Weltenkreuzer

Gedanken und Fundstücke aus all meinen Welten

Affen sind genauso irrational wie Menschen

Dass Men­schen keineswegs immer ratio­nal han­deln ist spätestens seit der Entwick­lung der Prospect The­ory von Daniel Kah­ne­man und Amos Tver­sky bekannt und akzep­tiert. Dass die psy­chol­o­gis­chen Prozesse, die uns daran hin­dern, uns “vernün­ftig” zu entschei­den nicht spez­i­fisch für den Men­schen sind, zeigt Lau­rie San­tos anhand von Exper­i­menten mit Affen – den Monkeynomics:

Homöopathisches Placebo

Aktuell wird ja mal wieder heiß über Homöopathie disku­tiert und gefordert, geset­zliche Krankenkassen dürften entsprechende Behand­lun­gen nicht länger bezahlen. Das Argu­ment dafür ist ganz ein­fach: So wird ange­führt (ob es stimmt oder nicht, kann ich nicht fundiert sagen), es gebe keine wis­senschaftlichen Stu­dien, die eine Wirk­samkeit homöopathis­cher Behand­lun­gen bele­gen. Zudem sei bis heute keine wis­senschaftliche Grund­lage für die Wirk­weise homöopathis­cher Behand­lun­gen bekannt. Während man let­zteres Argu­ment recht ein­fach mit “man wusste auch lange nicht, warum Aspirin wirkt” wider­legen kann, wiegt das Prob­lem der bisher nicht nachgewiese­nen Wirk­samkeit schwerer.

Betra­chtet man es jedoch genauer, wird genau daraus jedoch ein Argu­ment, warum solche Behand­lun­gen eben doch ihre Berech­ti­gung haben. Stu­dien zu der Wirk­samkeit medi­zinis­cher Behand­lun­gen beziehen sich in ihrer Bew­er­tung näm­lich nicht auf die Frage “Wirkt es oder wirkt es nicht?”, son­dern auf die Frage “Wirkt es besser als ein Placebo?”. Die zitierten Stu­dien weisen dem­nach wohl nach, dass homöopathis­che Mit­tel nicht besser wirken, als ein Placebo. Den Wirkungs­grad eines solchen erre­ichen sie aber anscheinend schon. Was sagt uns das jetzt über das Ver­hält­nis von Schul­medi­zin und Homöopathie (ebenso wie anderen alter­na­tiven Heil­meth­o­den) und ob Kassen solche Behand­lun­gen tra­gen sollten?

Pure Placebo-Behandlungen sind in unserem Gesund­heitssys­tem schwer umzuset­zen, weil der Patient natür­lich ein Recht darauf hat, zu wis­sen, was er ver­schrieben bekommt und welche Inhaltsstoffe darin enthal­ten sind. Weiß er jedoch, dass er nur ein Placebo bekommt, lässt dessen Wirkung nach, weil diese ger­ade auf dem Glauben besteht, ein wirk­sames Medika­ment zu bekom­men. Alter­na­tive Heil­meth­o­den bieten hier auch dem Skep­tiker eine ele­gante Möglichkeit: Sie bieten ein fest etabliertes Glaubenssys­tem, in dem der Patient glaubt, dass das, was er ver­schrieben bekommt, ein wirk­sames Medika­ment ist. Dann setzt der Placebo-Effekt ein und das Medika­ment wirkt tat­säch­lich. Warum genau, mag dann für den Wis­senschaftler inter­es­sant sein, nicht aber für den Patien­ten. Auf diese Weise eröffnet sich der (Schul-)Medizin eine neue Behand­lungsmöglichkeit, die ihr vorher nicht offen stand — die Behand­lung mit (aus ihrer Sicht) Placebos.

Gefährlich und unvernün­ftig wird das erst dann, wenn alter­na­tive Heil­meth­o­den als Ersatz für eine wichtige schul­medi­zinis­che Behand­lung einge­setzt wer­den. Wenn sie als Ergänzung ange­wandt oder dann durchge­führt wer­den, wenn eine Behand­lung mit herkömm­lichen Meth­o­den (mit all ihren poten­ziellen Neben­wirkun­gen) nicht unbe­d­ingt notwendig ist (Erkäl­tung, Kopf­schmerzen) oder nicht zum Erfolg führt (Rück­en­schmerzen, Allergien), stellt sie in meinen Augen eine gute und wichtige Ergänzung dar. Ger­ade auch bei Krankheiten, die über eine psy­cho­so­ma­tis­che Kom­po­nente verfügen.

Artikel zum Weiterlesen:

manomama: Respekt!

Nach­dem ich diese Rubrik lei­der nach drei Aus­gaben 2008 habe ein­schlafen lassen, will ich sie in Zukunft mal wieder ab und an aus­graben, und euch Men­schen oder Unternehmen vorstellen, die in meinen Augen beson­deren Respekt ver­di­enen. Heute möchte ich euch daher die neue Augs­burger Mod­e­firma manomama kurz vorstellen:

Klei­dungsstücke wer­den heute zumeist am anderen Ende der Welt unter Ein­satz bil­liger Arbeit, bil­liger Rohstoffe und vieler Chemikalien pro­duziert. Die Augs­burg­erin Sina Trinkwalder, lang Zeit Lei­t­erin einer Wer­beagen­tur, wollte sich dies nicht länger anse­hen und ver­sucht nun mit manomama saubere Klei­dung zu pro­duzieren: von den Rohstof­fen über den Umgang mit den Näherin­nen bis hin zu einer zen­tral­isierten Pro­duk­tion in Augs­burg. Dementsprechend sieht die Grün­derin manomama weniger als klas­sis­ches Unternehmen, son­dern als “Ver­such, etwas zu unternehmen”. Sehr beze­ich­nend für ihren Ein­satz finde ich die fol­gende Auf­forderung auf der Web­seite von manomama:

Beson­ders wichtig ist uns dabei, dass unsere Näherin­nen nicht zu anony­men Fer­tigerin­nen degradiert wer­den, son­dern ihr mit jedem Pro­dukt auf dem Hang­tag ein Auto­gramm bekommt. So wisst ihr nicht nur, wer das neue Lieblingsstück genäht hat, son­dern könnt ihr über den darun­ter­ste­hen­den Link auch direkt eine kleine Nachricht zukom­men lassen und die Qual­ität bew­erten.  

Über ihren Blog und per Twit­ter erlaubt manomama Kun­den und Fre­un­den damit einen Blick hin­ter die Kulissen.

Respekt Sina und viel Erfolg für dein Unternehmen und deine Idee!

Bloß keine Herausforderung!

Wir tun einem Men­schen nichts gutes, wenn wir ihm jede Her­aus­forderung ers­paren. (Joachim Gauck)

Ich habe das Gefühl, dass wir in den let­zten Jahren immer mehr dazu übergan­gen sind, alles möglichst so zu organ­isieren und zu pla­nen, dass es möglichst ein­fach wird. Sei es in der Schule oder an der Uni­ver­sität, in der Poli­tik oder den Zeitun­gen: Alles muss möglichst ein­fach, möglichst leicht und ohne große Schwierigkeiten zu ver­ste­hen oder zu erre­ichen sein. Der Weg am besten vorgeze­ich­net und ohne Wider­sprüche. Alles klar definiert und klein­schrit­tig fest­ge­hal­ten, damit auch ja nie­mand an einer Auf­gabe scheitert.

Dabei geht etwas fun­da­men­tal Men­schliches ver­loren: die Lust an der Her­aus­forderung. Die Lust daran, die eige­nen Leis­tungs­gren­zen zu erkun­den, sie zu erweit­ern und eben manch­mal auch zu scheit­ern. Es gehört dazu, sich eine Auf­gabe zu stellen, von der man eben nicht weiß, ob man ihr gewach­sen ist, und dann zu ver­suchen, sie zu erfüllen. Stattdessen kommt der Ruf nach Hilfe. Sei es bei einem Fre­und, der Fam­i­lie oder dem Staat. Klar, in manchen Sit­u­a­tio­nen ist man tat­säch­lich auf diese Hilfe angewiesen, oft ist es aber die Mis­chung aus Faul­heit und man­gel­n­dem Selb­stver­trauen, die uns daran hin­dert, solch schwierige Auf­gaben selbst anzuge­hen. Dabei ist das der einzige Weg, per­sön­lich zu wach­sen und sich weit­erzuen­twick­eln. Wer die Her­aus­forderung scheut, tritt auf der Stelle und bewegt sich nicht. Er ver­harrt im Beste­hen­den und ver­passt es, sein Leben zu leben. Er stagniert.

Und deshalb müssen wir in unserer Gesellschaft wieder einen Platz für Her­aus­forderun­gen schaf­fen. Wir müssen den Men­schen das Gefühl geben, dass sie sich etwas trauen kön­nen. Wir dür­fen nicht über gescheit­erte Exis­ten­zen lästern, son­dern müssen Exper­i­mente und Anstren­gun­gen belohnen. Wir müssen den­jeni­gen, die etwas ver­sucht haben und damit gescheit­ert sind, Mut zus­prechen, es erneut zu ver­suchen. Hilfe muss in fast allen Fällen Hilfe zur Selb­sthilfe sein.

Fußball fürs Volk!

Es sieht nicht gut aus in Deutsch­land, Europa und der Welt: Im Golf von Mexiko strömt immer noch das Öl ins Meer, in Spanien droht ein Gen­er­al­streik, in Bel­gien gewin­nen die Sep­a­ratis­ten die Wahl, in den Nieder­lan­den treibt ein Recht­spop­ulist die etablierten Parteien vor sich her und in Deutsch­land zer­brechen die ersten geset­zlichen Krankenkassen. Unsere Regierung wirkt bei dem Ganzen wie ein überforderter Kinder­garten: Sie ergeht sich lieber in per­sön­lichen Schar­mützeln oder hofft auf neb­ulöse “glob­ale Min­der­aus­gaben”, um ein beispiel­loses Sparpaket umzuset­zen, das kaum jemand außer­halb von CDU, CSU und FDP für sozial gerecht hält, als überlegt, reflek­tiert und mit gesun­dem Men­schen­ver­stand die Prob­leme Deutsch­lands anzugehen.

Aber wen inter­essiert das denn? Seit Fre­itag ist doch Fußball-WM! Wenn am anderen Ende der Welt knapp 640 Feld­spieler dem Ball hin­ter­her­laufen und 96 Torhüter mit Glanz­pa­raden durch den Strafraum hechten, kön­nen uns solche Lap­palien doch egal sein. Wenn Khedira und Schwe­in­steiger das deutsche Spiel kon­trol­lieren, Özil die per­fekte 10 spielt, Thomas Müller der Shoot­ingstar des Eröff­nungsspiels ist und sogar Miro Klose wieder trifft, wen inter­essieren da die Lang­weiler in Berlin? Und so ver­schwinden alle The­men, die let­zte Woche noch unsere Nachrichten dominiert haben aus der öffentlichen Wahrnehmung und ganz Deutsch­land kennt nur noch Fußball, Fußball, Fußball. Warum auch nicht? Fußball ist span­nend, emo­tional und mitreißend. Er ist (manch­mal) überraschend, abwech­slungsre­ich und macht ein­fach Spaß. Man fühlt sich als Teil einer Gruppe, fiebert auf vollen Fan­meilen mit der National­mannschaft und kann am Ende sogar jubeln. Alle ziehen an einem Strang und geben ihr Bestes. Man hat das Gefühl, dass etwas passiert, sich etwas bewegt und verän­dert – und zwar zum Besseren.

Wie anders wirkt die Poli­tik der let­zten Monate und Jahre: Still­stand pur. Kein Elan, kein Ruck, noch nicht mal eine ein­heitliche Sprache. Heute “Hü”, mor­gen “hott”. Und immer neg­a­tiv: Extrem­is­mus, Krise, Sparpaket. Keine Gestal­tung, keine Bewe­gung. Poli­tik ist mit­tler­weile weit, weit weg von den Men­schen. Sie schwebt in einem eige­nen Kos­mos mit einer eige­nen Logik, den nie­mand mehr ver­steht. Es ist für die Men­schen nicht nachvol­lziehbar, wie die Mehrw­ert­s­teuer für Hote­liers gesenkt und gle­ichzeitig das Eltern­geld für HartzIV-Empfänger gestrichen wer­den kann. Und sie fühlen sich macht­los: Nach den Wahlen haben die Wäh­ler keine Chance mehr, ern­sthaft in die Entschei­dun­gen der Regierung und des Par­la­ments einzu­greifen. Sie müssen das, was passiert, hin­nehmen und haben erst in drei Jahren wieder die Chance, ihre Mei­n­ung kundzu­tun. Und da haben sie dann die Wahl zwis­chen denen, die jetzt “dran” sind, und denen, die bis let­ztes Jahr mit “dran” waren. Da ist keine Möglichkeit, Gestal­tung, Kreativ­ität und Fortschritt zu wählen. Nur alte Män­ner und Frauen, die sich ihre Poli­tik dem Augen­schein nach von Lob­by­is­ten dik­tieren lassen.

Da kann man es doch nie­man­dem verü­beln, der sich lieber in ein Trikot wirft und mit tausenden Anderen der National­mannschaft zujubelt, der lieber über Gomez’ Form– als über Merkels Führungss­chwäche disku­tiert und unfaire Schied­srichter­entschei­dun­gen wichtiger findet als unfaire Sparpakete. Die Poli­tik darf sich dann aber auch nicht wun­dern, wenn wie in Bel­gien und den Nieder­lan­den, extrem­istis­che Parteien an Zulauf gewin­nen und die Wahlbeteili­gung von Jahr zu Jahr sinkt. Und nie­man­den darf es überraschen, wenn in den näch­sten Jahren die Sozial­sys­teme in Deutsch­land kol­la­bieren, der Euro immer schwächer wird und unser Wohl­stand sich in Luft auflöst. Aber hey, Deutsch­land wird Welt­meis­ter – zumin­d­est im Fußball.

Jetzt aber Schluss für heute. Gle­ich kommt Ital­ien gegen Paraguay.

Wie verstecke ich unliebsame politische Entscheidungen?

Heute beginnt die Spark­lausur der Regierungskoali­tion, in der die Ein­schnitte und Steuer­erhöhun­gen aus­gear­beitet wer­den sollen, die das Fun­da­ment des ersten von sechs(!) Sparhaushal­ten der Bun­desre­pub­lik darstellen wer­den und SpiegelOn­line berichtet über einige Punkte, die bere­its im Vorhinein fest­ste­hen sollen. Darunter findet sich ein span­nen­des Beispiel, wie die Regierung eigene Ver­ant­wortlichkeit auf Behör­den und Ver­wal­tung­sein­rich­tun­gen ver­lagern will, um ja nicht sel­ber als Kürzer der Arbeit­slose­nun­ter­stützung gebrand­markt zu werden:

Zwei Mil­liar­den Euro sollen allein dadurch ges­part wer­den, dass die Bun­de­sagen­tur für Arbeit Leis­tun­gen an Arbeit­slose kün­ftig ver­mehrt nach eigenem Ermessen verteilen kann und nicht mehr durch geset­zliche Vor­gaben gebun­den sein wird. Im Jahr 2014 kön­nte diese Maß­nahme dann schon sechs Mil­liar­den Euro oder mehr bringen.

Da bin ich doch ein wenig stutzig gewor­den. Wie soll bitte eine Verteilung per Ermessensentschei­dung vor Ort weniger Geld ver­brauchen, als eine geset­zlich geregelte? Die Anpas­sung an lokale Umstände und den Einzelfall gilt zwar all­ge­mein als sin­nvolle und wün­schenswerte Art, Gelder zu verteilen, kostet nach meinem Ver­ständ­nis aber eher mehr Geld, da die Berater in Einzelge­spräch und per­sön­lichem Kon­takt sicher­lich etwas freigiebiger sind als das unper­sön­liche Gesetz. Eine Spar­maß­nahme wird erst dann daraus, wenn die lokalen Agen­turen unter einen Sparzwang gestellt wer­den. Dann haben die Berater und ins­beson­dere die Leitung auf ein­mal einen starken Anreiz, Geld zu sparen und den Arbeit­slosen die Maß­nah­men, auf die sie früher noch einen geset­zlichen Anspruch hat­ten, als “Ermessensentschei­dung” zu ver­weigern, um Bud­gets und Vor­gaben einzuhal­ten. So kann man dann tat­säch­lich Geld sparen.

Die Poli­tik ist damit aus dem Schnei­der, da sie nicht mehr geset­zlich an den Maß­nah­men schrauben und sich damit der öffentlichen Debatte stellen muss. Vielmehr kön­nen heim­lich still und leise die Bud­getvor­gaben an die Agen­turen angepasst wer­den, die dann immer weniger Maß­nah­men genehmi­gen können/wollen/werden…

Ursula von der Leyen: Not my president

Nach­dem sich mit­tler­weile die Gerüchte verdichten, dass die CDU ern­sthaft erwägt, Ursula von der Leyen als Kan­di­datin für das Bun­de­spräsi­den­te­namt zu nominieren, muss ich an dieser Stelle gle­ich meinen Protest dage­gen kundtun:

 

notmypresident

Wer der­maßen dem­a­gogisch und wider besseren Wis­sens mit Unwahrheiten Wahlkampf betreibt und die Mei­n­ung der jun­gen, hoch gebilde­ten Gen­er­a­tion  mit Füßen tritt, den kann ich ein­fach nicht als Bun­de­spräsi­dentin akzeptieren.

(Danke für das Bild an netzpolitik.org)

Worum es in der Politik wirklich geht

Sebas­t­ian Fis­cher schreibt bei SPIEGELOn­line über den Abgang Roland Kochs:

Er ist der wohl begabteste Poli­tiker, den die CDU in ihren Rei­hen hat: Bril­lante Rhetorik, tak­tis­ches Geschick, bren­nen­der Ehrgeiz.

So, so. Das ist es also was einen guten und begabten Poli­tiker ausze­ich­net. Rhetorik, tak­tis­ches Geschick und Ehrgeiz. Für mich sind das eher die Eigen­schaften eines Macht­men­schen. Und das sagt erst­mal überhaupt nichts über seine Leis­tungs­fähigkeit aus. Aber leis­ten muss man in der Poli­tik momen­tan aber anscheinend auch nichts. Ich würde ja eher Fachkom­pe­tenz, Beson­nen­heit und ein Gespür für wichtige (nicht medi­en­wirk­same!) The­men auf meinen Wun­schzettel an einen Poli­tiker schreiben, aber vielle­icht bin ich ja ein unverbesser­licher Idealist…