Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

DGS: The end of the world as we know it

Ein Höhep­unkt des ersten echten Kon­gresstages gestern war sicher­lich der Abend­vor­trag von Colin Crouch über das 21. Jahrhun­dert als Zeital­ter der Unsicher­heit. Im Lichte der aktuellen Ereignisse an den Finanzmärk­ten ging es dann aber in erster Linie um das Ende dessen, was Crouch den “pri­vatisierten Key­ne­sian­is­mus” nennt. Er analysiert die wirtschaftliche Entwick­lung nach dem zweiten Weltkrieg in zwei Epochen: Der Epoche des staatlichen Key­ne­sian­is­mus, in der die Nach­frage auf den Märk­ten durch eine Ver­schul­dung des Staates aufrecht erhal­ten wird, und die Epoche des Neo-Liberalismus und des “pri­vatisierten Key­ne­sian­is­mus”, in dem die Nach­frage durch die Ver­schul­dung der pri­vaten Haushalte finanziert wird. Dieses Mod­ell ist seiner Ansicht nach nun an seinem Ende angekom­men und es ist unklar, welches Par­a­digma in Zukunft das Sys­tem des Massenkon­sums aufrecht erhal­ten soll.

War seine Analyse bis zu diesem Punkt auf jeden Fall überzeu­gend, wurde es danach ein wenig schw­erer ver­ständlich: Er prog­nos­tiziert näm­lich, dass in Zukunft eine stärkere Verknüp­fung von Regierung und Wirtschaft erfol­gen wird und das neo-liberale Mod­ell getren­nter wirtschaftlicher und poli­tis­cher Sphären nicht länger aufrecht erhal­ten wer­den kann. In diesem neuen Mod­ell sieht er große Unternehmen als wichtige Rat­ge­ber der Poli­tik und auch tatkräftige Mit­gestal­ter. Der Ver­lust an demokratis­cher Legit­i­ma­tion wird dabei, in seinen Augen, aufge­fan­gen von einer sozialen Ver­ant­wor­tung, die die Konz­erne sel­ber übernehmen, wie sie heute als “Cor­po­rate Respon­si­bil­ity” disku­tiert wird.

Ich weiß nicht, wie ich seine Prog­nose bew­erten soll, wenn sie denn tat­säch­lich so gemeint war, wie ich sie ver­standen habe: Entweder sieht Crouch etwas auf uns zukom­men, was für mich sehr nach einem Mod­ell á la “Brave New World” klingt, in dem Men­schen in erster Linie als Arbeit­skraft gese­hen wer­den und alle sozialen Ein­rich­tun­gen nur am Erhalt dieser aus­gerichtet sind, oder er schaut sehr ide­al­is­tisch auf die Fähigkeit und den Willen der großen Konz­erne, soziale Ver­ant­wor­tung abseits von Berichten oder pres­tigeträchti­gen Leuchtturm-Projekte, soziale Ver­ant­wor­tung zu übernehmen.

Auf jeden Fall nehme ich aus diesem Vor­trag mit, dass er ihn besser in seiner Mut­ter­sprache Englisch gehal­ten hätte — auch wenn sein Deutsch extrem gut ist — weil ger­ade bei kom­plexen Argu­men­ta­tio­nen viel von einer präzisen und klaren Aus­druck­sweise abhängt.

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Kategorie: Gesellschaft
  • argentum sagt:

    Yep, das fand ich auch. Und dass er auf alle Fra­gen sehr, sehr schwammig antwortete und dadurch sein Pub­likum etwas rat­los zurückließ.

    11. Oktober 2008 um 22:20
  • Stefan Spiess sagt:

    Ich fand das ganze rel­a­tiv plau­si­bel. Ich hatte auch nicht den Ein­druck, dass er da ein Paten­trezept ange­boten hätte, son­dern vielmehr, dass er eine Fest­stel­lung machte.
    Es stimmt zwar lei­der, dass er teil­weise etwas schwammig antwortete, aber ich fand es gar nicht schlecht, wie er beispiel­sweise auf die Frage nach der Moti­va­tion von CSR antwortete, näm­lich dahinge­hend, dass die teil­weise dur­chaus “von innen” käme, und teil­weise eben genau die Funk­tion eines Green­wash (http://de.wikipedia.org/wiki/Greenwash) oder Blue­wash (http://en.wikipedia.org/wiki/Bluewash) haben dürfte.
    Alles in allem aber eine gute Analyse, wenn auch vielle­icht für viele zu “salopp”.
    Würde gerne mal seine Frau fra­gen, ob es stimmt, dass er ihr gegenüber schon vor 2 Jahren diese Entwick­lung voraus­ge­se­hen hat. ;-)

    12. Oktober 2008 um 15:13
  • Weltenkreuzer sagt:

    Plau­si­bel war es dur­chaus, aber ich fand doch, dass er diesen “neuen Kor­po­ratismus”, oder wie immer man das nen­nen will, doch ein wenig zu sehr als einzige mögliche Entwick­lung dargestellt hat. Ausss­chließen will ich sie nicht, aber ich habe meine großen Zweifel, dass dieses Sys­tem dann dreißig Jahr überleben würde…

    12. Oktober 2008 um 15:39

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