Weltenkreuzer

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Die Menschheit geschlagen?

Heute ist es also passiert: Die Mas­chine hat den Men­schen endgültig mit ihrer Intel­li­genz überholt!
Diesen Ein­druck kön­nte man zumin­d­est gewin­nen, wenn man die medi­ale Berichter­stat­tung über das Duell Com­puter Deep Fritz gegen Schachwelt­meis­ter Kram­nik betra­chtet. Spiegel-Online titelt beispiel­sweise “Ende einer Ära”.

Doch betra­chtet man genauer, was hier eigentlich passiert ist, kommt man zu einer deut­lich weniger drama­tis­chen Aus­sage: “Com­puter rech­nen schneller als Men­schen”… Kaum aufre­gend… So gehaltvoll wie “Autos bewe­gen sich schneller als Men­schen” oder “Maschi­nen haben mehr Kraft als Men­schen”. Ein nor­maler PC mit 3Ghz-Prozessor schafft etwa 6 Mil­liar­den Rechen­op­er­a­tio­nen pro Sekunde (Quelle), ein Men­sch, sehr großzügig gerech­net, eine (Quelle). Da Com­puter und Men­sch beim Schachspiel über dieselbe Zeit ver­fü­gen, ließe sich dieses Set­ting mit einem 1 Kilometer-Wettrennen zwis­chen Men­sch und Düsen­jet ver­gle­ichen. Kaum ein faires Duell. Span­nend wäre es zu sehen, wie sich der Com­puter schla­gen würde, wenn ihm nicht dieselbe Zeit, son­dern dieselbe Anzahl an Rechen­op­er­a­tio­nen zustünde. Wenn Kram­nik zwei Stun­den Zeit für eine Par­tie hat, blieben für den Com­puter noch 0,0000012 Sekun­den! Denn Rechenka­paz­ität hat nichts mit Intel­li­genz zu tun. Und dass Maschi­nen schneller rech­nen kön­nen als Men­schen, wis­sen wir ja eigentlich schon seit den ersten Taschenrechnern…

Wenn man das im Hin­terkopf behält, ist es eher ver­wun­der­lich, dass der Men­sch so lange mit der Mas­chine hat mithal­ten kön­nen. Woran liegt das? Schach ist ein Spiel, das seine Kom­plex­ität aus der Vielzahl der möglichen Züge gewinnt: Alleine für die ersten zehn Züge gibt es, wenn ich mich nicht irre, mehr als 10 Mil­liar­den Zugkom­bi­na­tio­nen. Men­sch und Com­puter gehen nun vol­lkom­men anders mit dieser Kom­plex­ität um:
Der Com­puter berech­net jeden einzel­nen Zug, jeden einzel­nen möglichen Fol­gezug für jeden möglichen eige­nen Zug und so weiter. Er muss also für die ersten 10 Züge einige Mil­liar­den Züge berech­nen.
Der Men­sch geht dieses Prob­lem ganz anders an: Schon nach weni­gen Sekun­den hat sich die Zahl der poten­tiellen Züge auf eine ein­stel­lige (!) Zahl reduziert. Das­selbe gilt für die im Kopf vor­weg genomme­nen Fol­gezüge. Oft reduziert sich diese Zahl (ger­ade in der Eröff­nung und im End­spiel) noch deut­lich stärker. Durch seine Intel­li­genz gelingt es dem Men­schen, die Zahl der für ihn notwendi­gen Rechen­op­er­a­tio­nen mas­siv zu senken. Er erkennt bes­timmte Muster wieder und ist in der Lage, Rel­e­vantes von Irrel­e­van­tem zu unter­schei­den. Der Com­puter kann das nicht. Wer sich bere­its mit Spracherken­nungssys­te­men herumgeschla­gen hat, hat am eige­nen Leib erfahren, wie schlecht Maschi­nen in der Mus­ter­erken­nung sind.

Span­nend wird es erst bei der Frage, warum es ger­ade das Schachspiel ist, bei dem der Com­puter durch reine Rechenka­paz­ität den Ein­druck von Intel­li­genz erweckt. Dazu in den näch­sten Tagen mehr.

(Lesetipp: Las­zlo Merö: Die Gren­zen der Ver­nunft. Kog­ni­tion, Intu­ition und kom­plexes Denken.)

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