Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

Tim Mälzers Ernährungscheck

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Salad Dish von sontran

Mit dem großen Ernährungscheck war gestern die Wis­senschaft mal wieder groß in den Medien vertreten: Die Sendung begleit­ete eine Studie der Uni­ver­sität Hei­del­berg in Zusam­me­nar­beit mit Tim Mälzer, in der drei Grup­pen von Män­nern vier Wochen lang auf einen streng kon­trol­lierten Speise­plan gesetzt wur­den. Nach zwei Wochen zur Syn­chro­nisierung des Stof­fwech­sels bekam eine Gruppe für zwei Wochen nur klas­sis­ches Fast Food in der Form von Burg­ern, Toasts und Pommes zu essen, eine Gruppe deutsche Haus­man­nskost und eine Gruppe eine mediter­rane Küche mit viel Gemüse, Fisch und Olivenöl. Die Kalo­rien­menge war dabei über alle drei Grup­pen mit 2500 kcal/Tag konstant.

Am Ende der zwei Wochen wur­den dann die Blutwerte auf zen­trale Indika­toren für die Gesund­heit des Herz-Kreislaufsystems getestet: Auch wenn es viele überraschen mag, ließen sich nach zwei Wochen kein­er­lei medi­zinisch rel­e­vante Unter­schiede in diesen Blutwerten zwis­chen den Grup­pen zu iden­ti­fizieren. Die Schlussfol­gerung daraus klang rel­a­tiv ein­leuch­t­end: Im Grunde ist es egal, womit man seinen Hunger stillt, die Kalo­rien sind das Einzige, was zählt. Tim Mälzer war dann am Ende zwar noch bemüht zu argu­men­tieren, dass er nicht einer reinen Junkfood-Ernährung die Abso­lu­tion erteilen will, son­dern nur aufzeigen möchte, dass nichts gegen gele­gentliche “Sün­den” spricht und der Genuss im Mit­telpunkt ste­hen muss.

An der Präsen­ta­tion der wis­senschaftlichen Ergeb­nisse ändert das jedoch nichts. Dabei wäre es so ein­fach gewe­sen, aus dem Ver­lauf der Studie wis­senschaftliche Argu­mente zu ziehen, um seine Argu­men­ta­tion zu unter­füt­tern. Der Fehler war ein­fach, zu sehr auf diese Mess­werte zu set­zen und auss­chließlich aus deren Entwick­lung Schlüsse zu ziehen. Wenn man die Inter­views mit den Proban­den im Ver­lauf der Studie betra­chtet, wird sehr deut­lich, dass sich die Fast-Fooder in diesen zwei Wochen wesentlich schlap­per und schlechter gefühlt haben. Auch haben sie sich über die kom­plette Zeit hun­grig gefühlt, was erst aufge­hört hat, als die Ratio­nen für alle Stu­di­en­teil­nehmer auf 2900 kcal pro Tag ange­hoben wur­den. Damit wur­den die Fast-Fooder ger­ade so satt, während die mediter­rane Gruppe mit riesi­gen Por­tio­nen zu kämpfen hatte, die natür­lich voll­ständig aufgegessen wer­den mussten.

Damit rückt das Prob­lem dieser Studie in den Blick: die kün­stliche Fix­ierung der Kalo­rien­auf­nahme. Es mag ja sein, dass es nur die Kalo­rien sind, die zählen, im All­tag ori­en­tieren wir uns nicht an Zahlen und abgemesse­nen Men­gen. Wir essen, bis wir uns satt fühlen, und fan­gen an, sobald wir wieder Hunger haben. Wenn uns eine Por­tion Fast Food nicht satt macht, essen wir mehr — egal, was mit den Kalo­rien ist. Wir müssen also den Blick viel mehr darauf richten, welche Nahrungsmit­tel uns dazu brin­gen, uns auch bei kleinen Por­tio­nen satt zu fühlen und nicht sofort wieder Hunger zu bekommen.

Damit wird diese Studie zu einem schö­nen Beispiel dafür, warum wir in wis­senschaftlichen Arbeiten nicht nur auf vordefinierte Mess­werte achten dür­fen, son­dern den voll­ständi­gen Prozess in den Blick nehmen müssen. Ger­ade bei exper­i­mentellen Stu­dien besteht die Gefahr, dass das kün­stliche Design der Studie die Aus­sagen so sehr ver­fälscht, dass sie zwar wis­senschaftlich “richtig” sind, aber über die reale Welt und das Leben da draußen wenig Sin­nvolles aus­sagen. Ger­ade für eine Sendung zur Prime­time im öffentlich-rechtlichen Fernse­hen ist das lei­der tödlich…

Soziologen, raus aus euren Hinterzimmern!

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aboutpixel.de / Tor zur ... © Rainer Sturm

Jeder, der Sozi­olo­gie studiert (hat) oder sich sogar dem Wahnsinn hin­gibt, eine wis­senschaftliche Kar­riere in diesem Fach anzus­treben, sieht sich immer wieder mit der Frage kon­fron­tiert: “Was macht man eigentlich in der Sozi­olo­gie?” Im schlimm­sten Fall wer­den dann auch noch gle­ich die Sozialar­beits– und –pädagogik-Klischees á la “Gut, dass wir darüber gere­det haben” aus­gepackt. Den Poli­tik­wis­senschaftlern geht es wahrschein­lich ähnlich und die Frage “Du willst also unser näch­ster Bun­deskan­zler wer­den?” kann sicher­lich kein Poli­tologe mehr hören. Immer­hin ist die Poli­tik etwas, was die Leute zumin­d­est grundle­gend ken­nen — und wenn sie nur wis­sen, dass das etwas mit Wahlen und diesen lusti­gen Balken und Torten im Fernse­hen alle paar Monate zu tun hat.

Aber was ist mit der Sozi­olo­gie? Wo taucht sie im öffentlichen Leben auf? Was sind die Fra­gen, die die Men­schen mit unserer Diszi­plin verbinden? Bei der Poli­tik­wis­senschaft ist das recht offen­sichtlich, bei den Wirtschaftswis­senschaften auch, aber die Sozi­olo­gie? Nix. Nada. Keine Idee. Der ein oder andere kommt vielle­icht ger­ade noch so auf die Mark­t­forschung und die Sozial­struk­tu­r­analyse (Stich­worte Zen­sus und Arbeits­markt) aber Wirtschaftssozi­olo­gie, Reli­gion­ssozi­olo­gie, Europaforschung oder Stadt­sozi­olo­gie wer­den die wenig­sten auf dem Zettel haben.

Dass nie­mand uns wahrn­immt und kennt, liegt ins­beson­dere an einer Per­so­n­en­gruppe: uns selbst. Nach­dem die großen sozial­tech­nol­o­gis­chen Träume geplanter und opti­mierter Gesellschaften gnaden­los gescheit­ert sind, haben wir uns in den akademis­chen Raum zurück­ge­zo­gen, Paper pro­duziert und die Welt “da draußen” an uns vor­bei ziehen lassen. Weder hegen wir den Anspruch Wis­sen zu pro­duzieren, das da draußen ver­wen­det wer­den kann und soll, noch haben wir uns groß bemüht unser Anse­hen zu pfle­gen und uns einen fes­ten Platz in der Öffentlichkeit zu erar­beiten. Damit wird die Diszi­plin, die eigentlich im Kern unzäh­liger öffentlicher Debat­ten ste­hen müsste und die uns so viel über unsere Gesellschaft ver­raten kann, wie kaum eine andere, zu einer Rand­figur, die sich nur mit ihres­gle­ichen unterhält.

Bleiben uns nach den in dieser Hin­sicht vie­len ver­schenk­ten Jahren und Jahrzehntes jetzt nur noch die Res­ig­na­tion und das langsame Siech­tum? Keineswegs. Aber wir müssen bei uns anfan­gen und unser Selb­stver­ständ­nis neu definieren. Wir dür­fen uns nicht länger als ent­fer­nte Beobachter der Gesellschaft ver­ste­hen, son­dern müssen den Ehrgeiz auf­brin­gen, unsere Arbeit, unsere Diskus­sio­nen und unsere The­men in die Gesellschaft zu tra­gen. Nicht als all­wis­sende Sozial­tech­niker, son­dern als aktive Forscher, als soziale und kom­mu­nizierende Wis­senschaftler. Wir haben Geschichten zu erzählen, die nah an den Men­schen sind; die sie beein­drucken und zum Nach­denken brin­gen können.

Mit der Deutschen Gesellschaft für Sozi­olo­gie (DGS) hat jetzt die zen­trale deutsche Insti­tu­tion dieser unserer Wis­senschaft einen Schritt auf die öffentliche Bühne gewagt und einen Blog eröffnet, in dem zwei­monatlich wech­sel­nde Autoren ihre Arbeit und ihre Per­spek­tive auf die Welt vorstellen. Den Anfang macht dabei der Chem­nitzer Indus­trie– und Arbeitssozi­ologe G. Gün­ther Voß (Twit­ter), der mich mit seinem Ein­gangsstate­ment auch zu diesem Beitrag inspiri­ert hat.

Dieses Ange­bot der DGS kann jedoch ein winzig kleiner, erster Schritt auf dem Weg hin zu einer offen­siv­eren Präsen­ta­tion der Sozi­olo­gie im Inter­net sein. Jede und jeder sollte ihn viel eher als Anstoß dazu sehen, sich selbst zu öffnen und der Welt seine Arbeit und seine Gedanken der Welt zu präsen­tieren. Nicht nur in der Form for­mal sauberer und durchge­tak­teter wis­senschaftlicher Artikel, son­dern als Skizzen, grobe Überlegun­gen oder Diskus­sion­sanstöße. In einem offe­nen For­mat, das nicht nur die Fachkol­le­gen anspricht, son­dern alle da draußen, mit den wir unsere Lebenswelt teilen. Denn nur, wenn wir den Leuten zeigen, was wir tun, kön­nen wir das ver­lorene Ter­rain wieder gut machen und uns unseren Platz in der öffentlichen Wahrnehmung zurückerarbeiten.

Zurück auf die Schulbank

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aboutpixel.de / Backup © Ronald Leine

Ich mochte das Studium: Viele ver­schiedene Ver­anstal­tun­gen, in denen man sich mit immer unter­schiedlichen span­nen­den – und manch­mal lei­der auch weniger span­nen­den – The­men auseinan­der­set­zen kon­nte. Das ver­misse ich heute bei der Arbeit an meiner Dis­ser­ta­tion: die the­ma­tis­che Vielfalt und Dynamik, den ständi­gen Wech­sel vom (gefühlten) Experten zum Laien und zurück. Bei der Diss heißt es dage­gen: das­selbe Thema tagein, tagaus. Es hat natür­lich auch was, für ein kleines Thema nicht nur ein gefühlter. son­der ein “echter” Experte zu sein – so weit das überhaupt möglich ist – aber der Blick verengt sich dadurch jedoch zwangsläu­fig recht stark.

Vor ein paar Wochen bin ich dann über ein äußerst span­nen­des Ange­bot der bei­den Stanford-Professoren Sebas­t­ian Thrun und Peter Norvig gestoßen, die ab Anfang Okto­ber einen Kurs, den sie in Stan­ford hal­ten, in exakt der­sel­ben Form online kosten­los anbi­eten, inklu­sive ter­minierten Hausauf­gaben und Prü­fun­gen. Da der Kurs sich dann auch noch “Intro­duc­tion to Arti­fi­cial Intel­li­gence” nennt und mich das Thema schon länger unter­schwellig inter­essiert, habe ich nicht lange gezögert und mich ger­ade dafür angemeldet:

Das klingt zwar auf der einen Seite echt super span­nend, wird für mich als Nicht-Informatiker oder –Math­e­matiker aber sicher­lich eine Her­aus­forderung. Vielle­icht ist es aber auch genau der richtige Aus­gle­ich zu kreativen Arbeit in der End­phase meiner Diss. Macht wer mit?

Links zum Wochenende I

Da ich immer über extrem viele Links stolpere, die mir keinen eige­nen Beitrag wert sind, die ich aber auch nicht nur der flüchti­gen Twitter-Timeline anver­trauen will, hier die erste Aus­gabe von Links zum Wochenende:

Inter­net und Medien

Leben und Denken

Schönes

Affen sind genauso irrational wie Menschen

Dass Men­schen keineswegs immer ratio­nal han­deln ist spätestens seit der Entwick­lung der Prospect The­ory von Daniel Kah­ne­man und Amos Tver­sky bekannt und akzep­tiert. Dass die psy­chol­o­gis­chen Prozesse, die uns daran hin­dern, uns “vernün­ftig” zu entschei­den nicht spez­i­fisch für den Men­schen sind, zeigt Lau­rie San­tos anhand von Exper­i­menten mit Affen – den Monkeynomics:

Homöopathisches Placebo

Aktuell wird ja mal wieder heiß über Homöopathie disku­tiert und gefordert, geset­zliche Krankenkassen dürften entsprechende Behand­lun­gen nicht länger bezahlen. Das Argu­ment dafür ist ganz ein­fach: So wird ange­führt (ob es stimmt oder nicht, kann ich nicht fundiert sagen), es gebe keine wis­senschaftlichen Stu­dien, die eine Wirk­samkeit homöopathis­cher Behand­lun­gen bele­gen. Zudem sei bis heute keine wis­senschaftliche Grund­lage für die Wirk­weise homöopathis­cher Behand­lun­gen bekannt. Während man let­zteres Argu­ment recht ein­fach mit “man wusste auch lange nicht, warum Aspirin wirkt” wider­legen kann, wiegt das Prob­lem der bisher nicht nachgewiese­nen Wirk­samkeit schwerer.

Betra­chtet man es jedoch genauer, wird genau daraus jedoch ein Argu­ment, warum solche Behand­lun­gen eben doch ihre Berech­ti­gung haben. Stu­dien zu der Wirk­samkeit medi­zinis­cher Behand­lun­gen beziehen sich in ihrer Bew­er­tung näm­lich nicht auf die Frage “Wirkt es oder wirkt es nicht?”, son­dern auf die Frage “Wirkt es besser als ein Placebo?”. Die zitierten Stu­dien weisen dem­nach wohl nach, dass homöopathis­che Mit­tel nicht besser wirken, als ein Placebo. Den Wirkungs­grad eines solchen erre­ichen sie aber anscheinend schon. Was sagt uns das jetzt über das Ver­hält­nis von Schul­medi­zin und Homöopathie (ebenso wie anderen alter­na­tiven Heil­meth­o­den) und ob Kassen solche Behand­lun­gen tra­gen sollten?

Pure Placebo-Behandlungen sind in unserem Gesund­heitssys­tem schwer umzuset­zen, weil der Patient natür­lich ein Recht darauf hat, zu wis­sen, was er ver­schrieben bekommt und welche Inhaltsstoffe darin enthal­ten sind. Weiß er jedoch, dass er nur ein Placebo bekommt, lässt dessen Wirkung nach, weil diese ger­ade auf dem Glauben besteht, ein wirk­sames Medika­ment zu bekom­men. Alter­na­tive Heil­meth­o­den bieten hier auch dem Skep­tiker eine ele­gante Möglichkeit: Sie bieten ein fest etabliertes Glaubenssys­tem, in dem der Patient glaubt, dass das, was er ver­schrieben bekommt, ein wirk­sames Medika­ment ist. Dann setzt der Placebo-Effekt ein und das Medika­ment wirkt tat­säch­lich. Warum genau, mag dann für den Wis­senschaftler inter­es­sant sein, nicht aber für den Patien­ten. Auf diese Weise eröffnet sich der (Schul-)Medizin eine neue Behand­lungsmöglichkeit, die ihr vorher nicht offen stand — die Behand­lung mit (aus ihrer Sicht) Placebos.

Gefährlich und unvernün­ftig wird das erst dann, wenn alter­na­tive Heil­meth­o­den als Ersatz für eine wichtige schul­medi­zinis­che Behand­lung einge­setzt wer­den. Wenn sie als Ergänzung ange­wandt oder dann durchge­führt wer­den, wenn eine Behand­lung mit herkömm­lichen Meth­o­den (mit all ihren poten­ziellen Neben­wirkun­gen) nicht unbe­d­ingt notwendig ist (Erkäl­tung, Kopf­schmerzen) oder nicht zum Erfolg führt (Rück­en­schmerzen, Allergien), stellt sie in meinen Augen eine gute und wichtige Ergänzung dar. Ger­ade auch bei Krankheiten, die über eine psy­cho­so­ma­tis­che Kom­po­nente verfügen.

Artikel zum Weiterlesen:

Warum klassisches Management Unternehmen schadet

Die klas­sis­che Logik der Per­son­alführung besagt: Belohne Leis­tung und deine Mitar­beiter wer­den bessere Leis­tung erbrin­gen. Warum diese Schlussfol­gerung falsch ist, erk­lärt Daniel Pink in seinem Buch Drive. Nach­dem ich an anderer Stelle bere­its über das Buch berichtet habe, hier eine kurze Zusam­men­fas­sung des Inhalts in einem gut gemachten (englis­chsprachi­gen) Video:

 

(Via: Net­zpi­loten)