Tempo im Schulsystem

Das deutsche Schulsystem findet sich immer mehr in der Kritik. Nicht zuletzt das desolate Urteil des UN-Beobachters Munoz vor einigen Wochen, in dem Deutschland fast schon als Entwicklungsland in Sachen Bildung bezeichnet wird, hat die Diskussion, die schon seit dem PISA-Schock immer wieder aufkommt erneut angefacht.

Ein zentrales Charakteristikum der Maßnahmen, die seitdem ergriffen wurden ist die zunehmende Beschleunigung. Die Einführung des Abiturs in 12 Jahren in zahlreichen Bundesländern und das Ziel der Verkürzung der Studienzeiten weisen in diese Richtung. Ich bin nun eigentlich ein starker Verfechter einer deulich gestrafften Schulzeit (auf 12 oder sogar nur 11 Jahre), jedoch führt der Weg, den die Bildungspolitik momentan beschreitet in meinen Augen in die falsche Richtung.

Nehmen wir die Einführung des G8, des achtjährigen Gymnasiums, in Bayern als Beispiel. Dieses wurde mehr oder weniger in einer Nacht- und Nebelaktion eingeführt und wird jetzt “am lebenden Objekt” getestet. Es blieb kaum Zeit , die Chancen, die diese an sich gute Idee bietet mit einem durchdachten Konzept ernsthaft auszunutzen. Vielmehr wurde der Umfang des Unterrichts mehr oder weniger beibehalten und nur auch acht, anstatt auf neun Jahre verteilt. Dass dies Probleme aufwirft, sollte jedem klar sein. So findet sich in der SZ ein Bericht einer Mutter, die von ihren Problemen und auch den Problemen ihrer Kinder mit dem G8 berichtet.

Liegt es aber wirklich an der reinen Verkürzung der Schulzeit, dass dieses Konzept derartige Probleme bereitet? Wie einige Kommentatoren bei besagtem Bericht aber zurecht anmerken, ist das Abitur in 12 Jahren in einigen ostdeutschen Bundesländern schon seit der Wende etabliert und erfolgreich. In meinen Augen gibt es zwei zentrale Faktoren, die zu der momentanen Unzufriedenheit und den beschriebenen Problemen führen:

  1. Druck: Kinder sind von Natur aus neugierig und wissenshungrig und wenn man ihnen die Gelegenheit gibt, dieser Neugier selber nachzugehen und sich Wissen selber zu erarbeiten, nehmen sie diese Möglichkeit im Normalfall sehr gerne wahr. Das deutsche Schulsystem erzeugt jedoch einen unheimlichen Druck auf die Schüler, erfolgreich zu sein. Man denke nur an die lebenswegbestimmende Selektion nach der vierten Klasse. So wird Angepasstheit, Konformität und Pflichten erfüllen zur zentralen Aufgabe der Schüler. Für Neugier, Experimentierfreude und Freude am Lernen bleibt hier kein Platz mehr. Hauptsache, die Noten stimmen.
    Natürlich müssten Schüler dazu erstmal wieder lernen, selber zu denken, ihre Lernprozesse selber zu organisieren und selber die Verantwortung für ihren Erfolg zu übernehmen. Dass so etwas geht, zeigen jedoch einige wenige Modellprojekte, z.B. in Hamburg. Die Schule und damit die Politik muss sich nur von dem Standpunkt wegbewegen, “Vergleichbarkeit” und “Standardisierung” anzustreben und vielmehr darauf setzen, das individuelle Potential jedes einzelnen Schülers zu fördern.
  2. Wahrnehmung: In ihrem Bericht beklagt sich die Mutter über Nachmittagsunterricht und zu geringe Freizeit. Dies ist aber nur dann ärgerlich und negativ, wenn Schule als Pflicht und als Belastung verstanden wird und nicht als Ort des Lernens, der Persönlichkeitsentwicklung und des Lebens. Dies ist sicherlich zu einem großen Teil Schuld des Schulsystems, der Lehrerausbildung und auch der Lehrer selber (auch wenn es natürlich zahlreiche wirklich gute Lehrer gibt), aber auch die Schüler und Eltern sollten ihre Wahrnehmung der Situation hinterfragen.
    Ein Beispiel aus der Universität ist mir hier besonders deutlich vor Augen: Bei Spiegel-Online finden sich Erfahrungsberichte (1, 2, 3, 4) eines Deutschen, der das erste Semester an der Elite-Universität Yale studiert. Er beschreibt das typische Studentenleben, dass aus drei bis vier Vorlesungen pro Tag und fünf bis zehn außerschulischen Aktivitäten besteht und dann noch einem Berg von readings und homework. Nicht, dass ich mir solche Zustände auch an einer Deutschen Universität wünschen würde, aber es bringt mich doch zum Nachdenken, dass ich mir nicht einmal vorstellen kann, ein solches Pensum zu bewältigen. Nach acht Stunden Vorlesungen und Seminaren reicht es bei mir höchstens noch zu einem Gang ins Kino oder einem gemütlichen Abend mit Freunden bei einem Bier und einem Brettspiel…
    Woran das liegt? Ich denke daran, dass man in Deutschland nicht lernt, gerne und effizient zu Arbeiten. Klar, Schüler sitzen lange vor ihren Hausaufgaben und Vokabelheften. Aber warum? Weil Vokabeln in Listen gelernt und abgefragt werden, anstatt im aktiven Sprachgebrauch, weil Formeln gepaukt anstatt verstanden werden und weil Daten aufgelistet werden, anstatt historische Entwicklungslinien nachzuzeichnen. Dabei verschwindet der Spaß und auch die Fähigkeit, sich Wissen selber zu erarbeiten.
    Auch hier gilt wieder mein oben erläuterter Vorschlag. Mit Spaß am Lernen geht es erstens schneller und zweitens ist es nicht mehr eine “Last”, die in der Freizeit ausgeglichen werden muss, sondern es wird zu einem integralen Bestandteil eines glücklichen Lebens.
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  • Nils Müller

    Ich bin als denkender Mensch, Soziologe, Internet-, Bücher- und Kinofan im Netz und im Leben aktiv. Hier teile und diskutiere ich meine Gedanken mit euch. Lest einfach los, hinterlasst mir Kommentare oder schreibt mir Mails. Mehr über mich gibt es auf nilsmueller.info und mehr von mir auf der kritischen Seite und bei Twitter.
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