Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

re:blick

republica

Das war sie also, meine erste re:publica: drei Tage voll­gepackt mit inspiri­eren­den Vorträ­gen, inter­es­san­ten Diskus­sio­nen und Net­zkul­tur pur. Von 10 Uhr mor­gens bis 8 Uhr abends. Auch wenn ich nicht der geborene Net­zw­erker bin, der von jeder Ver­anstal­tung mit dutzen­den neuen Kon­tak­ten nach Hause kommt, nehme ich viele Ideen und Gedanke­nanstöße mit, die ich in der näch­sten Zeit, so mich die Diss lässt, an dieser Stelle reflek­tieren und für mich einord­nen werde.

Auch wenn das vorab überhaupt nicht geplant war, hat für mich jeder der drei Tage einen gewis­sen The­men­schw­er­punkt gehabt, zu dem ich in min­destens drei Ses­sions gesessen habe: am Mittwoch war der Tag für “Wis­senschaft im Netz” mit den The­men Urhe­ber­recht in der Lehre, Open Sci­ence und wis­senschaftliches Bloggen. Am Don­ner­stag war dann das Thema “Die Zukunft des Buchs” dran, mit Ses­sions zum Urhe­ber­recht, disrup­tivem Wan­del von Geschäftsmod­ellen in der Medi­en­branche und dem Buch als Web­seite. Den Abschluss am Fre­itag machte dann die Mobil­isierung von Nutzern in den Bere­ichen Gam­i­fi­ca­tion, sozialer Wan­del und Pro­duk­ten­twick­lung.

Es fällt mir schwer, einzelne Ver­anstal­tun­gen her­auszupicken, aber ganz beson­ders unter­halt­sam und/oder inspiri­erend fand ich die Ver­anstal­tung zur Open Sci­ence, die mir wahrschein­lich in der näch­sten Zeit den meis­ten Stoff zum Nach­denken geben wird, Adam Hydes Idee vom Buch als kol­lab­o­ra­tiv erar­beit­etem Objekt, das auch nach seiner Fer­tig­stel­lung weiter wach­sen und sich anpassen kann, Jay Cousins’ Konzept der beta-World, die zum Exper­i­men­tieren und Verän­dern ein­lädt, und schließlich Michael See­berg­ers (@mspro) the­o­retisch aufwändige (und vielle­icht etwas umständliche) Her­leitung einer Def­i­n­i­tion des Konzepts “Plattformneutralität”.

Mein her­zlicher Dank geht an alle Organ­isatoren, Red­ner, Helfer und die inter­es­san­ten Men­schen, die diese Kon­ferenz zu dem machen, was sie ist.

Fassungslos

Ein Feuer­wehrmann, der ein Kind aus einem bren­nen­den Haus ret­tet, ist ein Held. Wenn er sich dabei selbst ver­brennt, ist er ein noch größerer Held. Wenn er dabei sogar selbst um’s Leben kommt, ver­leiht man ihm pos­tum einen Orden nach dem anderen.

Ein Aktivist, der Men­schen in Kriegs­ge­bi­eten dabei hilft, ihre Geschichten zu erzählen, wird nicht wahrgenom­men. Wenn er das Leid, das er tagein, tagaus miter­leben muss, nicht mehr ertra­gen kann, ist er “nicht gesund”. Und wenn er sich “erdreis­tet”, darüber zu reden, muss er sich auf dem Klo ver­stecken um zu weinen, weil er Angst vor Angrif­fen hat.

ICH FASSE ES NICHT! Ich kann ein­fach nicht begreifen, dass Men­schen, die ihr psy­chis­ches Wohl für eine gute Sache riskieren und opfern, solchen Undank ern­ten! Psy­chis­che Ver­let­zun­gen sind min­destens(!) so schlimm, wie kör­per­liche. Sie sind nicht “einge­bildet” oder ein Zeichen für Schwäche! Wer sie in Kauf nimmt, um anderen zu helfen, hat genau densel­ben Respekt und dieselbe Unter­stützung ver­di­ent, wie der oben beschriebene Feuerwehrmann!

Die Schattenseiten des Aktivismus

bomben

This is what bombs do von ortonesque

Nach­dem ich let­zten Novem­ber große Hoff­nun­gen in den Vor­trag von Gün­ter Wall­raff gesteckt hatte und doch ziem­lich ent­täuscht wurde, hat mich Stephan Urbachs Auftritt vor­let­zte Woche wirk­lich gepackt (Her­zlichen Dank dafür an Kreativ­ität trifft Tech­nik e.V.). Urbach ist seit einiger Zeit das Gesicht der Aktivis­ten­gruppe Tele­comix, die alles dafür tun, die Auf­ständis­chen in Nordafrika und dem Nahe Osten in die Lage zu ver­set­zen, ihre Geschichten der Welt zu erzählen. Hier ist eine Aufze­ich­nung seines wirk­lich beein­druck­enden Vor­trags, den er selbst als “schw­er­sten und inten­sivsten meiner Kar­riere” beze­ich­net:

Beson­ders beein­druckt hat mich dabei fol­gende Aussage:

Men­schen die Fähigkeit zu nehmen, ihre Geschichten zu erzählen, ist eine kriegerische Handlung.

Neben der Bestürzung über das, was ger­ade in Syrien passiert, gewann der Vor­trag gegen Ende und vor Allem in der Fragerunde noch eine weit­ere melan­cholis­che Note: Es wurde nur zu deut­lich, wie sehr seine Aktiv­ität als Aktivist Stephan Urbach belastet und mit­nimmt. Auf die Frage, ob ihn all das Wis­sen und die Nähe zu dem Leid nicht belas­ten würde und ob er schon­mal darüber nachgedacht hätte aufzuhören, reagierte er mit einem “Jeden Tag” aus tief­stem Herzen.

Ich habe keine Ahnung, ob es einen Zusam­men­hang gibt, aber vor ein paar Tagen hat Stephan Urbach tat­säch­lich seinen Rück­zug aus dem aktiven Aktivis­mus bekannt gegeben. Seine Erk­lärung dafür ist so ein­fach, wie erschreckend:

The first and main rea­son is that I am not able to stand the pres­sure of knowl­edge. Knowl­edge of what is hap­pen­ing on the ground.

Her­zlichen Dank für deinen Vor­trag und deine Arbeit, Stephan!

Klassenkampf mit Günter Wallraff

wallraff1

Am Mon­tag war Gün­ter Wall­raff bei uns in der Uni zu Gast. Nach­dem der ehe­ma­lige DGB-Vorsitzende der Region Oldenburg/Wilhelmshaven mit einer kämpferischen Ansprache den Ton für den Rest des Abends vor­gab, kam die sozial­wis­senschaftliche Abso­lu­tion für Gün­ter Wall­raffs Recherchemeth­o­den wesentlich leiser und (lei­der) soziologie-typisch unnötig ver­schwurbelt daher. Meine Hoff­nung, dass auf diese bei­den ein­lei­t­en­den Pas­sagen eine präg­nante und reflek­tierte Gesellschafts­di­ag­nose Wall­raffs fol­gen würde, wurde lei­der auch enttäuscht.

Wall­raff berichtet von seinen Recherchen, den Arbeits­be­di­gun­gen bei einem Lidl-Backwaren-Zulieferer oder in unter­schiedlichen Call-Centern. Er beschreibt seine Zeit als Obdachloser auf den Straßen Europas, die Zustände in einer beson­ders skan­dalösen Notschlaf­stelle und seinen Kampf um die Schließung dieses ehe­ma­li­gen Bunkers. Dabei erzählt er unter­halt­sam und kon­nte auch bei mir die Empörung über diese Zustände wecken.

Durch diese Nähe, die Wall­raff zu den Men­schen, die unter solchen Umstän­den Leben und Arbeiten müssen, auf­baut, ver­liert er jedoch lei­der den reflek­tierten und einord­nen­den Blick für das Ganze. Während er ein sehr dif­feren­ziertes Bild der sozial Schwachen in den von ihm beschriebe­nen Extrem­fällen zeich­net, springt er aus dieser Beschrei­bung sehr schnell und sehr pauschal zu einer Bew­er­tung unserer aktuellen Gesellschaft.

Dabei bedi­ent er sich — bewusst oder unbe­wusst — des Tricks, von der Seite, für die er Sym­pa­thien wecken will, ein sehr dif­fernziertes Bild zu zeich­nen, während “die Bösen” sehr holzschnit­tar­tig und pauschal abqual­i­fiziert wer­den. So beschreibt er beispiel­sweise sehr ein­drucksvoll, wie die Mitar­beiter in Call Cen­tern durch sozialen Druck dazu motiviert wer­den, sich an den betrügerischen Machen­schaften zu beteili­gen, qual­i­fiziert Man­ager aber pauschal ab. Dass auch diese sozialem Druck unter­liegen und hier diesel­ben Mech­a­nis­men wirken, die bei den “Schwachen” als Entschuldigung dienen, lässt er ein­fach mal unter den Tisch fallen.

Wall­raff hat sich bei dieser Ver­anstal­tung als braver Klassenkämpfer und Unter­stützer der linken Sache pro­duziert. Er kämpft weiter die Kämpfe der Indus­triege­sellschaft zwis­chen aus­ge­beuteten Arbeit­ern und Arbeit­nehmern und den aus­beu­ten­den Man­agern. Zukun­ftsper­spek­tiven oder neue For­men der Arbeit spie­len hier keine Rolle. Er bedi­ent das Pub­likum mit dem, was es erwartet: Bestä­ti­gung für die eigene Schwarz-Weiß-Weltsicht. Und ern­tet entsprechend vorherse­hbaren Applaus für vorherse­hbare Parolen.

Damit wird auch deut­lich, was Wall­raff selbst im Laufe der Ver­anstal­tung zugegeben hat: Das Abstrakte ist nicht seine Sache. Er ist gut darin, konkrete Missstände aufzudecken, Anek­doten zu erzählen und im Einzelfall für die Rechte Schwacher zu kämpfen. Als reflek­tierter und reflek­tieren­der Ana­lytiker unserer Gesellschaft taugt er (lei­der) weniger.

Links zum Wochenende I

Da ich immer über extrem viele Links stolpere, die mir keinen eige­nen Beitrag wert sind, die ich aber auch nicht nur der flüchti­gen Twitter-Timeline anver­trauen will, hier die erste Aus­gabe von Links zum Wochenende:

Inter­net und Medien

Leben und Denken

Schönes

Treuhand-Murks

Manch­mal hat es auch etwas Gutes, wenn man mit einer Erkäl­tung auf dem Sofa liegt und sich wild durch das Vor­abend­pro­gramm zappt: Bei 3Sat bin ich ger­ade bei einer äußerst span­nen­den Doku­men­ta­tion darüber hän­gen geblieben, wie die Pri­vatisierungspoli­tik der Treuhan­danstalt nach der Wiedervere­ini­gung zu der jet­zi­gen des­o­laten wirtschaftlichen Lage in den neuen Bun­deslän­dern maßge­blich beige­tra­gen hat. Hier ein paar zen­trale Aussagen:

  • DDR-Banken wur­den trotz vom Bund garantierter ausste­hen­der Kred­ite in Mil­liar­den­höhe für teil­weise zweis­tel­lige Mil­lio­nen­be­träge an west­deutsche Banken verschachert.
  • West­deutsche Unternehmen haben teil­weise den Mark­tzu­gang für ost­deutsche Unternehmen mas­siv behindert.
  • Fik­tive” Staatskred­ite, die in erster Linie der Steuerung der DDR-Wirtschaft dien­ten und deren Zin­sen vom Zen­tral­staat bezahlt wur­den, wur­den übergangs­los in Schulden umge­wan­delt, die die Unternehmen sel­ber finanzieren mussten. Bei Pri­vat­banken. Und ver­mut­lich densel­ben, die für Spottpreise an west­deutsche Banken gegan­gen sind.
  • Der 1:1-Umtausch von DDR– in Deutsche Mark machte Löhne und Schulden für ost­deutsche Unternehmen nahezu unbezahlbar.
  • Die Poli­tik der Treu­hand sah anscheinend nur zwei Möglichkeiten für einen ehe­ma­li­gen VEB: An ein west­deutsches Unternehmen verkaufen oder abwick­eln. Das entschei­dende Kri­terium bei der Entschei­dung wahr wohl auss­chließlich der zukün­ftig zu erwartende Ertrag. Beste­hen­des Ver­mö­gen (Immo­bilien etc.) spielte keine Rolle. So kon­nte ein west­deutscher Unternehmer einen Berliner Heizungsan­la­gen­bauer für zwei Mil­lio­nen Euro aufkaufen und dessen Immo­bilien für mehr als 100 Mil­lio­nen wieder veräußern.
  • Durch die Masse an Unternehmen und das schnelle Han­deln der Treu­hand war eine Kon­trolle der Käufer anscheinend fak­tisch nicht.

Ich hab keine Ahnung, ob Hel­mut Kohl den Frieden­sno­bel­preis vielle­icht ver­di­ent hätte, den Wirtschaft­sno­bel­preis würde er dafür sicher­lich nicht bekommen.

Aber am besten, ihr schaut euch das Ganze sel­ber an: Beutezug Ost

Armut kennt viele Geschichten – Glück auch

Über @ApfelMuse bin ich auf ein nach­den­kliches Video von Isabel Prahl von der Kun­sthochschule für Medien in Köln gestoßen:

 

Dabei liegt eine neg­a­tive Inter­pre­ta­tion auf der Hand: Das Leben des Jun­gen scheint alles andere als schön aber es gelingt ihm durch viele Euphemis­men, dies zu ver­heim­lichen. Eine weit­ere Mes­sage des Videos ist vielle­icht nicht so offen­sichtlich, aber auf der indi­vidu­ellen Ebene stellt es schön dar, wie selbst der tris­teste Tag in den Gedanken und der Sprache zu einem Traum wer­den kann, der andere nei­disch macht. Getreu dem Motto “Pain is inevitable. Suf­fer­ing is optional” (“Schmerz ist unver­mei­dlich. Lei­den ist frei­willig”), ist das, wie wir unser Leben und unsere Erleb­nisse wahrnehmen und bew­erten, unsere ure­igene Entschei­dung. Der Junge im Film kön­nte gedrückt aus seinem Leben erzählen, aber er entschei­det sich für eine pos­i­tive Inter­pre­ta­tion seiner Erleb­nisse. Natür­lich würde ich niemals sagen “Ist doch alles nur eine Frage der Wahrnehmung. Dem geht es doch nicht schlecht.” Aber für die von uns, denen es im Grunde ganz gut geht, die wir das nötig­ste zum Leben haben, ein Dach über dem Kopf, liebe Men­schen um uns herum und das Gefühl, ein wertvoller Bestandteil unserer Gesellschaft zu sein, kann dieser Film als Erin­nerung daran dienen, das Leid und Schmerzen in uns entste­hen und wir ihnen nicht macht­los gegenüberstehen.

Wir sind Helden: Musikkarriere und Familie

Ich bin ja schon seit Langem ein großer Fan von Wir sind Helden und war entsprechend ges­pannt auf das neue Album Bring mich nach Hause, das vor ein paar Tagen endlich erschienen ist. Nach­dem ich von Soundso nicht wirk­lich begeis­tert war, war ich auch hier beim ersten, zweiten und drit­ten neben­bei Hören skep­tisch. Aber wenn man mal auf die Texte achtet und die Musik ein wenig genauer auf sich wirken lässt, kön­nen die Helden hier doch wieder wirk­lich gefallen. Wesentlich weniger fröh­lich und aufge­dreht son­dern nach­den­klich und melan­cholisch ent­führen sie einen in ihre musikalis­chen Sprach­spiele. Über die Hin­ter­gründe des neuen Stils und die Frage, wie man eine Tour mit ins­ge­samt drei Kindern vere­in­bart, gibt es jetzt bei SpiegelOn­line eine äußerst inter­es­sante Kurzre­portage: Stillen oder Zugabe.