Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

Gier und die Wirtschaftskrise

Dass es keines­falls so ein­fach ist, die aktuelle Wirtschaft­skrise mit der “Gier der Banker” zu erk­lären, zeigt der Bam­berger Sozi­ologe Ger­hard Schulze (bei dem ich sel­ber studiert habe) in einem äußerst lesenswerten, wenn auch ziem­lich fach­sozi­ol­o­gis­chen Essay in der WELT auf (Die Milch­mäd­chen­rech­nung):

In der gegen­wär­ti­gen Weltwirtschaft­skrise fungiert der Vor­wurf der Gier bloß als eine Art Blitz­ableiter. Man wird damit Aggres­sio­nen los, sieht sich auf der Seite der Guten und hat das schöne Gefühl, die Welt zu ver­ste­hen. Ein ähnliches Phänomen gibt es auch in der Medi­zin; Ärzte sprechen in diesem Zusam­men­hang vom Kausal­itäts­bedürf­nis der Laien. Patien­ten wollen einen Namen für ihre Symp­tome. Durch Etiket­tierung mit einem Krankheits­be­griff entsteht ein Gefühl des Begreifens, das heilend wirken kann, so falsch der Begriff vielle­icht sein mag. Ana­log lässt sich die Diag­nose “Gier” als ein ent­las­ten­der moralis­cher Pathol­o­gisierungsre­flex ver­ste­hen. Doch anders als in der Psy­cho­so­matik gibt es in der Ökonomie keinen Placeboeffekt.

(Via Sozi­olo­gie und ihre medi­ale Aufmerk­samkeit)

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Kategorie: Gesellschaft
  • DeanG sagt:

    Also ich habe eben den Artikel in der Welt gele­sen. Zum einen finde ich ihn überhaupt nicht zu fach­sozi­ol­o­gisch son­dern vom sozi­ol­o­gis­chen und vor allem, psy­chol­o­gis­chen Aspekt sehr nachvol­lziehbar.
    Was ich jedoch als fast sträflich anmaßend erachte ist, wenn ein Sozi­ologe den Neolib­er­al­is­mus in einer Weise beschreibt und darstellt als wäre er ein Muster­schüler von Mil­ton Fried­mann gewe­sen. Ich kann es nur seiner Unwis­senheit oder einer zu groben Umschrei­bung unter­stellen das er dem Neolib­er­al­is­mus Qual­itäten unter­stellt deren Man­gel, oder deren Leug­nung, ihnen die meiste Kri­tik ein­brachte.
    Ich möchte das nicht zu sehr ver­tiefen aber es lässt mir die Nack­en­haare zu Berge ste­hen wenn ich lese das der Neolib­er­al­is­mus sich für Regeln und Rah­menbe­din­gun­gen ein­setzt. Diese Herrschaften haben Ein­drucksvoll, in Wort und Tat (und das quer über den Globus, von Chile über Polen und Rus­s­land bis nach China) gezeigt was sie von geregel­ten Struk­turen hal­ten. (Nach Fried­mann ein Ein­griff in das natür­liche Gle­ichgewicht des Mark­tes).
    Es ist schon sehr schlimm wie manche Men­schen glauben aus ihrer Fachkom­pe­tenz in einem Bere­ich sich diese auch für andere Bere­iche ableiten zu kön­nen.
    Sollte dem nicht so sein würde mir nur eine Annahme der beab­sichtigten Irreführung (oder mas­siver Lob­b­yarbeit) als Alter­na­tive einfallen.

    26. April 2009 um 07:12
  • Weltenkreuzer sagt:

    Ich denke, Schulze will hier zwei ver­schiedene Grup­pen unter­schei­den: Die, die den Neolib­er­al­is­mus erdacht und in seiner Grund­form etabliert haben und die, die sich heute die “Märkte sind frei”-Komponeten her­aus­picken und ihre eigene Ide­olo­gie damit recht­fer­ti­gen. Denn der heutige “freie Markt” hat durch seine ungle­iche Infor­ma­tionsverteilung, Intrans­parenz und Mach­tansamm­lung tat­säch­lich nicht viel mit dem Ideal der “klas­sis­chen” neolib­eralen Wirtschaft­s­the­o­rie zu tun.

    26. April 2009 um 17:18

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