Seit ihrem Rauswurf aus der Sendung Johannes B. Kerner steht Eva Herman erneut im Mittelpunkt des Medieninteresses. Warum sie dort steht ist leicht zu erkennen: Sie soll auf einer Pressekonferenz zum Erscheinen ihres neuen Buches die Familienpolitik des dritten Reiches gelobt haben. Das ist in Deutschland so ziemlich der sicherste Weg, öffentliche Empörung auszulösen — und das vollkommen zu Recht. Schaut man sich das, was Herman tatsächlich gesagt hat jedoch genauer an, erkennt man, in meinen Augen, dass sie das in keinerlei Hinsicht getan hat.
Im Folgenden werde ich die Diskussion in der Sendung von Johannes B. Kerner von gestern Abend (Zeitangaben beziehen sich auf das Video in der ZDF-Mediathek) mal genauer unter die Lupe nehmen:
Der erste wichtige Punkt zur Rekonstruktion von Hermans Meinung ist die Aufzeichnung des umstrittenen Zitats in einem etwas größeren Abschnitt (3:16):
Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde.
In meinen Augen macht dieser Satz Hermans Argumentation klar (die sie auch später — 13:12 — noch einmal ausdrücklich macht): Zu Beginn des 20. Jahrhunderts (vor (!) dem dritten Reich) wurden Mütter als Mütter geschätzt, die eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllen. Dann wurde dieser Wert, der bei den Menschen verbreitet war, ausgenutzt und pervertiert. Auf diese Weise wurde der, nach Hermans Meinung, “gute” Wert, Mütter zu schätzen, angreifbar gemacht und schließlich durch die 68er abgeschafft. (Wie gesagt, das ist eine Rekonstruktion von Hermans Argument, nicht zwangsläufig meine eigene Meinung!)
Die einzige Wertung, die in diesem Argument steckt ist, dass es schade sei, dass der Wert, Mütter als Mütter zu schätzen, abhanden gekommen ist. Alles andere ist der Versuch, eine Kausalkette aufzustellen, warum dieser Wert verschwunden ist: Die Nazis haben ihn pervertiert, dadurch delegitimiert und die 68er ihn dann endgültig abgeschafft.
Dieses Argument ist auf vielen Ebenen angreifbar: Gab es den Wert am Anfang des 20. Jhdt. wirklich? Waren es wirklich die 68er, die ihn “abgeschafft” haben? Ist Hermans Frauenbild wirklich zeitgemäß? etc. Den Vorwurf der Verherlichung der Nazi-Zeit kann ich daraus aber nicht ableiten.
Soviel zu Hermans Argumentation, jetzt ein paar Worte zur Medien-Dynamik:
Der Ausschnitt der Pressekonferenz geht nach dem oben genannten Zitat noch mit einem ziemlich krausen Satzungetüm weiter (3:40). Ich habe den Eindruck, dass Herman germerkt hat, dass sie sich nach dem oben zitierten Satz unbedingt von dem Nazi-Regime distanzieren müsse (laut Herman war der ganze Abschnitt eine freie Antwort auf eine Frage), um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, diese Zeit zu verherrlichen. Dieser Distanzierungssatz ist es nun aber, der ihr zum Verhängnis wird, da er so unübersichtlich ist, dass er nahezu beliebig interpretierbar wird.
Im Anschluss an den Ausschnitt der Pressekonferenz versucht der Historiker Wolfgang Wippermann, ihr eine Brücke zu bauen, indem er rekonstruiert, Herman wolle das konservative Familienbild verteidigen, verwechsele es aber mit der nationalsozialistischen Ideologie (6:14).
Wie ich oben schon dargelegt habe, macht Herman aber genau diese Unterscheidung bereits. Sie unterscheidet zwischen dem Wert und seiner Pervertierung durch das dritte Reich. Sie hat, meiner Ansicht nach, in diesem Moment zwei Möglichkeiten:
- Sie kann den Öffentlichkeitsprofi mimen und die Pille schlucken, missverstanden worden zu sein. Dann denen, die sie missverstanden haben, Recht geben und sich somit durch “Aufgabe” aus dem Kampf zurückziehen.
- Sie entschließt sich aber dazu, den Anderen das Missverständnis aufzeigen zu wollen und verstrickt sich dabei in eine Diskussion, in der sie, in meinen Augen, keine Chance hat: Die Medienöffentlichkeit ist zwar ein Platz für gesellschaftliche Diskussion, jedoch keineswegs der Ort eines Habermas’schen gesellschaftlichen Diskurses. Hier zählt nur in den seltensten Fällen das bessere Argument, sondern hier zählen Eingängigkeit, Verständlichkeit und Schlagwörter und da hat Herman bei diesem Thema keine Chance.
Kerner hätte an dieser Stelle für eine Sternstunde der deutschen öffentlichen Diskussionskultur sorgen können, wenn er die Diskussion auf die Meta-Ebene gehoben hätte und Schritt für Schritt versucht hätte, Hermans Argument zu rekonstruieren. Er folgt jedoch leider dem normalen Verfahren in Talkshows und geht nicht auf das ein, was Herman sagt, sondern zieht absurde Beispiele heran, um zu zeigen, wie nahe Hermans Äußerungen an denen der Nazis liegen (vgl. Andreas Zielcke in der Süddeutschen Zeitung). Als Herman dann feststellt, dass jemand, der den Begriff “gleichgeschaltet” als Ausdruck rechten Denkens sieht, dasselbe auch von allen Autobahn-Benuzern behaupten könne (zum Hintergrund: hr-online), hat sie die Sympatien aller Anwesenden endgültig verspielt. Nicht weil sie Unrecht hätte, sondern weil dieses Argument viel zu kompliziert und und unangenehm ist, als dass es in den Massenmedien vermittelt werden könnte.
Fazit: Dass Eva Hermans Argumentation, der Wert der Mutterschaft sei durch die Nazis pervertiert und entwertet worden, durchaus plausibel klingt und als zeitgeschichtliche Hypothese ernst genommen werden sollte, ist vollkommen egal für die Wahrnehmung dieses Arguments in der Öffentlichkeit. Durch einige ungeschickte Formulierungen und ihren unbedingten Willen, richtig verstanden zu werden, hat sich Eva Herman in eine Position manövriert, in der die Öffentlichkeit ihr nicht mehr zuhört, solange sie nicht bereit ist, in Sack und Asche zu gehen. Schade.
Weitere Kommentare zum Thema:
- Unredliche Selbstgerechtigkeit (Andreas Zielcke, sueddeutsche.de)
- Der programmierte Eklat (Henryk M. Broder, spiegel.de)
- Moral zum Nulltarif (Henryk M. Broder, tagesspiegel.de)
- Eva und die Autobahnen (Christian Kortmann, sueddeutsche.de)
- Die Ver-Sprecher: Eva Herman (Alfons Kaiser, faz.net)
- Eva und die Autobahn (Lana Stille, taz.de)
- Der letzte Auftritt von Eva Herman (Stefan Niggemeier)

James sagt:
Ich glaube, dass Eva entlassen sollten. Die Deutschen versuchen sich von der Vergangenheit zu trennen. Wenn man Nazistische Werte loben, ist es Tabu. Deshalb hat NDR keine Option aber sie rauszuschmeißen gehabt.