Wenn ein Buch schon “Der entgrenzte Mensch” heißt, kann ich einfach nicht wiederstehen. Das Thema Grenzen beschäftigt mich momentan sowieso tagein tagaus und der moderne Mensch ist ja auch was, was mich schon länger interessiert. Und so landete seit Langem mal wieder ein Vollpreis-Hardcover in meinem Bücherregal. Der Autor Rainer Funk versucht hier, auf einer psychoanalytischen Grundlage zu analysieren, was die moderne Welt, das Internet und vor allem der mittlerweile fast universelle moralische Relativismus mit dem Mensch, seinem Leben und seiner Psyche machen.
Er beginnt mit der durchaus spannenden Unterscheidung von Grenzüberschreitung und Entgrenzung. Während Erstere in erster Linie auf eine Überwindung bestehender Grenzen abzielt, ist Letztere auf deren grundlegende Zerstörung und eine allgemeine Grenzenlosigkeit ausgerichtet. Eine interessante begriffliche Unterscheidung, mit der er dem Problem aus dem Weg geht, im weiteren Verlauf des Buches den Stillstand predigen zu müssen: Auch wenn er sich gegen die Entgrenzung richtet, bleibt immer noch die Grenzüberschreitung zur persönlichen und auch gesellschaftlichen Entwicklung.
Im nächsten Abschnitt versucht sich Funk dann einer allgemeinen Gesellschaftsanalyse, in der, wie könnte es anders sein, Prozesse der Entgrenzung im Mittelpunkt stehen. Dabei verwendet er den gerade eingeführten Begriff allerdings relativ wirr und bezeichnet durchaus auch mal neue Grenzziehungen als Entgrenzung. Im Grunde versucht er hier jedoch etwas zu etablieren, was Habermas mal die “Kolonialisierung der Lebenswelt durch die Systeme” genannt hat, also den zunehmenden Einfluss von Wirtschaft, Medien und unterschiedlichsten Messverfahren auf das Fühlen und Handeln der Menschen.
Dabei steht das Argument im Mittelpunkt, dass der Mensch sich immer mehr von seinem eigentlichen “ursprünglichen” Empfinden entfernt und die Welt vielmehr vermittelt durch die Medien und aus einer nutzen– und gewinnorientierten Perspektive wahrnimmt. Dabei greift Funk auf ein Konzept zurück, dass er “Realitätsprüfung” nennt und das für ihn eine wesentliche Eigenschaft des Menschen ist. Diese Fähigkeit muss jedoch auch trainiert werden und verkümmert nach Funks Ansicht durch die mediale Vermittlung der Realitätswahrnehmung. Daran merkt man, dass Funk Psychologe und kein Soziologe ist, denn für Letztere ist jede Realitätswahrnehmung zwangsläufig durch Medien vermittelt und in ihrer Interpretation von kulturellen Perspektiven und anderen sozialen Elementen abhängig. In diesem Abschnitt stecken also zwar einige spannende Argumente und Ideen, der Gesamtzusammenhang bleibt jedoch ein wenig wirr.
Im dritten und letzten Abschnitt kann Funk mich dann endlich überzeugen: Er argumentiert, dass der Mensch seine biologische und psychologische Beschränktheit zunehmend als Enge und Einschränkung wahrnimmt und überwinden will. Er orientiert sich nicht länger wie selbstverständlich an vorgegebenen kulturellen Mustern oder etablierten Rollenbildern. Er will sich nicht einmal mehr auf eine einmal freiwillig eingenommene Position festlegen lassen, sondern sich flexibel immer wieder neu konstruieren können. Funk argumentiert, dass diese Flexibilität den modernen Menschen immer mehr beziehungsunfähig macht, da er sich nicht dauerhaft festlegen will oder auch kann. Gleichzeitig verlangt die zunehmende Freiheit jedoch nach einer sozialen Einbettung, die einen gewissen Anker und Sicherheit bieten kann.
Er steht dieser Relativierung von Persönlichkeitsbildern und gesellschaftlichen Rollen sehr skeptisch gegenüber und spricht von einer “Virtualisierung der Persönlichkeit”, die lediglich ein Kunstbild darstellt, während der Mensch dahinter seine eigenen Emotionen und Gefühle nicht mehr richtig erleben kann. Aus dieser Verkümmerung der Gefühlswahrnehmung und der fehlenden sozialen und moralischen Verankerung resultiert dann zudem eine abnehmende Ambivalenz– und Frustrationstoleranz.
Grundsätzlich konnte ich Funks Argumentation im dritten Abschnitt gut folgen und einige spannende Gedanken herausziehen. Gleichzeitig ist mir jedoch aufgefallen, dass sie nur funktioniert, wenn man so etwas wie eine “natürliche Persönlichkeit” oder ein “objektives Ich” annimmt, von dem sich das “virtuelle Ich” entfernt. Wenn man aus soziologischer Perspektive in Betracht zieht, dass das “Ich” eben immer sozial konstruiert ist, fällt Vieles wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Intuitiv kann ich vielen der Argumente Funks aber — auch aus eigener Erfahrung — sehr gut zustimmen.
Rainer Funk (2011): Der entgrenzte Mensch. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus — Amazon