Oldenburg 24/7

Seit mitt­ler­weile mehr als 5 Jah­ren ist das schöne Olden­burg meine Hei­mat der Wahl. Nach Essen im Ruhr­pott und dem süßen Bam­berg in Ober­fran­ken also meine dritte län­ger­fris­tige Sta­tion — und ich fühle mich äußerst wohl hier. Um euch einen klei­nen Ein­druck von der Stadt zu geben, gibt es heute ein Video von Kai Schesna (muf­fin­me­dia), das im Zeit­raf­fer einen ganz nor­ma­len Tag (ich ver­mute Sams­tag) in Olden­burg beglei­tet (im Zwei­fel, Seite neu laden):

Olden­burg 24/7 from .muf­fin­me­dia on Vimeo.

re:publica 2013 — Videos, Videos, Videos

Die­ses Jahr gab es auf der re:publica nicht nur einen Livestream von Bühne 1, wie letz­tes Jahr, son­dern Auf­zeich­nun­gen von nahezu allen Ver­an­stal­tun­gen, die Michael Kreil in einer sehr schö­nen Über­sicht zusam­men­ge­fasst hat. Hier daher Auf­zeich­nun­gen von drei der bes­ten Ses­si­ons, die ich besucht und von denen ich auch bereits berich­tet habe (im Zwei­fel, Seite neu laden):

YouTube macht die Stars von heute:

Media­ted Life after Virtualization

Netz­ge­müse

Natür­lich eig­nen sich die Auf­zeich­nun­gen auch für mich her­vor­ra­gend, ver­passte Ses­si­ons nach­zu­ho­len. Sicher dabei sein wer­den beispielsweise:

re:publica 2013 — Mein dritter Tag

Das war also Tag Numero Drei und damit auch der letzte Tag der dies­jäh­ri­gen re:publica. Zusam­men­fas­sen lässt er sich wohl am bes­ten mit dem Wort “müde”: Keine Ahnung warum, aber ich bin heute mor­gen weit vor dem Wecker auf­ge­wacht, konnte nicht mehr ein­schla­fen, habe mich aber trotz­dem den gan­zen Tag tie­risch KO gefühlt…

Aber natür­lich waren da auch noch äußerst span­nende, aber dies­mal auch wie­der weni­ger inter­es­sante Ses­si­ons, die mich durch den Tag beglei­tet haben:

Ses­sion 1: Street fight­ing data sci­ence (@jebenno, @furukama)

Den Anfang machte heute die ver­mut­lich inspi­rie­renste Ses­sion die­ser re:publica über die “dre­ckige” Kunst der Data Sci­ence, in der sich sta­tis­ti­sches Wis­sen, inhalt­li­che Kennt­nisse über das betrach­tete Feld mit “Hacking Skills” zusam­men­tun. Hier wer­den alle mög­li­chen For­men von Daten genutzt, um einen Kor­pus zu bil­den, auf dem dann unter­schied­lichste sta­tis­ti­sche Ana­ly­sen gefah­ren wer­den kön­nen, ohne dass dabei die strenge wis­sen­schaft­li­che sta­tis­ti­sche Methode in allen ihren For­de­run­gen nach Zufalls­stich­pro­ben und Reprä­sen­ta­ti­vi­tät im Hin­ter­grund steht.

Viel­mehr geht es darum, Mus­ter in den vor­han­de­nen Daten zu erken­nen und diese dazu zu benut­zen, Ent­wick­lun­gen bes­ser zu ver­ste­hen und mög­li­cher­weise sogar her­vor­zu­sa­gen. Dabei ist die Ana­lyse an sich mehr oder weni­ger inhalts­leer, weil sie sich nur auf Kor­re­la­tio­nen oder Ver­knüp­fun­gen zwi­schen Daten­punk­ten fokus­sie­ren, ohne deren Bedeu­tung auch nur zu ken­nen. Auf diese Weise erge­ben sich äußerst span­nende Mög­lich­kei­ten wie zum Bei­spiel die Vor­her­sage der deut­schen Arbeits­lo­sen­zahl anhand der Google-Suchen nach “Wohn­geld­ta­belle” (für die Sta­tis­ti­ker: r2 = 0,89).

Mit ist dabei, mal wie­der, deut­lich gewor­den, wie sehr die an sich sehr sinn­vol­len und wich­ti­gen stren­gen Regeln der wis­sen­schaft­li­chen Sta­tis­tik uns daran hin­dern, aus den Daten, die bereits da drau­ßen irgendwo sind, span­nende Ergeb­nisse zu erzeugen.Wahrscheinlich wäre es auch für die quantitativ-empirische Sozio­lo­gie sehr gewinn­brin­gend, mit sol­chen “dre­cki­gen” Tech­ni­ken einen Ein­blick in Fel­der zu gewin­nen, die ansons­ten einer quan­ti­ta­ti­ven Ana­lyse kaum offen stehen.

Ses­sion 2: Lernen Ler­nen ler­nen im per­sön­li­chen Lern­netz­werk (@lisarosa)

Im Anschluss ging es wei­ter mit einem Ein­blick in die Anfor­de­run­gen an das Ler­nen im 21. Jahr­hun­dert. Ging es im 19. Jahr­hun­dert in ers­ter Linie darum, Stoff zu ler­nen, und im 20. darum, das Ler­nen an sich zu ler­nen, stellt Lisa Rosa die These in den Raum, dass es im 21. Jahr­hun­der darum gehen muss, dass Ler­nen Ler­nen zu ler­nen. Also immer aufs neue in der Lage zu sein, sich in einer ver­än­dern­den Umwelt anzu­pas­sen und neu zu orientieren.

Sie geht das Thema dabei aus einer sehr stark systemtheoretisch-sozialkonstruktivistischen Per­spek­tive an und sieht als Kern­ziel des Ler­nens die Fähig­keit, der Welt einen eige­nen Sinn abzu­ge­win­nen — in stän­di­ger Kom­mu­ni­ka­tion, Inter­ak­tion und Ver­net­zung. Sie spricht damit impli­zit der Idee kano­ni­schen Wis­sens oder einer gesell­schaft­lich geteil­ten Wis­sens­grund­lage die Exis­tenz­be­rech­ti­gung ab und fällt damit genau in die Falle, die die bei­den zugrun­de­lie­gen­den Theo­rien bieten:

Sie über­sieht, dass Gesell­schaft zum Funk­tio­nie­ren eine gewisse geteilte Grund­lage braucht, die nicht bei jeder Gele­gen­heit hin­ter­fragt wer­den und neu aus­ge­han­delt wer­den kann: So scheint es wenig sinn­voll, dass sich jeder Ein­zelne ein eige­nes Ver­ständ­nis der Grund­la­gen der Mathe­ma­tik oder der Logik erar­bei­tet. Hier gibt es Regeln und Algo­rith­men, die aus gutem Grund so sind, wie sie sind. Das heißt nicht, dass sie unan­tast­bar wären, aber dass es ein wirk­li­ches Ver­ständ­nis ihrer Hin­ter­gründe wesent­lich kom­ple­xer ist, als es dem Ler­nen­den in dem Moment erscheint, in dem er glaubt, alles ver­stan­den zu haben.

Das heißt nicht, dass ich Lisa Rosa im Grund­satz wider­spre­che, son­dern nur, dass ich ihre Gedan­ken eher als pro­vo­kante theo­re­ti­sche Gegen­po­si­tion ver­stehe und weni­ger als eins-zu-eins umzu­set­zende Handlungsvorschläge.

Die anschlie­ßen­den bei­den Ses­si­ons zu Daten­be­frei­ung selbst gemacht und Fue­ling your app with dyna­mic Open Data habe ich dann nur in Aus­schnit­ten mit­be­kom­men, die mich zwar noch neu­gie­ri­ger auf das Thema Data Sci­ence gemacht haben, inhalt­lich jedoch für mich weni­ger anschluss­fä­hig waren.

Ses­sion 3: Raus aus der Rolle (@raulde, @lysairvue)

Spon­tan bin ich dann in einer Dis­kus­si­ons­runde mit Schau­spie­ler Erwin Aljukic, Mode­ra­to­rin und Poe­try Slam­me­rin Ninia Binias und Schau­spie­ler und Komi­ker Mar­tin Fromme gelan­det, die sich mit der Posi­tion behin­der­ter Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler in Deutsch­land aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Kon­tro­vers ging es hier logi­scher­weise nicht zu, aber es gab doch zwei durch­aus span­nende Punkte: So for­der­ten alle auf dem Panel, dass behin­derte Schau­spie­ler nicht nur für Rol­len besetzt wer­den, die über ihre Behin­de­rung defi­niert sind, son­der auch für ganz “nor­male” Rol­len, in denen es schlicht und ein­fach egal ist, dass der Schau­spie­ler kör­per­lich nicht der Norm entspricht.

Eng damit ver­bun­den war der zweite Punkte, dass es in Deutsch­land weni­ger das Publi­kum ist, wel­ches mit sol­chen Beset­zun­gen ein Pro­blem hätte, son­dern viel­mehr die Macher, die ein­fach nicht auf die Idee kom­men, die Rolle einer Kom­mis­sa­rin oder einer Ehe­manns mit einer Behin­der­ten zu beset­zen ohne dass dies das Dreh­buch unbe­dingt vor­schreibt. Spannend.

Ses­sion 4: Wie das Inter­net lite­ra­ri­sches Schrei­ben ver­än­dert (@freval@vergraemer)

Anschlie­ßend ging es mit zwei Auto­ren um die Frage, wie sich das lite­ra­ri­sche Schrei­ben durch das Inter­net ver­än­dert. Dabei stand vor allem die Geschichte von Jan-Uwe Fitz im Mit­tel­punkt, des­sen fik­tive Twitter-Figur, der Tau­ben­ver­grä­mer, es mitt­ler­weile zur Haupt­fi­gur in zwei Bücher geschafft hat, die nur dem Buch­co­ver nach Romane sind. Die für mich zen­trale These war dabei, dass das Schrei­ben auch in sei­ner lite­ra­ri­schen Form prä­zi­ser und knap­per wer­den muss, da es kei­nen Raum für — bei­spiels­weise — lange  Land­schafts­be­schrei­bun­gen lässtt, die sich gerade im Digi­ta­len ein­drucks­vol­ler und prä­zi­ser mit einem Foto oder einer Abbil­dung leis­ten ließen.

Auch wenn hier einige span­nende Gedan­ken dabei waren, wurde ich das Gefühl nicht los, dass Fre­de­ric Valin ein wenig zu sehr von einer Geschichte und auch viel­leicht sei­nem per­sön­li­chen Schrei­ben auf eine grund­sätz­li­che Ver­än­de­rung schließt. Denn immer­hin gibt es auch immer noch Werke epi­schen Aus­ma­ßes, ich erin­nere nur an George R.R. Mar­tins Game of Thro­nes, J.K. Row­lings Harry Pot­ter oder auch die (unsäg­li­che) Twilight-Reihe. Das High­light die­ser Ses­sion waren daher die äußerst unter­halt­sa­men Anek­do­ten von Jan-Uwe Fitz.

Ses­sion 5: It’s not a fax machine con­nect to a waffle iron (@doctorow)

Die Rede des britisch-kanadischen Netz­ak­ti­vis­ten, Jour­na­lis­ten und Science-Fiction-Autors zielte, für mich über­ra­schend, in ers­ter Linie auf die bösen Sei­ten des all­ge­mei­nen DRM-Wahns ab: So stellte er dar, wie der Ver­lust an Inter­ope­ra­bi­li­tät bei­spiels­weise bei DVDs diese nach und nach ent­wer­tet und wies anschlie­ßend auf die Gefahr hin, die DRM-Systeme für die Inte­gri­tät von Com­pu­ter­sys­te­men dar­stel­len, da sie not­wen­di­ger­weise ver­steckt ablau­fen müs­sen und sich damit einer Kon­trolle durch den Inha­ber eines Com­pu­ters ent­zie­hen. So schaffte Doc­to­row es am Ende dann auch noch­mal den Bogen zurück zu schla­gen, zu der Dis­kus­sion um Com­pu­ter, das Netz und Freiheit.

Auch wenn der Vor­trag ins­ge­samt wenige kon­krete neue Argu­mente oder Ideen ent­hielt, bot er doch eine unter­halt­same, poin­tierte und sehr prä­zise Zusam­men­fas­sung zahl­rei­cher aktu­el­ler Pro­bleme im Bereich der Netz-Regulierung und war damit ein her­vor­ra­gen­der Kurz-vor-Schluss-Punkt. Ich frage mich aller­dings, warum es kaum deut­schen Red­ner gibt, die mit einer ähnli­che Verve, Witz, Prä­zi­sion und Emo­tion für die Sache der “Netz­ge­meinde” auf­tre­ten kön­nen. Damit wäre uns schon wesent­lich geholfen.

Ses­sion 6: A Map of Ever­y­where You Go Outs­ide (Sophia New, Daniel Belasco Rogers)

Für mei­nen re:publica Abschluss sorg­ten dann zwei in Ber­lin lebende bri­ti­sche (Medien-)Künstler, die seit eini­gen Jah­ren jeden ihrer Schritte außer Haus mit einem GPS-Gerät auf­zeich­nen und nun begin­nen, die gewon­nen Daten zu visua­li­sie­ren und für sich aus­zu­wer­ten. So zeig­ten sie bei­spiels­weise, wie sich anhand der von ihnen auf­ge­zeich­ne­ten Pfade die Gren­zen Ber­lins und seine zen­tra­len Ver­kehrs­adern iden­ti­fi­zie­ren las­sen und wie sich ihre Wege durch ver­schie­dene Umzüge inner­halb der Stadt ver­än­dert haben. Diese Visua­li­sie­rung all­täg­li­cher Bewe­gung im Raum ist für mich natür­lich beson­ders inter­es­sant, weil ich mich mit eben die­ser Mobi­li­tät auch wis­sen­schaft­lich befasse. In die­ser Ses­sion gab es aber wenig Theo­rie, son­dern ein sym­pa­thi­sches Paar und einen alter­na­ti­ven Blick auf unse­ren Alltag.

Das war sie dann also, meine zweite re:publica. Ins­ge­samt fahre ich mor­gen wohl mit einem ähnli­chen Gefühl gen Hei­mat wie bereits letz­tes Jahr: Die re:publica ist sicher­lich keine Ver­an­stal­tung die mich beruf­lich vor­an­bringt oder von der neue große Ein­sich­ten zu erwar­ten sind, son­dern viel­mehr eine gigan­ti­sche netz-optimistische Echo­kam­mer, in der es viele span­nende und inspi­rie­rende Nischen zu ent­de­cken gibt. Für mich ging es, gerade ges­tern und heute, daher eher darum, neue Blick­win­kel und Per­spek­ti­ven zu erle­ben und meine Gedan­ken in Sachen “Netz” wie­der ein wenig durch­ein­an­der zu wür­feln und in neue Rich­tun­gen zu len­ken. Dies ist der re:publica gerade mit den Ses­si­ons zu YouTube-Stars am ers­ten Tag, zum Media­ted Life after Vir­tua­liza­tion ges­tern und schließ­lich heute zu Data Sci­ence auch wie­der vor­treff­lich gelun­gen. Wei­ter Blog­bei­träge zu die­sen The­men und zu ande­ren sind also nicht ausgeschlossen.

Zum Abschluss bleibt mir nur noch, den Orga­ni­sa­to­ren, Refe­ren­tin­nen, Hel­fern und Teil­n­e­he­rin­nen zu dan­ken und mich auf die Auf­zeich­nun­gen der inter­es­san­ten Ses­si­ons zu freuen, die ich lei­der ver­passt habe.

re:publica 2013 — Mein zweiter Tag

Nach­dem ich von mei­nem ers­ten Tag auf der re:publica ja eher ent­täuscht war, hat der heu­tige zweite Tag mich defi­ni­tiv wie­der versöhnt:

Ses­sion 1: Radio Uni­ver­sal (@timpritlove)

Die erste Ses­sion für heute war Tim Prit­loves “Radio Uni­ver­sal”. Nach­dem er letz­tes Jahr auf der re:publica eine eher all­ge­meine Ein­füh­rung in das Thema bot, stand dies­mal ein Aus­blick in die Zukunft an. Dabei ist mir deut­lich gewor­den, dass das Pod­cas­ting nach wie vor in ers­ter Linie als ein tech­ni­sches Pro­blem ver­stan­den wird und gerade Prit­love beson­de­res Augen­merk auf die Ver­bes­se­rung des Work­flows für die Anbie­ter und die ein­fa­chere Ver­net­zung und Auf­find­bar­keit von Pod­casts legt. Daher stellte er eine Reihe von Tools vor — ins­be­son­dere natür­lich seine eige­nen Bit­love und Podlove - die exakt an die­ser Stelle ansetzen.

Auch wenn Prit­love das Hohe­lied der Inter­ak­tion und Dis­kus­sion beschwor, wies sein Vor­trag einen deut­li­chen Bias in Rich­tung der Podcast-Macher auf und nahm die Hörer wenig in den Blick. So wer­den in sei­nen Augen Pod­casts davon getrie­ben, was die Macher für inter­es­sant hal­ten und weni­ger davon, was sie den­ken, was mög­lichst viele Hörer inter­es­sie­ren könnte. Damit stand diese Ses­sion für mich in kla­rem Kon­trast zu dem YouTube-Thema von ges­tern: Auch wenn Pod­casts als Phä­no­men deut­lich älter sind, als Web­vi­deos á la YouTube, schei­nen sie in ihrer Ent­wick­lung ziem­lich weit hintan. Viel­leicht liegt das daran, dass es keine zen­trale Platt­form gibt, auf der ohne­hin bereits jeder ist und die ein­zel­nen Anbie­tern gleich­zei­tig eine ein­fa­che Mög­lich­keit der Mone­ta­ri­sie­rung anbietet.

Ins­ge­samt also eine durch­aus inspi­rie­rende Ses­sion im Hin­blick auf die Posi­tion unter­schied­li­cher Medi­en­for­men im Netz.

Ses­sion 2: Werde Share­hol­der der Revo­lu­tion (Fried­rich von Bor­ries)

Anschlie­ßend bin ich mit Fried­rich von Bor­ries “Share­hol­der der Revo­lu­tion” gewor­den: Sein Pro­jekt RLF hat sich das Ziel gesetzt hat, den Kapi­ta­lis­mus mit sei­nen eige­nen Mit­teln zu schla­gen und dafür Akti­vi­tä­ten auf unter­schied­li­chen Ebe­nen ins Leben gerufen.

Auf der Ses­sion vor­ge­stellt hat einer iro­ni­sche Pro­dukt­kol­lek­tion, die auf den Wider­spruch zwi­schen Kon­sum und Kon­sum­kri­tik anspielt und ins­be­son­dere die Span­nung zwi­schen der Nut­zung der teu­ren Designer-Produkte und der Demons­tra­tion ihres Werts: So wird bei­spiels­weise ein bil­li­ger Tisch mit der zen­tra­len Bot­schaft “Show you are not afraid” bedruckt und dann mit unver­sie­gel­tem Blatt­gold bezo­gen, sodass der Besit­zer die Wahl hat: das Gold zu erhal­ten, aber den Tisch nicht zu nut­zen oder den Tisch zu nut­zen und seine Bot­schaft zu enthüllen.

Eine sehr schö­ner iro­ni­scher (oder auch nicht?) Ein­blick in die Wider­sprü­che der Kon­sum­ge­sell­schaft und des lin­ken Pro­tests gleich­zei­tig und damit ein äußerst span­nen­des (Kunst-)Projekt.

Ses­sion 3: Mediated Life after Vir­tua­liza­tion (Fran­cesco Lapenta)

Lapenta sieht die Zukunft der Aug­men­ted Rea­lity weni­ger in mobi­len Com­pu­tern, die selbst alle Berech­nun­gen durchführen,wie Smart­pho­nes oder Glass, son­dern viel­mehr in Gerä­ten, die in der Lage sind, mit Com­pu­tern zu inter­agie­ren, die im Raum posi­tio­niert sind.

Google Glass ist daher für ihn nicht pri­mär eine Revo­lu­tion des mobi­len Com­pu­ting, son­dern ver­tritt eine voll­stän­dig neue Vision in der Inter­ak­tion zwi­schen Berech­nun­gen und der Wahr­neh­mung. Durch die direkte Inter­ak­tion könnte es ein, dass wir das Bewusst­sein dafür ver­lie­ren, dass ent­spre­chende Wahr­neh­mun­gen vor­ge­fil­tert wer­den und damit das “algo­rith­mic regime” in unser als selbst­ver­ständ­lich akzep­tier­tes und kaum hin­ter­frag­tes “Social Navi­ga­tion Sys­tem” integrieren.

Er ver­gleicht die­sen Pro­zess mit der Erfin­dung des Gel­des, das Wert von Funk­tion trennte, Foto­gra­fie, das Abbild vom Objekt trennt und schließ­lich den Bild­schirm und “Vir­tu­elle Rea­li­tät” her­vor­brachte. Der aktu­elle Para­dig­men­wech­sel könnte in ähnli­cher Weise einen grund­le­gen­den Stan­dard defi­nie­ren, der zur Grund­lage unse­res all­täg­li­chen Lebens wer­den könnte. Auf diese Weise ent­steht eine grund­le­gend neue Wahr­neh­mung der Realität,

Hoch­span­nen­der, sozio­lo­gisch intel­li­gen­ter und inspi­rie­ren­der Vor­trag, der am Ende lei­der etwas unüber­sicht­lich wurde.

Ses­sion 4: decoding a book (@sinnundverstand)

Auf der voll­kom­men über­füll­ten Bühne 7 hatte Wibke Lad­wig zur Dis­kus­sion über die Essenz des Buchs ein­ge­la­den. Der erste Teil bestand daher aus einem lau­ni­gen Vor­trag zu mög­li­chen Per­spek­ti­ven auf das Buch, zu sei­ner Rolle als Inhalt an sich, als Über­mitt­lungs­me­dium und als Lust­ob­jekt. Anschlie­ßend ging die Dis­kus­sion in’s Publi­kum, wo sich sehr schnell ein Kon­sens her­aus kris­tal­li­sierte, dass der Begriff “Buch” mit dem phy­si­schen Objekt belegt ist, das an Bedeu­tung ver­lie­ren, aber sicher­lich nicht ver­schwin­den wird, dass das Lesen in unter­schied­lichs­ter Form jedoch nach wie vor blei­ben wird und auch genug Poten­zial für eine “Lese­in­dus­trie” bietet.

Hier gab es lei­der wenig wirk­lich Neues, aber eine sehr ange­nehme Atmo­sphäre und kon­zen­trierte Diskussion.

Ses­sion 5: Netzgemüse (@spreeblick@elektrotanja)

Eigent­lich war hier eine Vor­stel­lung ihres Buches Netz­ge­müse vor­ge­se­hen, doch hat­ten sich die bei­den spon­tan(?) ent­schie­den, statt einer for­ma­len Vor­stel­lung einen kur­zen Ausschnitt-Rant aus ihrem Buch sze­nisch vor­zu­le­sen. Kern­punkt: Com­pu­ter und das Inter­net sind keine Gefahr für unsere Kin­der, son­dern eine ein­ma­lige Chance und ihr heu­ti­ger wie zukünf­ti­ger Lebens­raum. Nehmt sie end­lich ernst!

Gut gemacht, poin­tiert for­mu­liert, aggres­siv vor­ge­tra­gen und dabei vie­len aus der Seele gesprochen.

Ses­sion 6: Heute auf­wach­sen in Digi­ta­lis­tan (@manubloggt)

Direkt im Anschluss stellte Manuela Schau­er­ham­mer ein­zelne Bei­spiele vor, wie sich Kin­der im Netz enga­gie­ren und damit bereits früh die Macht des Net­zes erfah­ren und gleich­zei­tig ler­nen mit sei­nen Schat­ten­sei­ten umzu­ge­hen. Die Bei­spiele waren zum Groß­teil nicht neu, ergänz­ten den vor­he­ri­gen Rant der Haeus­lers aber her­vor­ra­gend. Achso, und es gab Scho­ko­lade!

Ses­sion 7: Inter­ac­tive Land­scapes (@sroosegaarde)

Von der Netz-Jugend ging es dann wie­der zum Design und dabei vor allem der Inter­ven­tion im öffent­li­chen Raum. Lei­der klickte sich Lidi Brou­wer nur etwas unmo­ti­viert durch die Vor­stel­lungs­vi­deos unter­schied­li­cher Pro­jekte des Stu­dios Roo­se­gaarde und konnte das Gese­hene so lei­der nicht in einen grö­ße­ren Kon­text ein­ord­nen. Dabei hät­ten die an sich durch­aus inter­es­san­ten Pro­jekte sicher­lich mehr Erläu­te­run­gen gehabt und genug Zeit wäre am Ende auch noch gewesen…

Ses­sion 8: Personal Bran­ding Kam­pa­gne (@punktefrau, @karrierebibel)

So konnte ich dann aber spon­tan noch in die Ses­sion huschen, in der die erfolg­rei­che Online-Jobsuche durch offen­si­ves Per­so­nal Bran­ding von Chris­tine Hel­ler vor­ge­stellt wurde. Prä­sen­tiert wurde sie als ein Bei­spiel für neue For­men der Online-Jobsuche, bei denen Suchende ihr Netz­werk mobi­li­sie­ren und sich gerade im Online-Kontext wesent­lich direk­ter mit ihren Kom­pe­ten­zen und Inter­es­sen vor­stel­len kön­nen. Auf diese Weise ist es bei einem beste­hen­den star­ken Netz­werk mög­lich, das klas­si­sche “Vit­amin B” zu erwei­tern und auch auf Jobs zu sto­ßen, die nicht auf dem öffent­li­chen Arbeits­markt auf­tau­chen. Gleich­zei­tig stellt eine sol­che Offen­heit jedoch natür­lich auch immer ein Risiko dar.

Auch hier gab es wie­der einige span­nende Punkte, wobei die vor­ge­stell­ten Ideen sicher­lich in ers­ter Linie für Jobs im Online-Bereich rele­vant sind. Aber viel­leicht mache ich mir dem­nächst mal ein paar Gedan­ken, wie man das bei­spiels­weise auch auf die Wis­sen­schaft über­tra­gen könnte.

Ses­sion 9: Hell Yeah, it’s Rocket Sci­ence! (@PTScientists)

Die anschlie­ßende Ses­sion bewegte sich dann wie­der weg vom Netz, hin zu einem Team von 100 Feierabend-Wissenschaftlern, die ver­su­chen, den Google Lunar XPrice für eine Mond­mis­sion zu gewin­nen und dabei auf der einen Seite ihre wis­sen­schaft­li­che Arbeit neben dem Brot­job vor­stel­len und gleich­zei­tig ein wenig auf die Pro­bleme hin­wie­sen, die so eine Mond­lan­dung mit einem klei­nen Rover mit sich bringt. Lei­der blie­ben sie dabei ein wenig sehr ober­fläch­lich und ich hätte mir vor allem mehr Refle­xion dar­über gewünscht, wie sie diese anspruchs­volle Team­ar­beit orga­ni­sie­ren und mit ihrem rest­li­chen Leben ver­ein­ba­ren. Trotz­dem spannend.

Anschlie­ßend war eigent­lich die Ses­sion zu Digi­tal­dar­wi­nis­mus und digi­ta­len Bana­nen von @zeitweise und @aaglii ein­ge­plant, aber da hatte ich mich schon mit dem guten @_tillwe_ ver­quatscht, ein wenig sozio­lo­gisch gefach­sim­pelt und einige Erkennt­nisse über die Natur der re:publica sowie Ein­bli­cke in die baden-württembergische Lan­des­po­li­tik gewon­nen. Dafür ist die re:publica schließ­lich auch da.

Mein Fazit des zwei­ten Tages fällt alles in allem wesent­lich posi­ti­ver aus, als das vom ers­ten. Das mag in ers­ter Linie daran lie­gen, dass ich meine Ses­si­ons heute anders aus­ge­wählt habe, als ges­tern: Heute haben mich nicht sol­che Ses­si­ons ange­zo­gen, von denen ich mir einen kon­kre­ten Lern­ef­fekt erhofft hätte, son­dern sol­che, die Inspi­ra­tion und/oder einen alter­na­ti­ven Blick auf die (Netz-)Welt ver­spra­chen. Das war defi­ni­tiv die bes­sere Stra­te­gie, denn inhalt­lich erlau­ben die bei die­ser Größe mög­li­chen For­mate lei­der nicht den tie­fen Ein­stieg, der für mich gewinn­brin­gend wäre.

Nun bin ich gespannt auf morgen…

P.S.: Videos vie­ler der heu­ti­gen und gest­ri­gen Ses­si­ons gibt es auch.

re:publica 2013 — Mein erster Tag

Das war also mein ers­ter Tag auf der dies­jäh­ri­gen re:publica: Sechs mehr oder weni­ger span­nende Vor­träge, Dis­kus­sio­nen und sogar ein Work­shop haben sicher­lich Lust auf mehr gemacht, konn­ten mich jedoch, bis auf eine Aus­nahme, auch nicht zu Jubel­stür­men ver­lei­ten. Aber im Detail:

Die kleine Eröff­nungs­feier auf Bühne 1 war die­ses Jahr insze­niert wie ein Techno-Festival mit einer kur­zen aber durch­aus beein­dru­cken­den Effekt­show auf einem hal­ben Wür­fel aus klei­ne­ren Papp­wür­feln — ja genau, die Papp­wür­fel, die die­ses Jahr das gesamte Mobi­liar der re:publica aus­zu­ma­chen schei­nen. Die Atmo­sphäre dabei lässt sich ganz gut als “ark­tisch” zusam­men­fas­sen — nicht wegen der Stim­mung, son­dern auf­grund der wei­ßen Bühne, des kalt-blauen Lichts und der anfangs doch recht küh­len Temperaturen.

Ses­sion 1: Die maschi­nen­les­bare Regie­rung (@lorz und @fukami)

Die Ses­sion von hatte sich vor­ge­nom­men, die Hin­ter­gründe und Akteure der deut­schen OpenData-Bewegung zu rekon­stru­ie­ren und auf ihre Pro­bleme und Schwie­rig­kei­ten hin­zu­wei­sen. Lei­der geriet die impro­vi­sierte Dis­kus­sion ein wenig unstruk­tu­riert und pen­delte immer ein wenig zwi­schen all­ge­mei­nen Ein­ord­nungs­ver­su­chen und Anek­do­ten aus kon­kre­ten Situa­tio­nen hin und her, ohne dabei den Roten Faden klarzumachen.

Für mich als Sozio­loge war an der Sit­zung aber immer­hin span­nend, wie schwer es @fukami als Akti­vist gefal­len ist, ein Ver­ständ­nis für die Behar­rungs­dy­na­mi­ken von Ver­wal­tun­gen und poli­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen zu ent­wi­ckeln. Für ihn stel­len Ver­wal­tun­gen weni­ger soziale Sys­teme dar, als einen mehr oder weni­ger wil­len­lo­sen Unter­tan des ein­zel­nen Bür­gers, der aber gleich­zei­tig demo­kra­ti­scher Kon­trolle unter­ste­hen soll und sich nicht von beste­hen­den Rege­lun­gen aus­brem­sen las­sen darf. Ich glaube kaum, dass irgend­eine Ver­wal­tung all die­sen Ansprü­chen gleich­zei­tig gerecht wer­den könnte. Da würde ein Blick auf Max Webers Büro­kra­ti­e­theo­rie sicher­lich nicht schaden.

Ses­sion 2: Auf­ruf zum meta­kul­tu­rel­len Dis­kurs (@wilddueck)

Als hätte er sei­nen Vor­trag auf meine erste Ses­sion abge­stimmt, hat Gun­ter Dueck in sei­nem, dies­mal etwas holp­rig vor­ge­tra­ge­nen und lei­der von der Saala­kus­tik ziem­lich ver­matsch­ten, Vor­trag dar­auf hin­ge­wie­sen, wie wich­tig es für Akti­vis­ten jed­we­der Cou­leur ist, ein Ver­ständ­nis für die Logik des Fel­des zu ent­wi­ckeln, dass sie zu ver­än­dern versuchen.

Vor allem hob er dabei her­vor, dass heut­zu­tage öffent­li­che Dis­kus­sio­nen meis­tens nur durch den Aus­tausch von kon­trä­ren Posi­tio­nen gekenn­zeich­net sind, die auf unter­schied­li­chen Men­schen­bil­dern basie­ren und kaum zu ver­ei­nen sind. Gerade für die aktu­el­len Dis­kus­sio­nen for­dert er daher, diese Dis­kus­sio­nen in einen meta­kul­tu­rel­len Dis­kurs zu über­füh­ren und dabei in ers­ter Linie die Frage nach dem Men­schen­bild zu stel­len und zu lösen.

Dann ver­sucht er sich noch in dueck-typischer Manier an einer Typo­lo­gie sol­cher Men­schen­bil­der und unter­schei­det zwi­schen auto­ri­tä­rem, pflicht­be­wuss­tem (altes Preu­ßen), ergeb­nis­ori­en­tiert ökono­mi­schem, sinnorientiert-ökologischem und freiheitlich-verantwortlichem Men­schen­bild, das er auch gleich in die aktu­elle poli­ti­sche Lage einordnet.

Ins­ge­samt also durch­aus loh­nens­wert, aber teil­weise auch etwas zäh und lei­der aus tech­ni­schen Grün­den nicht immer gut verständlich.

Ses­sion 3: Code Liter­acy (@neleheise, @katharina_joh und Ste­phan Dreyer)

Die dritte Ses­sion war ursprüng­lich als Work­shop mit Grup­pen­ar­beit kon­zi­piert, was dann aller­dings durch ein Publi­kum von 240 Leu­ten etwas erschwert wurde. Als es dann an das Auf­tei­len in vier Grup­pen ging, die jeweils die Anfor­de­rung an bestimmte gesell­schaft­li­che Grup­pen for­mu­lie­ren soll­ten, lich­tete sich das Feld etwas und Grup­pen wur­den auf­ge­spal­ten, sodass ich im End­ef­fekt mit sechs oder sie­ben ande­ren dar­über dis­ku­tie­ren konnte, was vor allem Poli­ti­ker im Hin­blick auf Code Liter­acy ler­nen, kön­nen und wis­sen soll­ten. Uns ging es dabei in ers­ter Linie um die ver­än­der­ten Öffent­lich­keits­dy­na­mi­ken, die auf der einen Seite zwar einen Kon­troll­ver­lust für Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker bedeu­ten, auf der ande­ren Seite aber auch eine ganz neue Form authen­ti­scher und glaub­wür­di­ger Kom­mu­ni­ka­tion ermöglichen.

Auch hier hätte ich mir gerne ein wenig mehr Struk­tur in der Ses­sion gewünscht und einen kla­re­ren roten Faden, aber die Dis­kus­sion in der Klein­gruppe war auf jeden Fall mal eine nette Abwechs­lung. Eine Doku­men­ta­tion zu die­ser Ses­sion und mit der Zeit wohl auch wei­ter­füh­rende Infor­ma­tio­nen zu dem Thema fin­den sich dem­nächst auf einem eigens ein­ge­rich­te­ten Blog: Code Liter­acy

Ses­sion 4: Algorithmen-Ethik (@mrsbunz, @jbenno, @stephannoller)

Die Angst vor den gigan­ti­schen Daten­kra­ken und bösen Algo­rith­men hat es ja mitt­ler­weile auch in die Mainstream-Medien geschafft und war dem­ent­spre­chend auch Thema auf der re:publica. Nach einer kur­zen theo­re­ti­schen Anspra­che dar­über, dass Algo­rith­men zwar selbst keine Wert­ur­teile tref­fen, aber die Vor­an­nah­men, die bei ihrer Erstel­lung ein­ge­setzt wer­den, sehr wohl ging es auch hier in eine etwas kon­fuse Dis­kus­sion, die in ers­ter Linie in die For­de­rung nach einer Trans­pa­renz ein­ge­setz­ter Per­so­na­li­sie­rungs– und Fil­te­rungs­al­go­rith­men mündete.

Beson­ders in Erin­ne­rung geblie­ben ist mir dabei das Bei­spiel, dass MRT-Bilder keine Fotos im eigent­li­chen Sinne dar­stel­len, son­dern Berech­nun­gen aus Mess­da­ten, die auf ganz bestimm­ten Vor­an­nah­men beru­hen, die nicht für jede Dia­gno­se­si­tua­tion opti­mal sein müs­sen. So könn­ten durch die Mög­lich­keit, bestimmte Para­me­ter die­ser Berech­nung manu­ell zu ver­än­dern prä­zi­ser auf die vor­lie­gende mög­li­che Dia­gnose abge­stimmte Abbil­dun­gen erstellt wer­den, die gefähr­li­che Dia­gno­se­feh­ler ver­hin­dern könnten.

Ses­sion 5: YouTube macht die Stars von heute (@spreeblick)

Das heu­tige High­light für mich war ein­deu­tig die Ses­sion von Johnny Haeus­ler, die einen Ein­blick in die mir bis­lang noch voll­kom­men unbe­kannte Welt der YouTube-Channels bot, auf denen ein­zelne deutsch­spra­chige Videoblog­ger (nennt man die so?) meh­rere zehn– oder sogar hun­dert­tau­send Abon­nen­ten haben. Auf der Bühne saßen also

- Simon (Unge­spielt)
LeFloid und
– Amy Herz­stark (Dia­mond of Tears)

und erzähl­ten von ihren Akti­vi­tä­ten, der Bedeu­tung von Abon­nen­ten­zah­len, Hate-Kommentaren und der Ver­mark­tung durch YouTube-Netzwerke. Um die Runde zu ver­voll­stän­di­gen saßen dann da auch noch

- Chris­toph Krach­ten (YouTube-Netzwerk Media­kraft; @mediakraft) und
– Han­nes Jakob­sen (YouTube, @hamojak)

Auch wenn mich die gezeig­ten kur­zen Aus­schnitte aus den Kanä­len per­sön­lich nicht ange­spro­chen haben, waren sie doch außer­or­dent­lich pro­fes­sio­nell gemacht. Auch die YouTuber selbst haben mich durch ihr intel­li­gen­tes und sou­ve­rä­nes Auf­tre­ten beein­druckt. Ich glaube, jetzt ver­stehe ich erst wirk­lich, was es bedeu­tet, Digi­tal Native zu sein und warum “die Jugend” kaum noch Ver­wen­dung für einen Fern­se­her hat…

Ses­sion 6: Das Buch muss über­wun­den wer­den (@twena, @presroi, @rstockm)

Ange­kün­digt war “ eine wilde Vision der digi­ta­li­sier­ten Zukunft”, her­aus­ge­kom­men ist lei­der ledig­lich ein Bericht über aktu­elle Digi­ta­li­sie­rungs­be­mü­hun­gen und digi­tale Biblio­theks­pro­jekte wie die Euro­peana oder die Digi­tale Biblio­thek. Es ging daher viel­mehr um die ent­spre­chende Lizenz­pro­ble­ma­tik, ver­waiste Werke und Kon­sor­ten anstatt einen visio­nä­ren Blick in die Zukunft zu wer­fen. Daher habe ich mich so unge­fähr nach der Hälfte ver­ab­schie­det und bin statt­des­sen in der her­vor­ra­gen­den Phantastik-Buchhandlung Other­land echte Bücher kau­fen gegangen…

Es bleibt ein zwie­späl­ti­ger Ein­druck des ers­ten Tages mit zwei High­lights: Dueck und YouTube und vier teil­weise durch­aus inter­es­san­ten, teil­weise jedoch auch etwas unstruk­tu­rier­ten und etwas zähen Ses­si­ons. Viel­leicht erwarte ich von einer Ver­an­stal­tung von der Größe der re:publica zu viel, aber ich würde mir ein tie­fe­res und struk­tu­rier­te­res Ein­stei­gen in die The­men wün­schen — gerade wenn es nicht um einen Bericht aus der Pra­xis geht, son­dern um All­ge­mei­ne­res. So blieb es heute in ers­ter Linie beim Aus­tausch bekann­ter und meist wenig kon­tro­ver­ser Posi­tio­nen: eine große Wohlfühl-Echokammer, in der man sich als Netz­ak­ti­ver viel Bestä­ti­gung holen kann, jedoch auch ein wenig auf der Stelle tritt.

Digitale Zeitschriften

Spä­tes­tens, nach­dem wir vor einem Monat gefühlt eine Tonne Papier durch Olden­burg geschleppt haben, bin ich mir sicher, dass ich nicht nur meine Bücher redu­zie­ren möchte, son­dern dass mir auch keine Zeit­schrif­ten in Papier­form mehr ins Haus kom­men. Gleich­zei­tig möchte ich natür­lich nicht dar­auf ver­zich­ten, zu bestimm­ten The­men redak­tio­nell zusam­men­ge­stellte Arti­kel­samm­lun­gen zu bekom­men, die ja auch immer wie­der span­nende bzw. unter­halt­same The­men auf­grei­fen. Daher also der Blick auf die digi­ta­len Zeitschriften-Abos:

Am ange­nehms­ten zu lesen, finde ich digi­tale Zeit­schrif­ten auf mei­nem iPad, das ich eigent­lich immer mit mir her­um­trage und das, im Gegen­satz zum Kindle, auch die gra­fi­sche Gestal­tung der Texte und das Lay­out der Zeit­schrift berück­sich­ti­gen kann. Nicht umsonst hatte Mathias Döpf­ner vor eini­ger Zeit das iPad als Erlö­ser des Print­jour­na­lis­mus gefei­ert. Auch wenn diese Hoff­nun­gen sicher­lich über­zo­gen waren, emp­finde ich spe­zi­fi­sche Zeit­schrif­ten­apps als die mit Abstand ent­spann­teste und ange­nehmste Art sol­che Texte zu lesen. Am bes­ten ver­se­hen mit einer Mög­lich­keit, Text­stel­len zu mar­kie­ren und in die eigene Wis­sens­ver­wal­tung zu übertragen.

Apps haben aber einen gewal­ti­gen Nach­teil: Sie sind abhän­gig von der Platt­form, auf der sie gekauft wer­den, die ein­zel­nen Aus­ga­ben sind meist rela­tiv große Dateien und damit kaum sinn­voll auf dem Gerät archivier-, geschweige denn durch­such­bar. Und spä­tes­tens seit Ama­zon vor eini­ger Zeit ein Buch eigen­mäch­tig von Lese­ge­rä­ten sei­ner Kun­den gelöscht hat, sollte jedem klar sein, dass platt­form­spe­zi­fi­sche App-Downloads kaum als lang­fris­tige Inves­ti­tion gese­hen wer­den dür­fen. Also muss ein platt­for­mu­n­ab­hän­gi­ges und vor allem DRM-freies For­mat her, das leicht zu archi­vie­ren ist und auch gut zu durch­su­chen, am augen­fäl­ligs­ten wohl ein Fall für den Klas­si­ker unter den Printersatz-Formaten: PDF. Das wie­derum ist, ohne viel Zoo­men und hin und her Geschiebe auf dem Pad nicht zu lesen.

Damit also in Zukunft das digi­tale Abo einer Zeit­schrift zu einem Preis ähnlich dem der Prin­t­aus­gabe für mich infrage kommt, müs­sen zwei Kri­te­rien gleich­zei­tig(!) erfüllt sein:

  1. Eine anspre­chend gestal­tete, kom­for­ta­ble und gut les­bare App-Version (aktu­ell auf dem iPad, spä­ter dann aber wohl eher auf Android)
  2. Eine voll­stän­dige PDF-Version jeder Aus­gabe für mein per­sön­li­ches Archiv in mei­ner per­sön­li­chen Infra­struk­tur über die ich die volle Kon­trolle habe (im Zwei­fel gehen natür­lich auch andere unab­hän­gige For­mate wie Plain­text oder DRM-freies EPUB).

Lei­der scheint diese Kom­bi­na­tion auf dem deut­schen Markt kaum zu fin­den zu sein. Von den Zeit­schrif­ten, die mich inter­es­sie­ren, bie­tet nur DIE ZEIT ein ent­spre­chen­des Ange­bot, das gleich­zei­tig auch noch preis­lich attrak­tiv ist. brand­eins hat zwar eine ange­nehme App und ein voll­stän­di­ges Online-Archiv mit HTML-Fulltext und Artikel-PDFs, bie­tet aber lei­der keine Mög­lich­keit (nein, nicht­mal gegen Geld) eine gesamte Aus­gabe (gerne auch inklu­sive der Wer­bung!) als PDF zu erhal­ten — aber dazu wann anders mehr.

Für die Ver­lage wird die Digi­ta­li­sie­rung damit dop­pelt schwie­rig: Nicht nur müs­sen sie ein trag­fä­hi­ges Geschäfts­mo­dell ent­wi­ckeln, sie müs­sen auch die unter­schied­li­chen Ansprü­che an das For­mat ihrer Pro­dukte erfül­len kön­nen. Bis­her sieht es da in Deutsch­land jedoch lei­der eher mau aus.

Informieren ist wie Konsumieren

Nach einem Umzug in eine neue Woh­nung ist Vie­les anders: Die Zim­mer sind anders zuge­schnit­ten, die Funk­tio­nen der Zim­mer neu ver­teilt, alle Sachen lie­gen an ande­ren Orten und die all­täg­li­chen Wege haben sich auch ver­än­dert. Auch das Ver­hält­nis zum eige­nen Besitz hat sich ver­än­dert, weil man eben alles mal in die Hand neh­men, ver­pa­cken und wie­der aus­pa­cken musste. Wenn man also schon mal dabei ist, alles auf den Kopf zu stel­len, dann kann man ja eigent­lich auch gleich noch ein paar andere Gewohn­hei­ten und Rou­ti­nen infrage stel­len, die sich im Laufe der Zeit so ent­wi­ckelt haben.

Bei mir heißt das aktu­elle Thema in die­ser Hin­sicht: Infor­ma­tio­nen. Nicht nur aber auch, wegen der bevor­ste­hen­den Abschal­tung des Google Rea­ders stellt sich die Frage, über wel­che Kanäle, aus wel­chen Quel­len und zu wel­chen The­men will ich eigent­lich meine täg­li­che Ration “Infor­ma­tio­nen aller Art” zu mir neh­men? Wel­che The­men inter­es­sie­ren mich eigent­lich so stark, dass ich zu ihnen regel­mä­ßig mit Neu­ig­kei­ten und Arti­keln ver­sorgt wer­den will und wie ließe sich das mög­lichst ein­fach und sinn­voll organisieren?

Auf diese Frage hat mich unter ande­rem das lesens­werte Buch The Infor­ma­tion Diet von Clay John­son gebracht, der die Auf­nahme von Infor­ma­tio­nen mit der von Nah­rung ver­gleicht. Wäh­rend in den letz­ten Jah­ren die “bewusste Ernäh­rung” einen gro­ßen Stel­len­wert in der Öffent­lich­keit ein­ge­nom­men hat, ist dies bei der “bewuss­ten Infor­ma­ti­ons­aus­wahl” weni­ger der Fall — auch wenn diese gerade für Wis­sens­ar­bei­ter sicher­lich nicht min­der wich­tig ist. Zwar teile ich John­sons Schluss­fol­ge­run­gen nicht, sich in ers­ter Linie auf lokale Infor­ma­tio­nen zu beschrän­ken, aber die grund­sätz­li­che Ana­lo­gie finde ich durch­aus bedenkenswert.

Da ist sie nun also, die Kehr­seite der Infor­ma­ti­ons­ex­plo­sion in Netz: Die unglaub­li­che Fülle an Infor­ma­tio­nen hin­ter jeder Ecke muss gefil­tert wer­den, indi­vi­du­ell struk­tu­riert und aktiv durch­sucht. Bis­her lief das bei mir immer eher zufäl­lig: Vie­les kam über den Google Rea­der, Twit­ter, Face­book, Google+, wurde in Insta­pa­per zwi­schen­ge­spei­chert, in Ever­note oder per E-Mail, dann gele­sen, oder auch nicht und schließ­lich per Book­mark oder Web­clip abge­legt. Zeit­schrif­ten wur­den nach Lust und Laune abon­niert und wie­der abbe­stellt. So ent­stand ein ziem­lich chao­ti­sches Infor­ma­ti­ons­menü, das ich in der nächs­ten Zeit ein wenig ord­nen werde. Sicher­lich wird dabei auch der ein oder andere Bei­trag hier abfallen.

Was sind denn eure Haupt-Quellen für Infor­ma­tio­nen und was ist euer “Work­flow” von Ent­de­cken, über Mer­ken und Lesen bis hin zu Archivieren?

Die persönliche Kramwelt

In nahezu jeder Woh­nung und erst recht in jedem Haus sam­melt sich mit der Zeit eine abso­lute Unmenge Kram an, der nach und nach immer mehr Ecken erobert und zumeist unbe­ach­tet bleibt. Es könnte ewig so wei­ter gehen, wenn uns nicht ab und an ein Umzug dazu zwin­gen würde, alles was wir besit­zen tat­säch­lich in die Hand zu neh­men, in einen Kar­ton zu ver­frach­ten und dann auch wie­der auszupacken.

Erst bei die­ser Gele­gen­heit merkt man wirk­lich, was sich so an Zeug und Kram ange­sam­melt hat und dann kom­men die Frage aller Fra­gen: “Brau­che ich das Alles wirk­lich?” Die Ant­wort dar­auf ist meis­tens sehr ein­fach: “Nein!” Das Wenigste von dem, was man nicht regel­mä­ßig in die Hand nimmt, braucht man wirk­lich — in dem Sinne, dass es das Leben unan­ge­neh­mer machen würde, wenn es nicht da wäre. Sicher, ganz spo­ra­disch ist ein spe­zi­el­les Werk­zeug oder ein Ersatz-DVD-Player mal ganz nütz­lich, aber lohnt diese ent­fernte Mög­lich­keit den Platz und die men­tale Ener­gie, die es kos­tet diese über Jahre hin­weg aufzubewahren?

Ein wei­te­rer zen­tra­ler Kram­ge­ne­ra­tor ist der Sam­mel­trieb, der fast jeden von uns in der einen oder ande­ren Weise befällt. Glück­lich der, bei dem es Minia­tur­fi­gu­ren, Häkel­deck­chen oder Post­kar­ten betrifft, die rela­tiv leicht und gut zu ver­stauen sind. Bei uns sind es lei­der mitt­ler­weile mehr als 1000 Bücher, die den Umzug mit­ma­chen muss­ten und sowohl uns als auch unse­ren Möbel­pa­ckern zuge­setzt haben. Und auch hier stellt sich wie­der die Frage: “Brau­che ich das eigent­lich wirk­lich?”  Die offen­sicht­li­che und ratio­nale Ant­wort ist wie­der ein­fach: “Nein”. Aber dann sind da die Erin­ne­run­gen und Emo­tio­nen, die mit ein­zel­nen Büchern oder auch der Samm­lung als Gan­zem ver­bun­den sind und die einen daran hin­dern, sich ein­fach davon zu trennen.

So baut sich jeder seine eigene Kram­welt, mal bewusst mal unbe­wusst und schleppt von Jahr zu Jahr mehr Bal­last mit sich mit. Mal sehen, ob es uns dies­mal gelingt, den nächs­ten Umzug mit weni­ger Din­gen zu bege­hen, als den letzten…