Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

Was die Wissensgesellschaft braucht…

Die “Wis­sens­ge­sellschaft” ist einer der zen­tralen Begriffe wenn es um die Analyse der Charak­ter­is­tika der heuti­gen Gesellschaften geht. Es geht nicht mehr in erster Linie um Nahrungserzeu­gung oder Güter­pro­duk­tion. Diese sind in den Hin­ter­grund getreten vor einem neuen Rohstoff: dem Wissen.

Wis­sen scheint die treibende Kraft allen Fortschritts zu sein: Es treibt Wirtschaftswach­s­tum und Wohl­stand, ver­längert Leben und verbessert die Leben­squal­ität, fördert das Ver­ständ­nis der Natur und macht den Men­schen glauben, er könne sie beherrschen. Auch in Deutsch­land steht das Wis­sen und die “Wis­sens­ge­sellschaft”, zumin­d­est rhetorisch, im Mit­tlepunkt der poli­tis­chen Diskus­sion und Aktiv­ität. Die Lissabon-Strategie der EU und die Kam­pagne “Land der Ideen” set­zen am Wis­sen an und schreiben ihm fast schon All­macht zu.

Aber befassen wir uns mal mit der Real­ität abseits dieser Rhetorik: Damit Wis­sen in die Gesellschaft einge­hen kann bedarf es zweier­lei: Es muss pro­duziert wer­den und es muss einen Weg finden, auf das Leben der Men­schen Ein­fluss zu nehmen. Für Ersteres ist die Wis­senschaft, egal ob öffentlich oder pri­vat finanziert, zuständig. Sie schafft das Wis­sen, das der Rohstoff der Mod­erne zu sein scheint. Also müsste man davon aus­ge­hen kön­nen, dass alle poli­tis­che Rhetorik dazu führt, die Fähigkeit der Wis­senschaft, ihrer Arbeit nachzuge­hen, zu verbessern. Dass dem, zumin­d­est im uni­ver­sitären Bere­ich, nicht so ist, habe ich anderer Stelle aus­ge­führt (Risiko­fak­tor Wis­senschaft) und kann das nach nun immer­hin einem Monat konkreter Erfahrung im Wis­senschafts­be­trieb nur aufrecht erhalten.

Für die Ver­bre­itung (Sozi­olo­genchi­ne­sisch: “Dif­fu­sion”) des Wis­sen gibt es, in meinen Augen, zwei Mech­a­nis­men: Die Wirtschaft, die neue Erken­nt­nisse in Pro­dukte umsetzt und mit diesen das Leben der Men­schen bee­in­flusst, und die Medien, die Wis­sen in seiner “reinen Form” verdichten, einord­nen und der All­gmein­heit zugänglich machen soll­ten. Doch in den Medien scheint sich, wie in der Wis­senschaft auch, eine große Gruppe qual­i­fizierter und motivierter junger und weniger junger Men­schen zu entwick­eln, die von ihrer Arbeit nicht leben kön­nen. So beschreibt Gabriele Bär­tels in einem Artikel in der ZEIT (Schreiben macht arm) ihren täglichen Kampf um Veröf­fentlichun­gen, Zeilen­hono­rare und die näch­ste Mietzahlung.

Kann es ange­hen, dass in der­maßen wichti­gen Bere­ichen in unserer “Wis­sens­ge­sellschaft” solche Ver­hält­nisse vorherrschen? Dass Men­schen, die ihr Leben in den Dienst eines fun­da­men­talen Pfeil­ers der Gesellschaft stellen, unter solchen Bedin­gun­gen leben und arbeiten müssen? Wie kann man erwarten, dass sich qual­i­fizierte Hochschu­la­bgägner für Kar­ri­eren entschei­den, deren Aus­sichten der­maßen ungewiss sind, während Unternehmen mit (zumin­d­est auf dem Papier) langfristi­gen Verträ­gen, Entwick­lungsper­spek­tiven und angemesse­nen Gehäl­tern locken? Natür­lich, der Ide­al­is­mus gle­icht vieles aus, aber vielle­icht ist irgend­wann der Zeit­punkt gekom­men, wo sich die Leute sagen: “Macht euren Mist doch alleine!” Und dann ist das Geschrei groß…

Hilfen für kreative Arbeit

Es kommt ja immer mal wieder vor, dass man sich ein wenig kreativ betäti­gen muss oder sich tiefer in ein Thema einar­beiten oder mit einem Prob­lem beschäfti­gen will. Ein wenig Struk­tur in diesen nor­maler­weise recht chao­tis­chen Prozess brin­gen die Think­ing Guides von Explo­ratree.

Eine Pas­sage der Nutzungs­be­din­gun­gen macht die Nutzung dieser Seite jedoch für sen­si­ble Pro­jekte unmöglich:

…you agree, by sub­mit­ting your con­tri­bu­tion, you grant Future­lab Edu­ca­tion a per­pet­ual, royalty-free, non-exclusive, sub-licensable right and license to use, repro­duce, mod­ify, and pub­lish your con­tri­bu­tion freely and with­out restriction.

Allerd­ings hin­dert das einen natür­lich nicht daran, die Ver­fahren ein­fach auf Papier vor dem Rech­ner anzuwenden…

(Quelle: life­hacker)

Informationsplattform Open Access

Das Thema Open Access beschäftigt die wis­senschaftliche Öffentlichkeit im Inter­net weit­er­hin: So ließ sich vor Kurzem die Deutsche Gesellschaft für Pub­lizis­tik — und Kom­mu­nika­tion­swis­senschaft hier im schö­nen Bam­berg auf ihrer Jahresta­gung von einer äußerst sehenswerten Keynote von Wikipedia Begrün­der beschallen, um sich danach auf ihrer Mit­gliederver­samm­lung gegen ein eigenes englis­chsprachiges Open Access Mag­a­zin zu entschei­den und stattdessen allen Mit­glieder ein Zwangsabon­nement zweier deutscher Zeitschriften aufzuzwin­gen. Die Reak­tio­nen der bloggen­den Forscher dazu waren ein­deutig (Jan Schmidt, Peter Schu­macher, Stef­fen Büf­fel, Thomas Pleil und Tina Guen­ther; Reak­tion des Halem Ver­lags)

DFG, Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz Gesellschaft und viele andere wis­senschaftliche Insti­tu­tio­nen scheinen dem Thema gegenüber etwas offener eingestellt zu sein und unter­stützen ein sehr lobenswertes Pro­jekt der Unis Berlin (FU), Biele­feld, Göt­tin­gen und Kon­stanz, ein Infor­ma­tion­sportal zum Thema Open Access zu schaf­fen: www.openaccess-germany.de

Hier finden sich vor Allem auch sehr inter­es­sante Infor­ma­tio­nen für Wis­senschaftler, die sich mit dem Gedanken tra­gen, Arbeiten Open Access zu veröf­fentlichen. Das heutige Sys­tem von Anerken­nung und Rep­u­ta­tion hat diese Pub­lika­tions­form ja lei­der noch kaum auf dem Radar und auch im Bezug auf Ver­lage, die Fachzeitschriften veröf­fentlichen, kön­nte sich an dieser Stelle ja das ein oder andere Prob­lem ergeben.

Risikofaktor Wissenschaft

Hm… wenn ich diesen exzel­len­ten Artikel in der Wis­senswerk­statt lese, überkom­men mich doch wieder leise Zweifel, ob ich mich im Herbst wirk­lich in die Pro­mo­tion stürzen möchte.

Auch wenn ich mir anschaue, dass Kom­mili­to­nen, die in der let­zten Zeit ihr Studium abgeschlossen haben, mit Ein­stiegs­ge­häl­tern von über 30.000€ aufwarten kön­nen, scheint es mir doch etwas merk­würdig, mich mit einer hal­ben Stelle zu beg­nü­gen, die nicht viel mehr als den stu­den­tis­chen Lebens­stan­dard sich­ern kann.

Aber die Lösung für dieses Prob­lem liefert Marc gle­ich mit:

Der einzige nachvol­lziehbare Grund, weshalb dieses Sys­tem der Aus­beu­tung funk­tion­iert, ist das große Faszi­nosum, das wis­senschaftliche Arbeit nichts­destotrotz darstellt. Denn ja, für die Vielzahl dieser prekär Beschäftigten im Alter von 30–40 Jahren ist die Möglichkeit wis­senschaftlich zu arbeiten ein Traum. Und für diesen Traum wer­den Unsicher­heiten und finanzielle Durst­strecken fast immer akzeptiert.

Genau das gilt auch für mich. Ich möchte wis­senschaftlich arbeiten, Stu­den­ten dabei unter­stützen, das Studium abzuschließen und immer wieder neue Dinge ler­nen. Ich kann mir momen­tan nicht vorstellen, mich jeden Tag in ein Büro zu set­zen und mein Engage­ment einem Unternehmen zukom­men lassen, dass mich in der ersten Krise auf die Straße set­zen kann. Dann lieber schlecht bezahlte aber span­nende Arbeit an einer Uni­ver­sität. Ich möchte nicht für Geld arbeiten, son­dern für mich. Und das geht, solange das Geld für Woh­nung, Lebens­mit­tel, Klei­dung, Bücher, CDs, DVDs, einen gele­gentlichen Kneipenbe­such und Bah­ntick­ets reicht…

Und was die Per­spek­tivlosigkeit angeht, kann ich nur sagen: “Schaun wer ma, dann sehn wer schon.”

Totale Überwachung für die Forschung?

In der Schweiz wollen Forscher in einem riesi­gen Forschung­spro­jekt über 20 Jahre hin­weg die Entwick­lung von 3000 Kindern ver­fol­gen. Auch Eltern und Großel­tern sollen in die Studie ein­be­zo­gen wer­den, um so ein möglichst umfassendes Bild der Kind­heit und Jugend der Proban­den zu erzeu­gen. Im Mit­telpunkt steht dabei das Inter­esse an der Entste­hung psy­chis­cher Störun­gen wie Angst­störun­gen oder Depressionen.

Für einen empirischen Wis­senschaftler stellt ein solches Pro­jekt sicher­lich den absoluten Him­mel auf Erden dar: Aus einer großen Stich­probe wer­den sehr umfan­gre­iche Daten erhoben, die so ziem­lich alle erden­klichen Fak­toren abdecken kön­nen und auf dieser Grund­lage ließen sich sicher­lich äußerst span­nende Schlussfol­gerun­gen ziehen. Auch für Sozi­olo­gen wären diese Daten sicher­lich inter­es­sant, da man auch Unter­suchun­gen zur Sozial­i­sa­tion oder Peer-Groups durch­führen könnte.

Neben den ethis­chen und rechtlichen Ein­wän­den, die sich beispiel­sweise bei Zeit.de finden, gibt es jedoch auch ein ganz zen­trales method­is­ches Prob­lem: Die Forscher verän­dern durch die Daten­er­he­bung die Daten. So wird eine frühzeitig erkan­nte Depres­sion sicher­lich auch frühzeitig behan­delt wer­den (müssen) und auch das son­stige Ver­hal­ten der Proban­den wird sicher­lich verän­dert sein. Eine regelmäßige kör­per­liche Unter­suchung kön­nte beispiel­sweise das Bewusst­sein bezüglich der eige­nen Ernährung schär­fen oder die Eltern kön­nten sich unter stärk­erem Druck sehen, ihrem Nach­wuchs mehr Aufw­erk­samkeit zu widmen.

Im Angesicht dieser method­is­chen Prob­leme ist es frag­würdig, ob die gewonnenen Daten den Aufwand und die ethisch heikle Vorge­hensweise recht­fer­ti­gen, die Durch­führung einer der­ar­ti­gen Panel-Studie würde der (Entwicklungs-)Psychologie und den Sozial­wis­senschaften jedoch eine neue Dimen­sion eröffnen.

Mehr Infor­ma­tio­nen:

Science Commons

Im sozlog, genauer gesagt im lesenswerten PDF, das am Ende des Beitrags ver­linkt ist, bin ich ger­ade auf eine Ini­tia­tive gestoßen, die sich das Thema “Open Access” auf die Fah­nen geschrieben hat: Sci­ence Com­mons ist ein Pro­jekt von Cre­ative Com­mons und hat sich zum Ziel gesetzt, den freien Fluss wis­senschaftlicher Infor­ma­tio­nen und Daten im Inter­net zu fördern. Momen­tan sieht mir das Ganze noch sehr USA-zentriert aus, aber es ist auf jeden Fall schön zu sehen, dass es auch hier organ­isierte Anstren­gun­gen unter­nom­men werden.

A ‘Linux approach’ to publication”

Open Access in der wis­senschaftlichen Pub­lika­tion­spraxis war ja schon­mal Thema hier im Blog (Open Access in der Wis­senschaft und Peer-Review und Pub­lika­tio­nen). Jetzt erscheint das Mag­a­zin eco­nom­ics des Kieler Insti­tuts für Weltwirtschaft auf eine Weise, die ver­sucht, die Vorteile des Peer Review Ver­fahrens zu erhal­ten, gle­ichzeitig aber freien Zugang zu den Artikeln zu bieten:

Den übermit­tel­ten Papern wird für acht Wochen in den Sta­tus “dis­cus­sion paper” zugewiesen. In dieser Zeit kön­nen andere Teil­nehmer über die Artikel disku­tieren und am Ende dieser acht Wochen entschei­den “Asso­ciate Edi­tors” auf der Grund­lage dieser Diskus­sio­nen darüber, ob ein Artikel endgültig veröf­fentlicht wird. Im “Advi­sory Board” sitzen dabei Hochkaräter wie George Akerlof, Avinash Dixit, Mau­rice Obst­feld, Amartya Sen und Jef­frey G. Williamson.

Ein sehr inter­es­san­ter Ansatz, den ich sicher­lich weiter ver­fol­gen werde.

(Quelle: Orga­ni­za­tions and Mar­kets)

Peer-Review und Publikationen

In der Debatte um Open Access (z.B. hier, hier und hier) in der wis­senschaftlichen Pub­lika­tion wird oft­mals auf die Wichtigkeit der “Qual­ität­skon­trolle” wis­senschaftlicher Arbeiten durch eine der Veröf­fentlichung vorgeschal­tete Begutach­tung der Artikel durch andere Wis­senschaftler hingewiesen (z.B. hier). In meinen Augen erfüllt dieses “Peer-Review” ins­beson­dere zwei Funktionen:

1. Qual­ität­skon­trolle: Unbe­strit­ten soll­ten Arbeiten vor ihrer Veröf­fentlichung auf ihre Qual­ität hin überprüft wer­den: Die Argu­men­ta­tion sollte plau­si­bel sein, die Arbeit sollte neue Aspekte bein­hal­ten und natür­lich muss auch die Meth­ode gewis­sen Ansprüchen genügen.

2. Abgren­zung der Wis­senschaft: Das Peer-Review ist ein wichtiger Baustein in der Abgren­zung des Wis­senschaftssys­tems gegenüber der übrigen Gesellschaft: Nur wer die “richti­gen” Begriffe an der “richti­gen” Stelle ver­wen­det, die “richti­gen” Autoren zitiert und “fachangemessene” Argu­mente ver­wen­det kann auf eine Pub­lika­tion hof­fen. Auf diese Weise wer­den existierende Par­a­dig­men repro­duziert, beste­hende Argu­men­ta­tion­s­muster gefes­tigt und “Quer­denkern” der Ein­stieg erschw­ert.
Zudem hat ger­ade die Sozi­olo­gie mit dem Vorurteil der Unver­ständlichkeit und verk­lausulierten Aus­druck­sweise zu kämpfen, was sich durch die koop­ta­tive Struk­tur des Sys­tems lei­der in Zukunft auch vor­erst nicht ändern wird. Ver­ständlich und zugänglich zu schreiben, wird oft­mals als “unwis­senschaftlich” bezeichnet.

Gibt es also eine Möglichkeit, die Qual­ität­skon­trolle zu erfüllen, ohne dabei ein rigides Repro­duk­tion­ssys­tem zu erzeu­gen? In meinen Augen lautet die Antwort auch hier wieder Open Access: Auf einer Veröf­fentlichungsplat­tform für wis­senschaftliche Artikel kön­nte ein offenenes Review-System etabliert wer­den. Kri­tisierte Artikel wer­den nicht ein­fach nicht veröf­fentlicht, son­dern zusam­men mit den Kri­tikpunk­ten eingestellt.So kann sich eine offene Diskus­sion um neue Ideen entwick­eln und gle­ichzeitig wird der wis­senschaftliche Gehalt der Texte überprüft. Zudem erzeugt die Öffentlichkeit des Reviews größeren Druck auf die Autoren sauber zu arbeiten.