Gier und die Wirtschaftskrise

Dass es keinesfalls so einfach ist, die aktuelle Wirtschaftskrise mit der "Gier der Banker" zu erklären, zeigt der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze (bei dem ich selber studiert habe) in einem äußerst lesenswerten, wenn auch ziemlich fachsoziologischen Essay in der WELT auf (Die Milchmädchenrechnung):

In der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise fungiert der Vorwurf der Gier bloß als eine Art Blitzableiter. Man wird damit Aggressionen los, sieht sich auf der Seite der Guten und hat das schöne Gefühl, die Welt zu verstehen. Ein ähnliches Phänomen gibt es auch in der Medizin; Ärzte sprechen in diesem Zusammenhang vom Kausalitätsbedürfnis der Laien. Patienten wollen einen Namen für ihre Symptome. Durch Etikettierung mit einem Krankheitsbegriff entsteht ein Gefühl des Begreifens, das heilend wirken kann, so falsch der Begriff vielleicht sein mag. Analog lässt sich die Diagnose "Gier" als ein entlastender moralischer Pathologisierungsreflex verstehen. Doch anders als in der Psychosomatik gibt es in der Ökonomie keinen Placeboeffekt.

(Via Soziologie und ihre mediale Aufmerksamkeit)

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2 Kommentare bisher


  1. DeanG
    26. April 2009
    07:12 Uhr

    Also ich habe eben den Artikel in der Welt gelesen. Zum einen finde ich ihn überhaupt nicht zu fachsoziologisch sondern vom soziologischen und vor allem, psychologischen Aspekt sehr nachvollziehbar.
    Was ich jedoch als fast sträflich anmaßend erachte ist, wenn ein Soziologe den Neoliberalismus in einer Weise beschreibt und darstellt als wäre er ein Musterschüler von Milton Friedmann gewesen. Ich kann es nur seiner Unwissenheit oder einer zu groben Umschreibung unterstellen das er dem Neoliberalismus Qualitäten unterstellt deren Mangel, oder deren Leugnung, ihnen die meiste Kritik einbrachte.
    Ich möchte das nicht zu sehr vertiefen aber es lässt mir die Nackenhaare zu Berge stehen wenn ich lese das der Neoliberalismus sich für Regeln und Rahmenbedingungen einsetzt. Diese Herrschaften haben Eindrucksvoll, in Wort und Tat (und das quer über den Globus, von Chile über Polen und Russland bis nach China) gezeigt was sie von geregelten Strukturen halten. (Nach Friedmann ein Eingriff in das natürliche Gleichgewicht des Marktes).
    Es ist schon sehr schlimm wie manche Menschen glauben aus ihrer Fachkompetenz in einem Bereich sich diese auch für andere Bereiche ableiten zu können.
    Sollte dem nicht so sein würde mir nur eine Annahme der beabsichtigten Irreführung (oder massiver Lobbyarbeit) als Alternative einfallen.

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  2. Weltenkreuzer
    26. April 2009
    17:18 Uhr

    Ich denke, Schulze will hier zwei verschiedene Gruppen unterscheiden: Die, die den Neoliberalismus erdacht und in seiner Grundform etabliert haben und die, die sich heute die “Märkte sind frei”-Komponeten herauspicken und ihre eigene Ideologie damit rechtfertigen. Denn der heutige “freie Markt” hat durch seine ungleiche Informationsverteilung, Intransparenz und Machtansammlung tatsächlich nicht viel mit dem Ideal der “klassischen” neoliberalen Wirtschaftstheorie zu tun.

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  • Nils Müller

    Ich bin als denkender Mensch, Soziologe, Internet-, Bücher- und Kinofan im Netz und im Leben aktiv. Hier teile und diskutiere ich meine Gedanken mit euch. Lest einfach los, hinterlasst mir Kommentare oder schreibt mir Mails. Mehr über mich gibt es auf nilsmueller.info und mehr von mir auf der kritischen Seite und bei Twitter.
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