Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

Brauchen wir eine neue “Ethik des Wegschauens”?

Ob Stu­diVZ, Face­book, Blogs, Twit­ter, Google oder Yasni — es gibt immer mehr Möglichkeiten, im Inter­net Dinge über andere Leute her­auszufinden. Wer sich heute in einem Unternehmen bewirbt, muss damit rech­nen, dass die Per­son­aler alle sozialen Net­zw­erke und die weiten des Netz nach Infor­ma­tio­nen, Fotos und mehr durch­suchen und daraus ihre Schlussfol­gerun­gen ziehen. Auch kön­nen Dozen­ten auf diese Weise ihre Studieren­den genauer beobachten oder Lehrer ihre Schüler. Der erste Reflex dage­gen ist der erhobene Zeigefin­ger: “Stelle nichts ins Netz, was nicht auch dein Lehrer, dein Arbeit­ge­ber oder deine Eltern lesen oder sehen dürften!” Diese Forderung richtet sich an den­jeni­gen, der etwas ins Netz stellt, aber soll­ten nicht auch die, die Infor­ma­tio­nen im Netz suchen und lesen, sich an eine wichtige Regel hal­ten: “Stecke deine Nase nicht in Dinge, die dich nichts angehen?”

Das klingt auf den ersten Blick etwas selt­sam, denn was öffentlich gemacht wird, ist doch für jeden zugänglich. Auf den zweiten Blick wird aber klar, dass diese Logik in Zeiten des Inter­nets nicht mehr ein­fach so gilt. Denn nicht alles, was ins Netz gestellt wird, ist für die bre­ite Öffentlichkeit gedacht. Vielmehr geht es oft nur darum, Dinge einer bes­timmten Gruppe zugänglich zu machen und Kon­takte mit eige­nen Fre­un­den, Bekan­nten und Ver­wandten zu pfle­gen. Die Fotos des Babys oder von der Party let­ztes Woch­enende sollen nicht im klas­sis­chen Sinne “veröf­fentlicht” wer­den, um von jedem gese­hen und bew­ertet wer­den zu kön­nen. Sie sollen lediglich auf eine ein­fache Weise denen gezeigt wer­den, die dabei waren oder die lei­der nicht da sein kon­nten. Wo zu Geburten früher Karten ver­schickt wur­den, gibt es jetzt die Foto­ga­lerie im Inter­net und an die Stelle der Fotoal­ben sind heute flickr und Face­book getreten.  Das, was für viele der Stammtisch ist, ist für andere Twit­ter und der klas­sis­che akademis­che Briefaus­tausch wurde durch Blogs ersetzt.

Soll­ten wir uns dann nicht die Frage stellen, ob Dinge, die klar erkennbar nicht mit dem Ziel einer echten “Veröf­fentlichung” ins Netz gestellt wur­den, nicht für Außen­ste­hende tabu bleiben soll­ten? Wir brechen ja auch nicht in die Woh­nun­gen Anderer ein, um uns ihre Fotoal­ben anzuschauen, oder belauschen die Gespräche am Neben­tisch. Brauchen wir nicht also eine neue Ethik des Wegschauens in der wir uns nicht in die Dinge ein­mis­chen, die uns nichts ange­hen oder uns Dinge anschauen, die nicht für uns gedacht sind? Kön­nen wir uns wirk­lich darauf berufen, dass diejeni­gen Schuld sind, die Dinge ins Netz stellen, oder soll­ten wir uns an die eigene Nase fassen und unsere Neugier im Zaum halten?

(Anlass: chrisp’s vir­tual com­ments: stu­diVZ und warum ich nicht drin bin)

Be Socia­ble, Share!
Kategorie: Gesellschaft
  • Christian Spannagel sagt:

    Hi,

    damit hast du sicher Recht. Nehmen wir ein­mal den Per­son­alchef: Pri­vate Angele­gen­heiten von Per­so­nen, die sich bewer­ben, gehen ihn nichts an. Also sollte er auch nicht darin stöbern mit dem Ziel, Per­so­nen auszu­fil­tern, die in ihrer Freizeit
    Dinge machen, die ihm nicht passen. Er sollte es sich ein­fach nicht anse­hen. Bzw.: Wenn es wirk­lich öffentlich gestellt ist, kann er es sich natür­lich anse­hen, aber er sollte es dann gelassen in seiner Entschei­dungs­find­ung ignori­eren. Wer das nicht kann, sollte erst gar nicht hinsehen.

    8. April 2010 um 13:19
  • Weltenkreuzer sagt:

    Das Prob­lem ist nur, dass wir Men­schen von Natur aus neugierig sind und uns da nur schwer zügeln kön­nen. Außer­dem neigen wir dazu, Unsicher­heit ver­mei­den zu wollen und dafür müssen wir jede ver­füg­bare Infor­ma­tion nutzen. Und je authen­tis­cher die ist, desto besser…

    11. April 2010 um 15:46

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

*