Steueroasen und die Begehrlichkeiten des deutschen Staates

In seinem Blog “über Ökonomische Vernunft und politische Dummheit” kommentiert Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer die aktuelle Debatte um den Kampf gegen Steueroasen (Wie gut, dass es Liechtenstein gibt) . Er argumentiert dabei, Steueroasen seien sinnvoll, um den Begehrlichkeiten der Regierungen der Industrienationen Grenzen zu setzen. Die vermutliche Logik dahinter: Werden in den Industrienationen die Steuern zu hoch, verlegen viele Reiche ihr Vermögen ins Ausland und es entsteht ein Anreiz für die Regierungen, die Steuern zu senken. Was nach einem klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Argument klingt, ist auf den zweiten Blick totaler Humbug. Genauso könnte man argumentieren, Raubkopien seien sinnvoll, um die Preise von CDs und Computerspielen im Rahmen zu halten oder Autodiebstähle würden dazu beitragen, den Preis von Kraftwagen zu senken.

Bei allem drei geht es darum, etwas zu nutzen, für das man nicht bereit ist, den verlangten Preis zu bezahlen. Sei es das deutsche Straßen- und Bildungssystem, die Musik von Tokio Hotel oder eine Mercedes S-Klasse. Steueroasen sind demnach genauso zu bewerten wie Raubkopierer, die von der Arbeit anderer profitieren und es ausnutzen, dass es Möglichkeiten gibt, davon zu profitieren, ohne den fälligen Preis zu bezahlen. Auch wenn sich nicht verleugnen lässt, dass Steuroasen und Raubkopierer tatsächlich dazu beitragen könnten, Steuern bzw. CD-Preise zu senken, darf man jedoch keinesfalls den Schluss daraus ziehen, diese seien aus normativer Perspektive positiv zu beurteilen.

Selbst nüchtern betrachtet zieht das Argument nur dann, wenn man davon ausgeht, dass Regierung und Plattenlabels ineffizient arbeiten und dass Kostendruck sie dazu bringt, effizienter zu werden, anstatt einfach schlechtere Qualität abzuliefern, um die sinkenden Einnahmen auszugleichen. In beiden Fällen scheint das nämlich die Konsequenz der geringeren Einnahmen zu sein, für die unter anderem Steuerhinterzieher und Raubkopierer verantwortlich sind.



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  • Nils Müller

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