen wirk­lich nicht ver­denken kann. Inter­es­sant wäre es zu erfahren, ob eine starke Piraten­partei es wirk­lich schaf­fen kann, die Poli­tik zu verän­dern, oder ob es eher umgekehrt kom­men würde. Let­zteren Fall hat man bei den Grü­nen erlebt, die auch mit inno­v­a­tiven Konzepten wie der Tren­nung von Amt und Man­dat oder dem Rota­tion­sprinzip ange­treten und inner­halb von zehn Jahren eine „etablierte“ Partei gewor­den sind. Meiner Ansicht nach gibt es bes­timmte Geset­zmäßigkeiten, die schwer auszuhe­beln sind (Macht ist attrak­tiv und notwendig, um die eige­nen Ziele durchzuset­zen; um Macht zu erlangen/erhalten, muss man sich ver­biegen). Inwieweit dieses Aushe­beln einer Gruppe wie der Piraten­partei gelin­gen kann, muss sich zeigen.

    30. Oktober 2009 um 23:45

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

*