Fußball fürs Volk!

Running away from the City by photos71

Es sieht nicht gut aus in Deutschland, Europa und der Welt: Im Golf von Mexiko strömt immer noch das Öl ins Meer, in Spanien droht ein Generalstreik, in Belgien gewinnen die Separatisten die Wahl, in den Niederlanden treibt ein Rechtspopulist die etablierten Parteien vor sich her und in Deutschland zerbrechen die ersten gesetzlichen Krankenkassen. Unsere Regierung wirkt bei dem Ganzen wie ein überforderter Kindergarten: Sie ergeht sich lieber in persönlichen Scharmützeln oder hofft auf nebulöse “globale Minderausgaben”, um ein beispielloses Sparpaket umzusetzen, das kaum jemand außerhalb von CDU, CSU und FDP für sozial gerecht hält, als überlegt, reflektiert und mit gesundem Menschenverstand die Probleme Deutschlands anzugehen.

Aber wen interessiert das denn? Seit Freitag ist doch Fußball-WM! Wenn am anderen Ende der Welt knapp 640 Feldspieler dem Ball hinterherlaufen und 96 Torhüter mit Glanzparaden durch den Strafraum hechten, können uns solche Lappalien doch egal sein. Wenn Khedira und Schweinsteiger das deutsche Spiel kontrollieren, Özil die perfekte 10 spielt, Thomas Müller der Shootingstar des Eröffnungsspiels ist und sogar Miro Klose wieder trifft, wen interessieren da die Langweiler in Berlin? Und so verschwinden alle Themen, die letzte Woche noch unsere Nachrichten dominiert haben aus der öffentlichen Wahrnehmung und ganz Deutschland kennt nur noch Fußball, Fußball, Fußball. Warum auch nicht? Fußball ist spannend, emotional und mitreißend. Er ist (manchmal) überraschend, abwechslungsreich und macht einfach Spaß. Man fühlt sich als Teil einer Gruppe, fiebert auf vollen Fanmeilen mit der Nationalmannschaft und kann am Ende sogar jubeln. Alle ziehen an einem Strang und geben ihr Bestes. Man hat das Gefühl, dass etwas passiert, sich etwas bewegt und verändert – und zwar zum Besseren.

Wie anders wirkt die Politik der letzten Monate und Jahre: Stillstand pur. Kein Elan, kein Ruck, noch nicht mal eine einheitliche Sprache. Heute “Hü”, morgen “hott”. Und immer negativ: Extremismus, Krise, Sparpaket. Keine Gestaltung, keine Bewegung. Politik ist mittlerweile weit, weit weg von den Menschen. Sie schwebt in einem eigenen Kosmos mit einer eigenen Logik, den niemand mehr versteht. Es ist für die Menschen nicht nachvollziehbar, wie die Mehrwertsteuer für Hoteliers gesenkt und gleichzeitig das Elterngeld für HartzIV-Empfänger gestrichen werden kann. Und sie fühlen sich machtlos: Nach den Wahlen haben die Wähler keine Chance mehr, ernsthaft in die Entscheidungen der Regierung und des Parlaments einzugreifen. Sie müssen das, was passiert, hinnehmen und haben erst in drei Jahren wieder die Chance, ihre Meinung kundzutun. Und da haben sie dann die Wahl zwischen denen, die jetzt “dran” sind, und denen, die bis letztes Jahr mit “dran” waren. Da ist keine Möglichkeit, Gestaltung, Kreativität und Fortschritt zu wählen. Nur alte Männer und Frauen, die sich ihre Politik dem Augenschein nach von Lobbyisten diktieren lassen.

Da kann man es doch niemandem verübeln, der sich lieber in ein Trikot wirft und mit tausenden Anderen der Nationalmannschaft zujubelt, der lieber über Gomez’ Form- als über Merkels Führungsschwäche diskutiert und unfaire Schiedsrichterentscheidungen wichtiger findet als unfaire Sparpakete. Die Politik darf sich dann aber auch nicht wundern, wenn wie in Belgien und den Niederlanden, extremistische Parteien an Zulauf gewinnen und die Wahlbeteiligung von Jahr zu Jahr sinkt. Und niemanden darf es überraschen, wenn in den nächsten Jahren die Sozialsysteme in Deutschland kollabieren, der Euro immer schwächer wird und unser Wohlstand sich in Luft auflöst. Aber hey, Deutschland wird Weltmeister – zumindest im Fußball.

Jetzt aber Schluss für heute. Gleich kommt Italien gegen Paraguay.

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    4 Kommentare

    1. Aber kann man es denn „der Politik“ verübeln, wenn sie so ist, wie sie ist? Immerhin haben auch Politiker einen Selbsterhaltungstrieb, sprich: sie wollen wiedergewählt werden. Und so intelligent bzw. dumm, dass sie Parteien wieder wählen, die unpopuläre Entscheidungen getroffen haben, sind die meisten Wähler anscheinend nicht. Eine Lösung für das Dilemma habe ich zwar auch nicht, allerdings sehe ich die Dinge auch nicht ganz so pessimistisch :) .

    2. Für mich ist das Ganze ein übler Teufelskreis: Dadurch, dass Politik sich so weit von der Wahrnehmung der Bevölkerung entfernt hat, interessieren sich immer weniger Menschen wirklich für inhaltliche Politik, was es Politikern erlaubt, immer oberflächlicher zu werden, was noch mehr Menschen “aus der Politik treibt”. Leider sehe ich momentan nichts, was diesen Kreis durchbrechen könnte. Gauck hätte ein Anfang sein können, aber leider…

    3. Hmm, wie definierst du denn „sich wirklich für inhaltliche Politik interessieren“? Ich unterstelle dem Durchschnittsbürger mal, dass seiner Meinung nach Politiker „die da oben“ sind, die „eh machen, was sie wollen“. Aber war diese Meinung wirklich mal anders? Beziehungsweise, wie könnte man sie ändern? Gauck hätte als Bundespräsident sicher ein paar gute Reden gehalten, aber was hätte er in diesem Amt sonst bewegen können?

    4. Ich denke, dass genau dieses “die da oben”-Gefühl auf Dauer nicht trägt, da immer mehr Menschen mit der Politik unzufrieden werden werden und es keine Partei gibt, die in der Lage ist, die Probleme in einer Form anzugehen, dass sie langfristig(!) die meisten zufriedenstellen. Denn aktuell sind es gerade die jungen, gut gebildeten, die der Politik nicht vertrauen…

      Gauck wäre natürlich auch “nur” Bundespräsident gewesen und hätte außer Reden nicht viel schwingen können, aber er wäre als bedachter intellektueller wie kaum jemand sonst in der Lage gewesen, Tagespolitik öffentlich zu reflektieren und einzuordenen.

    Ein Pingback

    1. [...] nur ein Hinweis auf den Blogbeitrag des Weltenkreuzers: Fußball für’s Volk. [...]

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