Die Wirtschaft wird von Menschen gemacht

Die letzten Tage, Wochen und Jahre waren nicht die besten für das Ansehen der Wirtschaft in der Bevölkerung. Und die Kritik ist einfach: Da werden Millionensummen innerhalb von Sekunden umgeschlagen, während viele Menschen sich keinen Urlaub leisten können. Mit einem Handstreich, so scheint es, werden Tausende auf die Straße gesetzt, von denen vermutlich viele keine neue Anstellung finden werden und gleichzeitig verkünden viele Konzerne  Rekordgewinne. Die Bezüge von Spitzenmanagern steigen überdurchschnittlich stark und dann werden einige beim Hinterziehen von Steuern erwischt.  Vielen scheint die Wirtschaft ein undurchdringliches System zu sein, dass sich nur um Geld dreht und auf nichts Anderes Rücksicht nimmt.

In der soziologischen Theorie gibt es einen Ansatz, der genau diesen Aspekt in den Mittelpunkt stellt: Die Theorie gesellschaftlicher Systeme (insb. von  Talcott Parsons, Niklas Luhmann). Diese Theorie geht davon aus, dass es innerhalb der Gesellschaft verschiedene Teile gibt, die jeweils eine ganz spezifische Funktion innerhalb der Gesellschaft erfüllen. So kann das Rechtssystem die Einhaltung von Gesetzen garantieren, das politische System wiederum schafft Gesetze und andere gesellschaftliche Regeln. Die Wirtschaft schließlich sorgt dafür, dass Güter und Dienstleistungen auf eine Weise eingesetzt werden, die sicherstellt, dass sie vermehrt und unter den Menschen verteilt werden. Dabei verfügt jedes System über ein eigenes generalisiertes Kommunikationsmedium, das man sich wie eine eigene Sprache vorstellen kann und über das es seine Operationen organisiert. Das Rechtssystem arbeitet hier mit der Rechtsprechung, die Politik mit Macht und die Wirtschaft mit Geld. Dabei verstehen diese Systeme nur ihre eigene Sprache und alles, was andere Systeme tun, müssen sie erst in ihre Sprache übersetzen. Die Wirtschaft interessiert sich nicht für die Rechtsprechung, solange sie keine finanziellen Konsequenzen hat, auch Politik und Gesellschaft müssen ihre Anforderungen an die Wirtschaft so konstruieren, dass sie sich in Geld ausdrücken.

Diese Perspektive, die ich hier natürlich vereinfacht dargestellt habe, liegt auch der Theorie von Jürgen Habermas zugrunde, der vor einer "Kolonialisierung der Lebenswelt durch die Systeme" warnt: Die Systeme, die sich in einem langen Prozess der Modernisierung herausgebildet haben, entfernen sich ihm zufolge immer weiter von dem Leben der Menschen und wirken bald als äußerer Zwang und entfremdete Macht. Die Menschen sehen sie dann nicht mehr als nützliche Einrichtungen an, die ihnen das Überleben sichern, sondern als Gegner, als etwas, gegen das es sich aufzulehnen gilt.

So nützlich diese Perspektive im analytischen und wissenschaftlichen Bereich ist und so treffend Habermas’ Kritik, in meinen Augen, einige heutige Entwicklungen beschreibt, gilt es, eine wichtige Sache nicht zu vergessen: Wirtschaft wird von Menschen gemacht. Diese Menschen sind wie du und ich: Sie haben Freunde und Familie, Träume und Ängste. Sie erfahren Druck und freuen sich über Lob und, nicht zu vergessen, sie leisten im Großen und Ganzen ziemlich gute Arbeit. Gerade Topmanager stehen unter einem unglaublichen Druck, die Renditeerwartungen der Investoren zu erfüllen. Sie haben jemanden, dem sie verantwortlich sind und der über ihr Wohl und Wehe in dem Unternehmen entscheidet. Von außen gesehen ist ihre Position natürlich eine privilegierte und ich bin mir sicher, den meisten unter ihnen ist das durchaus bewusst, wenn sie trotzdem Entscheidungen über eine Verlagerung der Produktion oder die Entlassung von Mitarbeitern treffen, bin ich mir sicher, dass sie dies nicht leichten Herzens tun.

(Anlass: "Wir sind doch keine Unmenschen")



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  • Nils Müller

    Ich bin als denkender Mensch, Soziologe, Internet-, Bücher- und Kinofan im Netz und im Leben aktiv. Hier teile und diskutiere ich meine Gedanken mit euch. Lest einfach los, hinterlasst mir Kommentare oder schreibt mir Mails. Mehr über mich gibt es auf nilsmueller.info und mehr von mir auf der kritischen Seite und bei Twitter.
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