Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

Fußball fürs Volk!

Es sieht nicht gut aus in Deutsch­land, Europa und der Welt: Im Golf von Mexiko strömt immer noch das Öl ins Meer, in Spanien droht ein Gen­er­al­streik, in Bel­gien gewin­nen die Sep­a­ratis­ten die Wahl, in den Nieder­lan­den treibt ein Recht­spop­ulist die etablierten Parteien vor sich her und in Deutsch­land zer­brechen die ersten geset­zlichen Krankenkassen. Unsere Regierung wirkt bei dem Ganzen wie ein überforderter Kinder­garten: Sie ergeht sich lieber in per­sön­lichen Schar­mützeln oder hofft auf neb­ulöse “glob­ale Min­der­aus­gaben”, um ein beispiel­loses Sparpaket umzuset­zen, das kaum jemand außer­halb von CDU, CSU und FDP für sozial gerecht hält, als überlegt, reflek­tiert und mit gesun­dem Men­schen­ver­stand die Prob­leme Deutsch­lands anzugehen.

Aber wen inter­essiert das denn? Seit Fre­itag ist doch Fußball-WM! Wenn am anderen Ende der Welt knapp 640 Feld­spieler dem Ball hin­ter­her­laufen und 96 Torhüter mit Glanz­pa­raden durch den Strafraum hechten, kön­nen uns solche Lap­palien doch egal sein. Wenn Khedira und Schwe­in­steiger das deutsche Spiel kon­trol­lieren, Özil die per­fekte 10 spielt, Thomas Müller der Shoot­ingstar des Eröff­nungsspiels ist und sogar Miro Klose wieder trifft, wen inter­essieren da die Lang­weiler in Berlin? Und so ver­schwinden alle The­men, die let­zte Woche noch unsere Nachrichten dominiert haben aus der öffentlichen Wahrnehmung und ganz Deutsch­land kennt nur noch Fußball, Fußball, Fußball. Warum auch nicht? Fußball ist span­nend, emo­tional und mitreißend. Er ist (manch­mal) überraschend, abwech­slungsre­ich und macht ein­fach Spaß. Man fühlt sich als Teil einer Gruppe, fiebert auf vollen Fan­meilen mit der National­mannschaft und kann am Ende sogar jubeln. Alle ziehen an einem Strang und geben ihr Bestes. Man hat das Gefühl, dass etwas passiert, sich etwas bewegt und verän­dert – und zwar zum Besseren.

Wie anders wirkt die Poli­tik der let­zten Monate und Jahre: Still­stand pur. Kein Elan, kein Ruck, noch nicht mal eine ein­heitliche Sprache. Heute “Hü”, mor­gen “hott”. Und immer neg­a­tiv: Extrem­is­mus, Krise, Sparpaket. Keine Gestal­tung, keine Bewe­gung. Poli­tik ist mit­tler­weile weit, weit weg von den Men­schen. Sie schwebt in einem eige­nen Kos­mos mit einer eige­nen Logik, den nie­mand mehr ver­steht. Es ist für die Men­schen nicht nachvol­lziehbar, wie die Mehrw­ert­s­teuer für Hote­liers gesenkt und gle­ichzeitig das Eltern­geld für HartzIV-Empfänger gestrichen wer­den kann. Und sie fühlen sich macht­los: Nach den Wahlen haben die Wäh­ler keine Chance mehr, ern­sthaft in die Entschei­dun­gen der Regierung und des Par­la­ments einzu­greifen. Sie müssen das, was passiert, hin­nehmen und haben erst in drei Jahren wieder die Chance, ihre Mei­n­ung kundzu­tun. Und da haben sie dann die Wahl zwis­chen denen, die jetzt “dran” sind, und denen, die bis let­ztes Jahr mit “dran” waren. Da ist keine Möglichkeit, Gestal­tung, Kreativ­ität und Fortschritt zu wählen. Nur alte Män­ner und Frauen, die sich ihre Poli­tik dem Augen­schein nach von Lob­by­is­ten dik­tieren lassen.

Da kann man es doch nie­man­dem verü­beln, der sich lieber in ein Trikot wirft und mit tausenden Anderen der National­mannschaft zujubelt, der lieber über Gomez’ Form– als über Merkels Führungss­chwäche disku­tiert und unfaire Schied­srichter­entschei­dun­gen wichtiger findet als unfaire Sparpakete. Die Poli­tik darf sich dann aber auch nicht wun­dern, wenn wie in Bel­gien und den Nieder­lan­den, extrem­istis­che Parteien an Zulauf gewin­nen und die Wahlbeteili­gung von Jahr zu Jahr sinkt. Und nie­man­den darf es überraschen, wenn in den näch­sten Jahren die Sozial­sys­teme in Deutsch­land kol­la­bieren, der Euro immer schwächer wird und unser Wohl­stand sich in Luft auflöst. Aber hey, Deutsch­land wird Welt­meis­ter – zumin­d­est im Fußball.

Jetzt aber Schluss für heute. Gle­ich kommt Ital­ien gegen Paraguay.

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Kategorie: Gesellschaft
  • JanZ sagt:

    Aber kann man es denn „der Poli­tik“ verü­beln, wenn sie so ist, wie sie ist? Immer­hin haben auch Poli­tiker einen Selb­ster­hal­tungstrieb, sprich: sie wollen wiedergewählt wer­den. Und so intel­li­gent bzw. dumm, dass sie Parteien wieder wählen, die unpop­uläre Entschei­dun­gen getrof­fen haben, sind die meis­ten Wäh­ler anscheinend nicht. Eine Lösung für das Dilemma habe ich zwar auch nicht, allerd­ings sehe ich die Dinge auch nicht ganz so pes­simistisch :) .

    2. Juli 2010 um 23:39
  • Weltenkreuzer sagt:

    Für mich ist das Ganze ein übler Teufel­skreis: Dadurch, dass Poli­tik sich so weit von der Wahrnehmung der Bevölkerung ent­fernt hat, inter­essieren sich immer weniger Men­schen wirk­lich für inhaltliche Poli­tik, was es Poli­tik­ern erlaubt, immer ober­fläch­licher zu wer­den, was noch mehr Men­schen “aus der Poli­tik treibt”. Lei­der sehe ich momen­tan nichts, was diesen Kreis durch­brechen kön­nte. Gauck hätte ein Anfang sein kön­nen, aber leider…

    4. Juli 2010 um 10:59
  • JanZ sagt:

    Hmm, wie definierst du denn „sich wirk­lich für inhaltliche Poli­tik inter­essieren“? Ich unter­stelle dem Durch­schnitts­bürger mal, dass seiner Mei­n­ung nach Poli­tiker „die da oben“ sind, die „eh machen, was sie wollen“. Aber war diese Mei­n­ung wirk­lich mal anders? Beziehungsweise, wie kön­nte man sie ändern? Gauck hätte als Bun­de­spräsi­dent sicher ein paar gute Reden gehal­ten, aber was hätte er in diesem Amt sonst bewe­gen können?

    5. Juli 2010 um 19:46
  • Weltenkreuzer sagt:

    Ich denke, dass genau dieses “die da oben”-Gefühl auf Dauer nicht trägt, da immer mehr Men­schen mit der Poli­tik unzufrieden wer­den wer­den und es keine Partei gibt, die in der Lage ist, die Prob­leme in einer Form anzuge­hen, dass sie langfristig(!) die meis­ten zufrieden­stellen. Denn aktuell sind es ger­ade die jun­gen, gut gebilde­ten, die der Poli­tik nicht vertrauen…

    Gauck wäre natür­lich auch “nur” Bun­de­spräsi­dent gewe­sen und hätte außer Reden nicht viel schwin­gen kön­nen, aber er wäre als bedachter intellek­tueller wie kaum jemand sonst in der Lage gewe­sen, Tage­spoli­tik öffentlich zu reflek­tieren und einzuordenen.

    12. Juli 2010 um 19:28

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