Wieder einmal legt sich eine “etabliertes” Organ des professionellen Journalismus mit der Heerschar der Blogger an. Die NZZ kommt in zwei Artikeln (Transparenz das Ziel, Intransparenz das Resultat, Sprachrohre einer egalitären (Medien-)Öffentlichkeit) zu dem Schluss, dass Weblogs nur in absoluten Ausnahmefällen überhaupt journalistisch zu nennen sind und dass sie kaum etwas zum öffentlichen Meinungsbild beitragen. Auch wird die Subjektivität und die Anfälligkeit für Manipulationen kritisiert. Thomas Knüwer, selber professioneller Journalist des Handelsblatts aber gleichzeitig bekannter Blogger antwortet mit bissiger Ironie:
Und so werden ihn bewahren mit allen Mitteln, den heiligen Gral der Medien. Und lassen ihn nicht mehr los. Verteidigen ihn mit unserem Blut und unserer Ehre. (Quelle)
Im Prinzip kann ich ihm zustimmen, allerdings haben einige der Argumente der NZZ durchaus etwas für sich. Ich denke auch, dass Blogs in ihrer heutigen Form nicht den Nachrichtenwert von Zeitungen erreichen können. Eine systematische, umfassende und halbwegs ausgewogene Auswahl an Weltereignissen auszuwählen und angemessen zu dokumentieren benötig eine gewisse Zentralisierung der Organisation. Das soll nicht heißen, dass Zeitungen in dieser Hinsicht unersetzlich wären. Ich denke, dass diese dich trotzdem in den nächsten Jahren auf massive Umwälzungen in ihrem Geschäftsmodell einstellen müssen. So erwartet der Report Zeitungen 2009, des prognos-Institus einen Rückgang der verkauften Auflage von 4,4% (von 2005 bis 2009) und kommt zu dem Ergebnis:
Die späte Einführung von Zielgruppenzeitungen und die langsame Reaktion auf die Internettrends waren Ausdruck einer mangelnden Kunden- und Markt-orientierung. Für Zeitungsverlage ist heute weniger relevant, wie die gedruckte Zeitung in 10 Jahren aussehen wird, sondern welche Bedürfnisse die Kunden – Käufer, Leser und Werbekunden – heute wirklich haben. Jeder Verlag muss sich die Frage stellen, mit welchen Produkten und Diensten er die erkannten Kundenbedürfnisse befriedigen kann.
Die NZZ hat durchaus recht, wenn sie auf bestimmte Gefahren, die Subjektivität und die fehlende organisierte Kontrolle von Blog-Inhalten hinweist, aber sie unterschätzt die Selbstregulierungskräfte des Netzes. Baut sich ein Hype (wie kürzlich lonelygirl15 (Quellen: Basic Thinking, Fischmarkt und YEALD) auf, findet sich schnell jemand, der diesen hinterfragt und im Falle eines Falles zum Platzen bringt. Zudem sind auch etablierte Medien nicht vor Fakes gefeit und beichten teilweise ebenso über diese Phänomene wie Blogger.
Was Analysen, Kommentare, wissenschaftliche Themen, Unterhaltung oder Hobbys angeht, sind die klassischen Medien den Blogs sogar systematisch unterlegen. Die begrenzte Ausstattung mit Personal stellt für diese ein großes Problem dar, während sich in Blogs Experten und Fans tummeln, die die meisten Journalisten mit ihrer Kenntnis in den Schatten stellen. Hier siegt Expertentum einfach über Generalistentum. Und genau in diesen Bereichen täten die etablierten Medien gut daran, Blogs ernstzunehmen und ihr Potential zu nutzen, anstatt ihre Existenz zu marginalisieren oder zu verteufeln.
Und auch wenn Blogs “nur” für eine Teilöffentlichkeit eine wichtige Informationsquelle darstellen, so ist diese Öffentlichkeit mittlerweile groß genug, um zum Thema in etablierten Medien zu werden und hat damit den heutzutage wichtigsten Test für öffentliche Relevanz bestanden.

Ein Kommentar bisher
11:40 Uhr
gerade der letzte Punkt entscheidend, was die Experten angeht: Ich beziehe mittlerweile fast 100% aller Infos aus Weblogs, Websites iA und Foren. Ich kenne kein Magazin oder Fachzeitung, das mir auch nur annähernd zeitnah und kompetent etwas aqäquates liefert. Der Rest, Politik, Sport etcpp… da sind die Zeitungen für mich mittlerweile auswechselbar, um nicht sogar uninteressant… ich gehe auf Yahoo News, da bekomme ich alle Nachrichten im Original via Reuters, bevor sie die Zeitungen zerhackstückeln.
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