Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

Die Qual der Wahl

Es passiert uns jeden Tag und jede Stunde: Wir müssen eine Entschei­dung tre­f­fen. “Was esse ich in der Mensa?”, “Welches Buch lese ich als näch­stes?”, oder schw­er­wiegen­der, “Was soll ich studieren?”. Dabei bieten sich einem immer zahlre­iche Möglichkeiten. In der Mensa sind es vielle­icht 50 Kom­bi­na­tio­nen aus Haupt­gerichten, Beila­gen und Nachtis­chen, 10 unge­le­sene Bücher warten im Regal, wenn ich ein neues kaufen möchte erhöht sich die Auswahl auf mehrere hun­dert­tausend. Stu­di­en­möglichkeiten gibt es in Deutsch­land bes­timmt schon mehrere hundert.

Wenn es nach den Ökonomen geht, ist es ganz ein­fach, eine solche Entschei­dung zu tre­f­fen: Berechne Nutzen und Kosten aller Optio­nen und entscheide dich für die, die den größten Gewinn ver­spricht. Auf den ersten Blick ist klar, dass es so ein­fach dann doch nicht funk­tion­iert: “Wie bew­erte ich den Nutzen von Pommes im Ver­gle­ich zu Reis?” oder “Finde ich 800 Seiten Stephen King “nüt­zlicher” als 200 Seiten Paul Auster?”.

10 wis­senschaftlich fundierte Hin­weise, wie man Entschei­dun­gen trifft, mit denen man im Nach­hinein glück­lich ist, finden sich im aktuellen NZZ Folio: Richtig entschei­den: 10 Tips

(Via: imgriff.com: Entschei­dun­gen, Entschei­dun­gen)

Die Gene und der freie Wille

Ist der Einzelne wirk­lich frei darin, zu Han­deln wie es ihm beliebt? Gibt alleine unser Ver­stand uns vor, wie wir uns zu ver­hal­ten haben?

Als Sozial­wis­senschaftler kann ich dazu nur eines sagen: keines­falls. Dabei sind es nicht nur soziale Erwartun­gen, erlernte Ver­hal­tensweisen und Gesetze, die unser Han­deln prä­gen. Darunter liegt noch eine viel grundle­gen­dere Kraft, die unser Leben und Han­deln bes­timmt: unsere Gene. Sie sind die Bauan­leitung für dieses Kon­strukt, das wir Kör­per nen­nen. Sie geben vor, wie sich Zellen entwick­eln und in welcher Art und Weise sie aneinan­derge­fügt wer­den. Sie sind es auch, die die Grund­struk­tur dessen fes­tle­gen, was wir als den Ort unseres “freien Wil­lens” aus­gemacht haben: des Gehirns.

Diese Struk­tur aus Ner­ven­zellen, die miteinan­der ver­bun­den sind und deren Verknüp­fun­gen sich durch Lern­prozesse ver­stärken kön­nen, bildet die Grund­lage unserer Exis­tenz. Ist sie bei wenig entwick­el­ten Tieren nur eine Verdick­ung, an der unter­schiedliche Ner­ven­stränge aufeinan­dertr­e­f­fen, stellt sie bei uns Men­schen ein hochkom­plexes Net­zw­erk dar, das es schafft, uns das einzuhauchen, was wir “Bewusst­sein” nennen.

Wer diese Argu­men­ta­tion durch­denkt, kommt schnell zu dem Fehlschluss, dass der Men­sch also nichts anderes sei als eine Mas­chine, die durch ihre Bauan­leitung deter­miniert ist. Dies wider­spricht unserem Selb­stver­ständ­nis als intel­li­gente und “freie” Lebe­we­sen aber so sehr, dass man geneigt ist, die genetis­che Erk­lärung der Entste­hung des Bewusst­seins abzulehnen. Dabei überse­hen die meis­ten jedoch zwei Aspekte, die diese Sicht weniger bedrohlich erscheinen lassen:

  1. Die Gene bes­tim­men nur die Hard­ware, nicht die Inhalte
  2. Aus kom­plexen Sys­te­men kön­nen Dinge entste­hen, die sich nicht alleine durch die einzel­nen Bestandteile des Sys­tems erk­lären lassen (Emergenz)

Die Gene deter­minieren nur die grundle­gen­den Funk­tio­nen des Gehirns, sozusagen die Hard­ware. Die Soft­ware, also das, was wir ler­nen, welchen Charak­ter wir entwick­eln und wie wir die Welt sehen entstammt nicht nur den Genen, son­dern unserer Umwelt und unserer Sozial­i­sa­tion. Im Ver­laufe unseres Lebens begeg­nen wir so vie­len Men­schen, so vie­len Ein­drücken und so vie­len Infor­ma­tio­nen, dass jeder von uns einen eige­nen Wis­sensvor­rat in seinem Kopf hat. Auf der Grund­lage dieses Wis­sensvor­rates tre­f­fen wir wiederum unsere Entschei­dun­gen. Dieser Wis­sensvor­rat ist es, der unser Han­deln prägt und unser Leben bes­timmt. Die Prozesse, aus denen aus diesem Wis­sen Han­deln entsteht, sind dann aber wahrschein­lich wieder bei jedem von uns gle­ich. Damit wären wir dann nicht mehr eine von unseren Genen bes­timmte Mas­chine, son­dern ein Pro­dukt unserer bish­eri­gen Erfahrun­gen, aus denen in einem hochkom­plexen Prozess, der bisher nur in winzi­gen Auss­chnit­ten erk­lärt wer­den kann unser Handeln.

Und zum Thema Emer­genz schreibe ich in den näch­sten Tagen mehr…

Die Probleme des Anfangs

Von Außen sieht es immer so ein­fach aus: Da ist eine kleine Fragestel­lung, eine übersichtliche Umfrage oder ein paar Inter­views und am Ende steht der wis­senschaftliche Artikel oder die Dis­ser­ta­tion. Wer sich aber auch nur an einer Diplo­mar­beit ver­sucht hat, der spürt am eige­nen Leib, dass wenig so leicht ist, wie es scheint.

Ich weiß schon seit Langem, worüber ich in meiner Dis­ser­ta­tion unge­fähr schreiben möchte: Es soll um die soziale Kon­struk­tion von Räu­men gehen, also darum, wie sich Räume voneinan­der abgren­zen und welche Kon­se­quen­zen diese Abgren­zun­gen haben. Auch die sich öffnen­den nationalen Gren­zen inner­halb der Europäis­chen Union waren schnell als geeignetes Unter­suchung­sob­jekt ausgemacht.

Nun fing die eigentliche Arbeit aber erst an. Zwar war “Raum” auch schon zen­trales Thema in meiner Soziologie-Diplomarbeit, aber es ist sehr viel Lit­er­atur unbear­beitet geblieben. Mit dem Thema “Gren­zen” und der geplanten sozial-psychologischen Aus­rich­tung kamen dann gle­ich noch zwei große Gebi­ete dazu. Nun bin ich also dabei, zu ver­suchen, irgend­wie einen Überblick in diesem Wust zu behal­ten und gle­ichzeitig eine brauch­bare Idee und Frage zu entwick­eln. Es gibt unzäh­lige Möglichkeiten, aber ich werde mich über kurz oder lang für eine entschei­den müssen.

Das wird keineswegs ein­fach, weil eine solche Frage ver­dammt viele Bedin­gun­gen erfüllen muss:

  • Sie muss inter­es­sant sein. Immer­hin werde ich mich einige Jahre damit befassen und muss aus­re­ichend motiviert sein, um den lan­gen Atem dafür zu haben.
  • Sie muss rel­e­vant sein. Natür­lich ist Wis­senschaft nicht nur Selb­stzweck, son­dern sie dient dem all­ge­meinen Erken­nt­n­is­fortschritt und soll zudem auch für die “reale Welt” wichtig und hil­fre­ich sein. Also muss man erst­mal her­aus­finden, was die Wis­senschaft noch nicht weiß und dann auch noch aufzeigen, wieso das irgend­je­man­den inter­essieren sollte.
  • Sie muss the­o­retisch fundier­bar sein. Da ich ja ver­suche, Wis­senschaft zu betreiben, kann ich lei­der nicht ein­fach mit dem All­t­agsver­stand an das Prob­lem herange­hen, son­dern muss Begriffe voneinan­der abgren­zen und Zusam­men­hänge klar definieren.
  • Sie muss empirisch umset­zbar sein. Ich muss also eine Möglichkeit finden, die the­o­retis­che Fundierung und die Fragestel­lung in eine empirische Erhe­bung umzuset­zen. Also eine Möglichkeit finden, das, was mich inter­essiert durch Inter­views, einen Frage­bo­gen oder auf andere Weise zusam­men­zu­tra­gen, um es dann auswerten zu können.

So, nun habt ihr mal nen kleinen Ein­blick in die erste Phase einer Dis­ser­ta­tion bekom­men. In Zukunft werde ich wahrschein­lich häu­figer von meiner Forschungs­front berichten.

Täglicher Wissenshappen

Wie funk­tion­iert ein Feuer­löscher?”, “Warum wird es leise, wenn es schneit?” oder “Warum wer­den wir bei Son­derange­boten gerne schwach?”. Mit solcher­lei Fra­gen aus dem All­tag beschäftigt sich die tägliche Sendung “Wis­sen vor 8″ mit Ranga Yogesh­war in unter­halt­samer und sehr leicht ver­ständlicher Weise.

Auch im Inter­net lässt sich die Sendung aufrufen. Lei­der nicht als voll­ständi­ges Archiv, son­dern nur die Sendun­gen der let­zten Tage: www.wissen-vor-8.de

Langweilige Bundesliga?

In einem äußerst span­nen­den Blog Querkraft beschäftigt sich der Physiker Metin Tolan aus natur­wis­senschaftlicher Per­spek­tive mit der Fußball-Bundesliga. In seinem aktuellen Beitrag ver­sucht er aufzuzeigen, dass  der Kampf um die Meis­ter­schaft und den Klassen­er­halt in den let­zten Jahren immer lang­weiliger gewor­den ist, weil sich der Punk­tab­stand zwis­chen der Spitzen­gruppe (Plätze 1–6), dem Mit­telfeld (7–12) und dem Tabel­lenende (13–18) seit 1993 ten­den­ziell erhöht hat.

Was aber kann man aus diesem sta­tis­tis­chen Befund tat­säch­lich able­sen? Auf den ersten Blick scheint er Tolans Hypothese zu bestäti­gen: Die guten Vere­ine sam­meln immer mehr Punkte und lassen die anderen chan­cen­los hin­ter sich. Diese Inter­pre­ta­tion ver­nach­läs­sigt jedoch einen wichti­gen Aspekt: Es sind nicht immer diesel­ben Vere­ine, die sich am Ende der Sai­son in den ver­schiede­nen Grup­pen wiederfinden. Ger­ade dieses Jahr schicken sich ja mit Hof­fen­heim und Berlin zwei Clubs an, neu in die Spitzen­gruppe vorzustoßen.

Die präzis­ere Inter­pre­ta­tion wäre dem­nach: Es wird ver­mut­lich früher deut­lich, welcher Verein, die Sai­son in welcher Tabel­len­re­gion abschließen wird und der Saison­ver­lauf an sich kön­nte tat­säch­lich weniger span­nend wer­den, aber an den ersten Spielt­a­gen wird die Span­nung umso größer, wenn sich abze­ich­net, welcher Verein sich am Ende der Sai­son ich welcher Tabel­len­re­gion wiederfinden wird.

Zudem finden ja ger­ade inner­halb der Spitzen­gruppe und am Tabel­lenende die span­nen­den Prozesse statt: Wer wird Meis­ter und wer “nur” Vize? Wer steigt in die zweite Liga ab und wer kann sich noch ret­ten? Über diese Kämpfe, die in meinen Augen die größte Span­nung erzeu­gen, sagen Tolans Betra­ch­tun­gen nichts aus…

Aktienanlagen im Elfenbeinturm

Aus Deutsch­land blickt man oft sehr nei­disch auf die bekan­nten Amerikanis­chen Uni­ver­sitäten wie Har­vard und Yale. Mit riesi­gen Etats wird hier unter sehr guten Bedin­gun­gen gelehrt und geforscht. In Deutsch­land weiß jedoch kaum jemand, dass diese Uni­ver­sitäten sich zum großen Teil aus Zin­ser­lösen finanzieren. Dazu gibt es spezielle Anlage­m­an­ager, die Gelder langfristig und red­ite­brin­gend anle­gen können.

So genial diese Kon­struk­tion in Zeiten wirtschaftlichen Wach­s­tums ist, so prob­lema­tisch wird sie in Zeiten der Krise, wie sich jetzt zeigt: Der Wert dieser Anla­gen sind in den let­zten Monaten um bis zu 30% geschrumpft, was sich unmit­tel­bar auf das Bud­get der Hochschulen durch­schlägt. Gehalt­skürzun­gen und die Verzögerung von Bau­vorhaben sind die Folge. Während in den USA die Unis also unter der Wirtschaft­skrise lei­den, kön­nten sie in Deutsch­land von einem Investi­tion­spro­gramm der Bun­desregierung profitieren…

(Dazu: Ivory-towering infer­nos, economist.com)

Die Bibel wörtlich genommen

Wer mich kennt, weiß, dass ich mit Reli­gion nicht allzu­viel anfan­gen kann: Zu eingeschränkt scheinen mir die Welt­bilder der etablierten Reli­gio­nen. A. J. Jacobs ist auch alles andere als religiös, aber als Jour­nal­ist, der sich gerne sehr inten­siv mit seinen The­men beschäftigt, hat er mehrere Bibel-Versionen durchgear­beitet und alle Regeln, die er gefun­den hat, raus­geschrieben. Dann hat er es sich zur Auf­gabe gemacht, ein Jahr lang alle dieser mehr als 700 Regeln zu befol­gen, darunter auch Vorschriften über das Rasieren und die Sitzwahl.

Von seinen Erfahrun­gen berichtet er in diesem äußerst sehenswerten Vortrag:

(Quelle)

DGS: Das war’s. Bis 2010

Ein wenig ver­spätet auch mein Abschluss­bericht vom Kongress in Jena: Schön war’s und bei weitem nicht so anstren­gend, wie vor zwei Jahren in Kas­sel. Die inhaltliche Qual­ität und der Vor­tragsstil schwank­ten wie  immer, aber alles in allem war es eine schöne Woche. Die Impulse aus der let­zten Sitzung zu Macht im Web 2.0 werde ich in der näch­sten Zeit noch in sep­a­raten Beiträ­gen aufgreifen.