Das war also Tag Numero Drei und damit auch der letzte Tag der diesjährigen re:publica. Zusammenfassen lässt er sich wohl am besten mit dem Wort “müde”: Keine Ahnung warum, aber ich bin heute morgen weit vor dem Wecker aufgewacht, konnte nicht mehr einschlafen, habe mich aber trotzdem den ganzen Tag tierisch KO gefühlt…
Aber natürlich waren da auch noch äußerst spannende, aber diesmal auch wieder weniger interessante Sessions, die mich durch den Tag begleitet haben:
Session 1: Street fighting data science (@jebenno, @furukama)
Den Anfang machte heute die vermutlich inspirierenste Session dieser re:publica über die “dreckige” Kunst der Data Science, in der sich statistisches Wissen, inhaltliche Kenntnisse über das betrachtete Feld mit “Hacking Skills” zusammentun. Hier werden alle möglichen Formen von Daten genutzt, um einen Korpus zu bilden, auf dem dann unterschiedlichste statistische Analysen gefahren werden können, ohne dass dabei die strenge wissenschaftliche statistische Methode in allen ihren Forderungen nach Zufallsstichproben und Repräsentativität im Hintergrund steht.
Vielmehr geht es darum, Muster in den vorhandenen Daten zu erkennen und diese dazu zu benutzen, Entwicklungen besser zu verstehen und möglicherweise sogar hervorzusagen. Dabei ist die Analyse an sich mehr oder weniger inhaltsleer, weil sie sich nur auf Korrelationen oder Verknüpfungen zwischen Datenpunkten fokussieren, ohne deren Bedeutung auch nur zu kennen. Auf diese Weise ergeben sich äußerst spannende Möglichkeiten wie zum Beispiel die Vorhersage der deutschen Arbeitslosenzahl anhand der Google-Suchen nach “Wohngeldtabelle” (für die Statistiker: r2 = 0,89).
Mit ist dabei, mal wieder, deutlich geworden, wie sehr die an sich sehr sinnvollen und wichtigen strengen Regeln der wissenschaftlichen Statistik uns daran hindern, aus den Daten, die bereits da draußen irgendwo sind, spannende Ergebnisse zu erzeugen.Wahrscheinlich wäre es auch für die quantitativ-empirische Soziologie sehr gewinnbringend, mit solchen “dreckigen” Techniken einen Einblick in Felder zu gewinnen, die ansonsten einer quantitativen Analyse kaum offen stehen.
Session 2: Lernen Lernen lernen im persönlichen Lernnetzwerk (@lisarosa)
Im Anschluss ging es weiter mit einem Einblick in die Anforderungen an das Lernen im 21. Jahrhundert. Ging es im 19. Jahrhundert in erster Linie darum, Stoff zu lernen, und im 20. darum, das Lernen an sich zu lernen, stellt Lisa Rosa die These in den Raum, dass es im 21. Jahrhunder darum gehen muss, dass Lernen Lernen zu lernen. Also immer aufs neue in der Lage zu sein, sich in einer verändernden Umwelt anzupassen und neu zu orientieren.
Sie geht das Thema dabei aus einer sehr stark systemtheoretisch-sozialkonstruktivistischen Perspektive an und sieht als Kernziel des Lernens die Fähigkeit, der Welt einen eigenen Sinn abzugewinnen — in ständiger Kommunikation, Interaktion und Vernetzung. Sie spricht damit implizit der Idee kanonischen Wissens oder einer gesellschaftlich geteilten Wissensgrundlage die Existenzberechtigung ab und fällt damit genau in die Falle, die die beiden zugrundeliegenden Theorien bieten:
Sie übersieht, dass Gesellschaft zum Funktionieren eine gewisse geteilte Grundlage braucht, die nicht bei jeder Gelegenheit hinterfragt werden und neu ausgehandelt werden kann: So scheint es wenig sinnvoll, dass sich jeder Einzelne ein eigenes Verständnis der Grundlagen der Mathematik oder der Logik erarbeitet. Hier gibt es Regeln und Algorithmen, die aus gutem Grund so sind, wie sie sind. Das heißt nicht, dass sie unantastbar wären, aber dass es ein wirkliches Verständnis ihrer Hintergründe wesentlich komplexer ist, als es dem Lernenden in dem Moment erscheint, in dem er glaubt, alles verstanden zu haben.
Das heißt nicht, dass ich Lisa Rosa im Grundsatz widerspreche, sondern nur, dass ich ihre Gedanken eher als provokante theoretische Gegenposition verstehe und weniger als eins-zu-eins umzusetzende Handlungsvorschläge.
Die anschließenden beiden Sessions zu Datenbefreiung selbst gemacht und Fueling your app with dynamic Open Data habe ich dann nur in Ausschnitten mitbekommen, die mich zwar noch neugieriger auf das Thema Data Science gemacht haben, inhaltlich jedoch für mich weniger anschlussfähig waren.
Session 3: Raus aus der Rolle (@raulde, @lysairvue)
Spontan bin ich dann in einer Diskussionsrunde mit Schauspieler Erwin Aljukic, Moderatorin und Poetry Slammerin Ninia Binias und Schauspieler und Komiker Martin Fromme gelandet, die sich mit der Position behinderter Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland auseinandergesetzt haben. Kontrovers ging es hier logischerweise nicht zu, aber es gab doch zwei durchaus spannende Punkte: So forderten alle auf dem Panel, dass behinderte Schauspieler nicht nur für Rollen besetzt werden, die über ihre Behinderung definiert sind, sonder auch für ganz “normale” Rollen, in denen es schlicht und einfach egal ist, dass der Schauspieler körperlich nicht der Norm entspricht.
Eng damit verbunden war der zweite Punkte, dass es in Deutschland weniger das Publikum ist, welches mit solchen Besetzungen ein Problem hätte, sondern vielmehr die Macher, die einfach nicht auf die Idee kommen, die Rolle einer Kommissarin oder einer Ehemanns mit einer Behinderten zu besetzen ohne dass dies das Drehbuch unbedingt vorschreibt. Spannend.
Session 4: Wie das Internet literarisches Schreiben verändert (@freval, @vergraemer)
Anschließend ging es mit zwei Autoren um die Frage, wie sich das literarische Schreiben durch das Internet verändert. Dabei stand vor allem die Geschichte von Jan-Uwe Fitz im Mittelpunkt, dessen fiktive Twitter-Figur, der Taubenvergrämer, es mittlerweile zur Hauptfigur in zwei Bücher geschafft hat, die nur dem Buchcover nach Romane sind. Die für mich zentrale These war dabei, dass das Schreiben auch in seiner literarischen Form präziser und knapper werden muss, da es keinen Raum für — beispielsweise — lange Landschaftsbeschreibungen lässtt, die sich gerade im Digitalen eindrucksvoller und präziser mit einem Foto oder einer Abbildung leisten ließen.
Auch wenn hier einige spannende Gedanken dabei waren, wurde ich das Gefühl nicht los, dass Frederic Valin ein wenig zu sehr von einer Geschichte und auch vielleicht seinem persönlichen Schreiben auf eine grundsätzliche Veränderung schließt. Denn immerhin gibt es auch immer noch Werke epischen Ausmaßes, ich erinnere nur an George R.R. Martins Game of Thrones, J.K. Rowlings Harry Potter oder auch die (unsägliche) Twilight-Reihe. Das Highlight dieser Session waren daher die äußerst unterhaltsamen Anekdoten von Jan-Uwe Fitz.
Session 5: It’s not a fax machine connect to a waffle iron (@doctorow)
Die Rede des britisch-kanadischen Netzaktivisten, Journalisten und Science-Fiction-Autors zielte, für mich überraschend, in erster Linie auf die bösen Seiten des allgemeinen DRM-Wahns ab: So stellte er dar, wie der Verlust an Interoperabilität beispielsweise bei DVDs diese nach und nach entwertet und wies anschließend auf die Gefahr hin, die DRM-Systeme für die Integrität von Computersystemen darstellen, da sie notwendigerweise versteckt ablaufen müssen und sich damit einer Kontrolle durch den Inhaber eines Computers entziehen. So schaffte Doctorow es am Ende dann auch nochmal den Bogen zurück zu schlagen, zu der Diskussion um Computer, das Netz und Freiheit.
Auch wenn der Vortrag insgesamt wenige konkrete neue Argumente oder Ideen enthielt, bot er doch eine unterhaltsame, pointierte und sehr präzise Zusammenfassung zahlreicher aktueller Probleme im Bereich der Netz-Regulierung und war damit ein hervorragender Kurz-vor-Schluss-Punkt. Ich frage mich allerdings, warum es kaum deutschen Redner gibt, die mit einer ähnliche Verve, Witz, Präzision und Emotion für die Sache der “Netzgemeinde” auftreten können. Damit wäre uns schon wesentlich geholfen.
Für meinen re:publica Abschluss sorgten dann zwei in Berlin lebende britische (Medien-)Künstler, die seit einigen Jahren jeden ihrer Schritte außer Haus mit einem GPS-Gerät aufzeichnen und nun beginnen, die gewonnen Daten zu visualisieren und für sich auszuwerten. So zeigten sie beispielsweise, wie sich anhand der von ihnen aufgezeichneten Pfade die Grenzen Berlins und seine zentralen Verkehrsadern identifizieren lassen und wie sich ihre Wege durch verschiedene Umzüge innerhalb der Stadt verändert haben. Diese Visualisierung alltäglicher Bewegung im Raum ist für mich natürlich besonders interessant, weil ich mich mit eben dieser Mobilität auch wissenschaftlich befasse. In dieser Session gab es aber wenig Theorie, sondern ein sympathisches Paar und einen alternativen Blick auf unseren Alltag.
Das war sie dann also, meine zweite re:publica. Insgesamt fahre ich morgen wohl mit einem ähnlichen Gefühl gen Heimat wie bereits letztes Jahr: Die re:publica ist sicherlich keine Veranstaltung die mich beruflich voranbringt oder von der neue große Einsichten zu erwarten sind, sondern vielmehr eine gigantische netz-optimistische Echokammer, in der es viele spannende und inspirierende Nischen zu entdecken gibt. Für mich ging es, gerade gestern und heute, daher eher darum, neue Blickwinkel und Perspektiven zu erleben und meine Gedanken in Sachen “Netz” wieder ein wenig durcheinander zu würfeln und in neue Richtungen zu lenken. Dies ist der re:publica gerade mit den Sessions zu YouTube-Stars am ersten Tag, zum Mediated Life after Virtualization gestern und schließlich heute zu Data Science auch wieder vortrefflich gelungen. Weiter Blogbeiträge zu diesen Themen und zu anderen sind also nicht ausgeschlossen.
Zum Abschluss bleibt mir nur noch, den Organisatoren, Referentinnen, Helfern und Teilneherinnen zu danken und mich auf die Aufzeichnungen der interessanten Sessions zu freuen, die ich leider verpasst habe.