Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

DGS: Soziologie — global gedacht

Vor­trag Num­mer zwei an diesem Abend stammte von Ulrich Beck. Ihm ging es in erste Linie darum, aufzuzeigen, vor welchen Her­aus­forderun­gen die Sozi­olo­gie der näch­sten Jahrzehnte steht. Dabei ist ihm ins­beson­dere die zunehmende Ent­gren­zung wichtig, durch die die klas­sis­chen nation­al­staatlichen Gren­zen in der Sozi­olo­gie im Prinzip nicht mehr aufrecht erhal­ten wer­den kön­nen. Allerd­ings ist nahezu die gesamte sozi­ol­o­gis­che Methodik und The­o­rie noch auf einen klas­sis­chen abge­gren­zten Nation­al­saat aus­gerichtet, ein Umstand, den er als “method­ol­o­gis­chen Nation­al­is­mus” bezeichnet.

So wer­den soziale Ungle­ich­heiten beispiel­sweise meist nur auf nationaler Ebene betra­chtet: Deutsche Arbeiter ver­gle­ichen sich mit deutschen Angestell­ten, pol­nis­che Land­be­wohner mit pol­nis­chen Stadt­be­wohn­ern, spanis­che Frauen mit spanis­chen Män­nern. Tat­säch­lich entwick­elt sich jedoch immer mehr ein Bewusst­sein, dass auch Men­schen außer­halb des eige­nen Lan­des einen Ver­gle­ichs­maßstab darstellen kön­nen. Um mit diesen Verän­derun­gen umge­hen zu kön­nen, muss die Sozi­olo­gie ein neues Instru­men­tar­ium entwick­eln, das sich nicht mehr an der Fik­tion des Nation­al­staats ori­en­tiert, son­dern das mit sozialen Grup­pen auch ohne diese nationale Ver­ankerung umge­hen kann, eine Herange­hensweise, die Beck als “method­ol­o­gis­chen Kos­mopolitismus” bezeichnet.

Dabei geht er jedoch, in meinen Augen, zu sehr davon aus, dass die nationale Ebene tat­säch­lich ab einem gewis­sen Punkt vol­lkom­men irrel­e­vant wird. So beschreibt er nationale Gren­zen zwar als “Wasser­schei­den der Wahrn­hemung” der Sozi­olo­gie, hin­ter die sie nicht blicken könne, lässt aber gle­ichzeitig außer acht, dass auch die Men­schen, die Ungle­ich­heiten wahrnehmen, ihre Wahrnehmung an nationalen Gren­zen aus­richten. In meinen Augen ist es näm­lich keineswegs so, dass ein “glob­aler Gerechtigkeits­maßstab” bere­its vol­lkom­men etabliert ist. Vielmehr denke ich, dass dieser lediglich ein the­o­retis­ches Kon­strukt ist, das der dis­tanzierten Per­spek­tive der Wis­senschaft entspringt: Weil es so scheint, dass es keinen ratio­nalen Grund für die Men­schen mehr gibt, sich lediglich auf nationaler Ebene zu ori­en­tieren und zu ver­gle­ichen wird angenom­men, dass sie es auch nicht mehr tun. Dass diese Annahme gerecht­fer­tigt ist, wage ich zu bezweifeln.

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  • Benedikt sagt:

    Okay, ich bin in dieser Frage nicht neu­tral, aber den­noch: Deiner let­zten Schlussfol­gerung stimme ich abso­lut zu. Anzunehmen, die Nation wäre auf ein­mal irrel­e­vant für das Han­deln und Denken der Leute, weil sich Wirtschaft, Medien etc. glob­al­isiert haben, ist ein Kurz­schluss. Aber min­destens ebenso kurzsichtig ist es, das Gegen­teil anzunehmen: dass die Nation unhin­ter­fragt als Kon­stante zur Erk­lärung oder Seg­men­tierung ver­wen­det wer­den kann. Dage­gen argu­men­tiert Beck. Zum Beispiel ist diese Per­spek­tive (per Gesetz) fest­geschrieben in den amtlich-statistischen Erhebungen.

    7. Oktober 2008 um 20:27
  • Rene sagt:

    kann es sein dass Beck in etwa den sel­ben Vor­trag bere­its vor 4 Jahren in München gehal­ten hat? Ok, stärk­erer Fokus auf die Meth­o­den und noch ein biss­chen überar­beitet, aber sonst ein alter Hut? Ich war (obwohl ich mir von U.Beck nicht viel erwartete) enttäuscht.

    12. Oktober 2008 um 01:42
  • Weltenkreuzer sagt:

    Ich denke auch, dass die Sozi­olo­gie nationale Gren­zen nicht mehr als eigene “Wasser­schei­den der Wahrnehmung” ver­ste­hen darf, sie aber auf jeden Fall noch als “Wasser­schei­den der Wahrnehmung” eines großen Teils der Gesellschaft erfassen muss.

    12. Oktober 2008 um 15:40

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