eBooks zum Anfassen

Auf der re:publica-Session zu deco­ding a book von @sinnundverstand ging es auch darum, dass Bücher “Lust­ob­jekte” dar­stel­len, wel­che nicht nur eine phy­si­sche Qua­li­tät haben, son­dern eben auch nach Außen den Men­schen dar­stel­len. Das Bücher­re­gal einer Per­son ver­rät sehr viel über ihre Inter­es­sen und ihren Geschmack. In Zei­ten des eBooks hat für Viele das digi­tale Bücher­re­gal bei Lovely­books, Goodre­ads, Libra­ry­thing oder Book­Li­kes (mein Regal) das phy­si­sche im Wohn­zim­mer nicht unbe­dingt ersetzt, aber zumin­dest ergänzt — neben der phy­si­schen Reprä­sen­ta­tion ist, wie so oft, die digi­tale getreten.

Wäh­rend diese Dop­pel­stra­te­gie bei gedruck­ten Büchern gut funk­tio­niert, stellt sie bei eBooks ein Pro­blem dar: Diese zeich­nen sich gerade dadurch aus, dass sie kein phy­si­sches Äqui­va­lent haben, also auch kei­nen Platz im Regal weg­neh­men oder beim Umzug nicht durch die Gegend geschleppt wer­den müs­sen. Wenn, wie bei mir, Bücher aber ein so zen­tra­ler Bestand­teil mei­nes Lebens sind, will ich die­sen auch in mei­ner phy­si­schen Umge­bung irgend­wie wider­spie­geln, ohne dabei auf die Vor­teile des eBooks ver­zich­ten zu müssen.

coverkarten4Die Idee, die ich dazu hatte, ich eigent­lich recht ein­fach: Warum dru­cke ich mir nicht ein­fach die Cover der Bücher, die ich gele­sen habe aus, und hänge sie mir in irgend­ei­ner Form an die Wand? Klingt prag­ma­tisch und hat, als ich das auf der re:publica kurz anmerkte, auch für einige über­raschte Lacher gesorgt. Auf dem eige­nen Farb­dru­cker oder im Copy­shop wäre die Qua­li­tät der Dru­cke aller­dings ver­mut­lich nicht so über­zeu­gend gewe­sen und auch der alte Trick mit dem Druck als Digi­tal­foto passte mir von dem erwar­te­ten Ergeb­nis her nicht so wirk­lich. Also die ent­spre­chen­den Abbil­dun­gen von den Ver­lags­web­sei­ten zusam­men­ge­tra­gen, mei­nen Lieblings-Druckdienst moo.com auf­ge­ru­fen und ein Set von 50 Visi­ten­kar­ten mit abge­run­de­ten Ecken bestellt.

Jetzt sind die Kar­ten hier und ich weiß noch nicht genau, wie ich sie an einer Wand dra­piere, aber da wird mir sicher­lich auch noch etwas einfallen…

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Habt ihr auch das Bedürf­nis, eure elek­tro­ni­schen Bücher irgend­wie phy­sisch greif­bar zu machen?

Drei Wochen unter Volldampf

Alle paar Jahre aufs Neue treibt es mich für knapp drei Wochen aus mei­nem bekann­ten Umfeld an der Uni her­aus und anstatt in die Ferne zu rei­sen oder am Strand zu bra­ten, widme ich diese Zeit der Arbeit mit hoch­in­tel­li­gen­ten und ebenso moti­vier­ten Jugend­li­chen auf einer der Deut­schen Schü­leraka­de­mien (DSA), die jedes Jahr unter der Schirm­herr­schaft des Bun­des­prä­si­den­ten durch den Ver­ein Bil­dung und Bega­bung e.V. orga­ni­siert wer­den. Auf sechs bis zehn Aka­de­mien — je nach Zähl­weise — kom­men in jeweils sechs unter­schied­li­chen Kur­sen gut 90 Schü­le­rin­nen und Schü­ler von deut­schen Schu­len (auch die im Aus­land) zusam­men, um für 16 Tage gemein­sam zu arbei­ten, zu leben und jede Menge Spaß zu haben. Neben den Kur­sen ste­hen daher zahl­rei­che kurs­über­grei­fende Ange­bote auf dem Pro­gramm: auf der einen Seite die Musik mit Chor, Orches­ter, Band und Ensem­bles, dann aber auch meist von den Teil­neh­men­den selbst initi­ierte und orga­ni­sierte Akti­vi­tä­ten irgendwo zwi­schen Sport, Brett– und Kar­ten­spie­len, alten Kar­tof­fel­sor­ten, Dis­kus­si­ons­run­den, Vor­trä­gen, Fremd­spra­chen, Astro­no­mie und was einen halt noch so inter­es­sie­ren kann. Die Zeit auf der Aka­de­mie ist dabei für viele der Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer von ganz beson­de­rer Bedeu­tung, da sie zum ers­ten Mal die Erfah­rung, intel­lek­tu­ell gefor­dert und manch­mal auch über­for­dert zu wer­den und gleich­zei­tig in einer sehr locke­ren und offe­nen Atmo­sphäre kon­zen­triert zu arbei­ten und inten­siv mit­ein­an­der zu leben. Die geis­tige Hand­bremse, die in der Schule oft ange­sagt ist, kön­nen sie hier los­las­sen und abso­lu­tes Voll­gas geben.

Es ist schon eine halb Ewig­keit her — genau gesagt 1999 — , dass ich selbst als Teil­neh­mer einer sol­chen Aka­de­mie im Kurs Ver­einte Natio­nen mein Inter­esse an den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten ent­deckt habe und nach mei­nem Stu­di­en­ab­schluss bot ich 2010 zusam­men mit einer ande­ren ehe­ma­li­gen Teil­neh­me­rin einen Kurs “Warum wir tun, was wir tun — Sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Hand­lungs­theo­rie” auf der DSA Ros­tock an. Die­ses Jahr war dann die DSA in Braun­schweig an der Reihe mit dem Kurs­thema “Poten­zial und Erfolg — Ana­ly­ti­sche Fähig­kei­ten im sozia­len Kon­text” — zusam­men mit einer befreun­de­ten Mün­che­ner Psy­cho­lo­gin. Inhalt­lich ging es dabei um zwei der zen­tra­len wis­sen­schaft­li­chen Prä­dik­to­ren für den Erfolg in der Schule: Intel­li­genz, als individuell-psychologisches Phä­no­men, auf der einen Seite, und sozia­len Hin­ter­grund, als sozio­lo­gisch rele­van­ten Fak­tor, auf der ande­ren. Aber um die Inhalte des Kur­ses soll es hier nicht gehen, son­dern viel­mehr um den Grund, warum ich drei Wochen mei­nes kost­ba­ren Urlaubs opfere, um mich mit den Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mern und den ande­ren Kurs– und Aka­de­mie­lei­tern in eine selbst­ge­wählte Klau­sur zu bege­ben: die Lei­den­schaft, die Inten­si­tät, die Ener­gie und die Lust am Ler­nen, die hier in der Luft liegen.

Ich habe mein Stu­dium geliebt, ein­fach weil es mir die Mög­lich­keit bot, mich mehr oder weni­ger in mei­nem eige­nen — recht schnel­len — Tempo mit ganz unter­schied­li­chen The­mena aus­ein­an­der­zu­set­zen: von der Ein­füh­rung in SPSS, die ich sel­ber gehal­ten habe, direkt zur Kal­ku­la­tion von Lebens­ver­si­che­run­gen; von dort zur euro­päi­schen Sozi­al­po­li­tik und über Wirt­schafts­rus­sisch hin zu einem Tuto­rium zur Ein­füh­rung in die Metho­den der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung. Alles an einem Tag. Viel­fäl­tige The­men, moti­vierte Men­schen, schnelle Tak­tung, klare Erwar­tun­gen, hoher Anspruch — Ler­nen um des Ler­nens Wil­len — das ist das Feld in dem ich mich wohl­fühle und mich tummle wie ein Fisch im Was­ser. Wie anders dage­gen die moderne Uni­ver­si­tät und der damit ver­bun­dene For­schungs­be­trieb: Immer tie­fere und tie­fere Spe­zia­li­sie­rung, die den Blick nach Links und Rechts ver­engt, die Arbeit gerich­tet auf bestimmte Kenn­zah­len — Impact Fac­tor, Zita­tio­nen — und die Angst bloß kei­nem der anony­men Gut­ach­ter auf die Füße zu tre­ten. Ähn­li­ches gilt in der Lehre: über­füllte Semi­nare oder wenig moti­vierte Stu­die­rende, denen wich­ti­ges Vor­wis­sen fehlt, reine Ori­en­tie­rung auf die Prü­fung und ein enger Rah­men der didak­ti­schen Mög­lich­kei­ten. Natür­lich macht mir das Leben an der Uni Spaß, ich bin gerne dort und arbeite an mei­nen Papern oder an der Orga­ni­sa­tion unse­res Pro­jekt, aber ab und an brau­che ich den Kick die­ser Inten­si­tät, die sich trotz ihres engen Takts nach Frei­heit anfühlt. Die sich ein­fach rich­tig anfühlt und die für mich viel näher an dem huma­nis­ti­schen Bil­dungs– und Uni­ver­si­täts­ideal liegt, als das, was aktu­ell an unse­ren Unis passiert.

Und dann sind da natür­lich auch noch die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer, die als unbe­kannte Gesich­ter das Gelände am ers­ten Tag betre­ten, und die man am letz­ten Tag als Per­sön­lich­kei­ten mit Lei­den­schaf­ten und Eigen­hei­ten, in das nor­male Leben wie­der ent­las­sen muss. Ich bin immer wie­der fas­zi­niert davon, wie moti­viert die Leute sind, die zu Beginn meist nicht wis­sen, wor­auf sie sich mit ihrer Anmel­dung ein­ge­las­sen haben, die jedoch meist sehr schnell mer­ken, wel­che Mög­lich­keit ihnen diese Aka­de­mie eröff­net und die am Ende durch die Bank am liebs­ten gar nicht mehr heim­fah­ren würden.

Wäh­rend andere sich also auf Aben­teu­er­rei­sen oder per Fall­schirm ihren Kick an Inten­si­tät beschaf­fen, ist es für mich die Mit­ar­beit in die­sem intel­lek­tu­el­len Hoch­druck­kes­sel, die mich zwar kör­per­lich aus­laugt, aber men­tal immer wie­der erfrischt und neu moti­viert. Das war diese Jahr also sicher­lich nicht mein letz­tes Mal…

Alles kann. Wirklich?

Eigent­lich sollte Frei­heit doch bedeu­ten, dass eigene Leben mehr oder weni­ger an dem ori­en­tie­ren zu kön­nen, wofür man sich begeis­tern kann und was einem Spaß macht. Wenn da nicht die Not­wen­dig­keit wäre, auf die eine oder andere Weise Geld und Brot für sich und seine Fami­lie ein­wer­ben zu müs­sen. Einen her­vor­ra­gen­den Arti­kel dazu — der gleich­zei­tig auch noch den neu­er­lich Start-Up-Boom hin­ter­fragt und nach dem tat­säch­li­chen Wert der Arbeit von Web­de­ve­l­opern fragt — hat James Somers im Aeon Maga­zine ver­öf­fent­licht. Denn eigent­lich wäre er gerne Autor…

Are coders worth it?

And so des­pite my esteem for the high chal­lenge of wri­t­ing, for the reach of the wri­terly life, it’s not some­thing anyone actually wants me to do. The Ame­ri­can mind has made that very clear, it has said: ‘Be a spe­cia­li­sed some­thing — fill your head with the zeit­geist, with the tech­ni­cal — and we’ll write your ticket.
I don’t have the cou­rage to say no to that. I have fai­led so far to escape the sweep of this cheap and paro­chial thing, and it’s because I’m afraid. I am an awfully medi­o­cre pro­gram­mer — but, still, I have a secure future. More than that, I have a place at the table. In the mornings I wake up kno­wing that I make some­thing people want. I know this because of all the money they give me.

Manch­mal habe ich das Gefühl, dass für das wis­sen­schaft­li­che Leben Ähn­li­ches gilt…

Oldenburg 24/7

Seit mitt­ler­weile mehr als 5 Jah­ren ist das schöne Olden­burg meine Hei­mat der Wahl. Nach Essen im Ruhr­pott und dem süßen Bam­berg in Ober­fran­ken also meine dritte län­ger­fris­tige Sta­tion — und ich fühle mich äußerst wohl hier. Um euch einen klei­nen Ein­druck von der Stadt zu geben, gibt es heute ein Video von Kai Schesna (muf­fin­me­dia), das im Zeit­raf­fer einen ganz nor­ma­len Tag (ich ver­mute Sams­tag) in Olden­burg beglei­tet (im Zwei­fel, Seite neu laden):

Olden­burg 24/7 from .muf­fin­me­dia on Vimeo.

re:publica 2013 — Videos, Videos, Videos

Die­ses Jahr gab es auf der re:publica nicht nur einen Livestream von Bühne 1, wie letz­tes Jahr, son­dern Auf­zeich­nun­gen von nahezu allen Ver­an­stal­tun­gen, die Michael Kreil in einer sehr schö­nen Über­sicht zusam­men­ge­fasst hat. Hier daher Auf­zeich­nun­gen von drei der bes­ten Ses­si­ons, die ich besucht und von denen ich auch bereits berich­tet habe (im Zwei­fel, Seite neu laden):

YouTube macht die Stars von heute:

Media­ted Life after Virtualization

Netz­ge­müse

Natür­lich eig­nen sich die Auf­zeich­nun­gen auch für mich her­vor­ra­gend, ver­passte Ses­si­ons nach­zu­ho­len. Sicher dabei sein wer­den beispielsweise:

re:publica 2013 — Mein dritter Tag

Das war also Tag Numero Drei und damit auch der letzte Tag der dies­jäh­ri­gen re:publica. Zusam­men­fas­sen lässt er sich wohl am bes­ten mit dem Wort “müde”: Keine Ahnung warum, aber ich bin heute mor­gen weit vor dem Wecker auf­ge­wacht, konnte nicht mehr ein­schla­fen, habe mich aber trotz­dem den gan­zen Tag tie­risch KO gefühlt…

Aber natür­lich waren da auch noch äußerst span­nende, aber dies­mal auch wie­der weni­ger inter­es­sante Ses­si­ons, die mich durch den Tag beglei­tet haben:

Ses­sion 1: Street fight­ing data sci­ence (@jebenno, @furukama)

Den Anfang machte heute die ver­mut­lich inspi­rie­renste Ses­sion die­ser re:publica über die “dre­ckige” Kunst der Data Sci­ence, in der sich sta­tis­ti­sches Wis­sen, inhalt­li­che Kennt­nisse über das betrach­tete Feld mit “Hacking Skills” zusam­men­tun. Hier wer­den alle mög­li­chen For­men von Daten genutzt, um einen Kor­pus zu bil­den, auf dem dann unter­schied­lichste sta­tis­ti­sche Ana­ly­sen gefah­ren wer­den kön­nen, ohne dass dabei die strenge wis­sen­schaft­li­che sta­tis­ti­sche Methode in allen ihren For­de­run­gen nach Zufalls­stich­pro­ben und Reprä­sen­ta­ti­vi­tät im Hin­ter­grund steht.

Viel­mehr geht es darum, Mus­ter in den vor­han­de­nen Daten zu erken­nen und diese dazu zu benut­zen, Ent­wick­lun­gen bes­ser zu ver­ste­hen und mög­li­cher­weise sogar her­vor­zu­sa­gen. Dabei ist die Ana­lyse an sich mehr oder weni­ger inhalts­leer, weil sie sich nur auf Kor­re­la­tio­nen oder Ver­knüp­fun­gen zwi­schen Daten­punk­ten fokus­sie­ren, ohne deren Bedeu­tung auch nur zu ken­nen. Auf diese Weise erge­ben sich äußerst span­nende Mög­lich­kei­ten wie zum Bei­spiel die Vor­her­sage der deut­schen Arbeits­lo­sen­zahl anhand der Google-Suchen nach “Wohn­geld­ta­belle” (für die Sta­tis­ti­ker: r2 = 0,89).

Mit ist dabei, mal wie­der, deut­lich gewor­den, wie sehr die an sich sehr sinn­vol­len und wich­ti­gen stren­gen Regeln der wis­sen­schaft­li­chen Sta­tis­tik uns daran hin­dern, aus den Daten, die bereits da drau­ßen irgendwo sind, span­nende Ergeb­nisse zu erzeugen.Wahrscheinlich wäre es auch für die quantitativ-empirische Sozio­lo­gie sehr gewinn­brin­gend, mit sol­chen “dre­cki­gen” Tech­ni­ken einen Ein­blick in Fel­der zu gewin­nen, die ansons­ten einer quan­ti­ta­ti­ven Ana­lyse kaum offen stehen.

Ses­sion 2: Ler­nen Ler­nen ler­nen im per­sön­li­chen Lern­netz­werk (@lisarosa)

Im Anschluss ging es wei­ter mit einem Ein­blick in die Anfor­de­run­gen an das Ler­nen im 21. Jahr­hun­dert. Ging es im 19. Jahr­hun­dert in ers­ter Linie darum, Stoff zu ler­nen, und im 20. darum, das Ler­nen an sich zu ler­nen, stellt Lisa Rosa die These in den Raum, dass es im 21. Jahr­hun­der darum gehen muss, dass Ler­nen Ler­nen zu ler­nen. Also immer aufs neue in der Lage zu sein, sich in einer ver­än­dern­den Umwelt anzu­pas­sen und neu zu orientieren.

Sie geht das Thema dabei aus einer sehr stark systemtheoretisch-sozialkonstruktivistischen Per­spek­tive an und sieht als Kern­ziel des Ler­nens die Fähig­keit, der Welt einen eige­nen Sinn abzu­ge­win­nen — in stän­di­ger Kom­mu­ni­ka­tion, Inter­ak­tion und Ver­net­zung. Sie spricht damit impli­zit der Idee kano­ni­schen Wis­sens oder einer gesell­schaft­lich geteil­ten Wis­sens­grund­lage die Exis­tenz­be­rech­ti­gung ab und fällt damit genau in die Falle, die die bei­den zugrun­de­lie­gen­den Theo­rien bieten:

Sie über­sieht, dass Gesell­schaft zum Funk­tio­nie­ren eine gewisse geteilte Grund­lage braucht, die nicht bei jeder Gele­gen­heit hin­ter­fragt wer­den und neu aus­ge­han­delt wer­den kann: So scheint es wenig sinn­voll, dass sich jeder Ein­zelne ein eige­nes Ver­ständ­nis der Grund­la­gen der Mathe­ma­tik oder der Logik erar­bei­tet. Hier gibt es Regeln und Algo­rith­men, die aus gutem Grund so sind, wie sie sind. Das heißt nicht, dass sie unan­tast­bar wären, aber dass es ein wirk­li­ches Ver­ständ­nis ihrer Hin­ter­gründe wesent­lich kom­ple­xer ist, als es dem Ler­nen­den in dem Moment erscheint, in dem er glaubt, alles ver­stan­den zu haben.

Das heißt nicht, dass ich Lisa Rosa im Grund­satz wider­spre­che, son­dern nur, dass ich ihre Gedan­ken eher als pro­vo­kante theo­re­ti­sche Gegen­po­si­tion ver­stehe und weni­ger als eins-zu-eins umzu­set­zende Handlungsvorschläge.

Die anschlie­ßen­den bei­den Ses­si­ons zu Daten­be­frei­ung selbst gemacht und Fue­ling your app with dyna­mic Open Data habe ich dann nur in Aus­schnit­ten mit­be­kom­men, die mich zwar noch neu­gie­ri­ger auf das Thema Data Sci­ence gemacht haben, inhalt­lich jedoch für mich weni­ger anschluss­fä­hig waren.

Ses­sion 3: Raus aus der Rolle (@raulde, @lysairvue)

Spon­tan bin ich dann in einer Dis­kus­si­ons­runde mit Schau­spie­ler Erwin Aljukic, Mode­ra­to­rin und Poe­try Slam­me­rin Ninia Binias und Schau­spie­ler und Komi­ker Mar­tin Fromme gelan­det, die sich mit der Posi­tion behin­der­ter Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler in Deutsch­land aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Kon­tro­vers ging es hier logi­scher­weise nicht zu, aber es gab doch zwei durch­aus span­nende Punkte: So for­der­ten alle auf dem Panel, dass behin­derte Schau­spie­ler nicht nur für Rol­len besetzt wer­den, die über ihre Behin­de­rung defi­niert sind, son­der auch für ganz “nor­male” Rol­len, in denen es schlicht und ein­fach egal ist, dass der Schau­spie­ler kör­per­lich nicht der Norm entspricht.

Eng damit ver­bun­den war der zweite Punkte, dass es in Deutsch­land weni­ger das Publi­kum ist, wel­ches mit sol­chen Beset­zun­gen ein Pro­blem hätte, son­dern viel­mehr die Macher, die ein­fach nicht auf die Idee kom­men, die Rolle einer Kom­mis­sa­rin oder einer Ehe­manns mit einer Behin­der­ten zu beset­zen ohne dass dies das Dreh­buch unbe­dingt vor­schreibt. Spannend.

Ses­sion 4: Wie das Inter­net lite­ra­ri­sches Schrei­ben ver­än­dert (@freval@vergraemer)

Anschlie­ßend ging es mit zwei Auto­ren um die Frage, wie sich das lite­ra­ri­sche Schrei­ben durch das Inter­net ver­än­dert. Dabei stand vor allem die Geschichte von Jan-Uwe Fitz im Mit­tel­punkt, des­sen fik­tive Twitter-Figur, der Tau­ben­ver­grä­mer, es mitt­ler­weile zur Haupt­fi­gur in zwei Bücher geschafft hat, die nur dem Buch­co­ver nach Romane sind. Die für mich zen­trale These war dabei, dass das Schrei­ben auch in sei­ner lite­ra­ri­schen Form prä­zi­ser und knap­per wer­den muss, da es kei­nen Raum für — bei­spiels­weise — lange  Land­schafts­be­schrei­bun­gen lässtt, die sich gerade im Digi­ta­len ein­drucks­vol­ler und prä­zi­ser mit einem Foto oder einer Abbil­dung leis­ten ließen.

Auch wenn hier einige span­nende Gedan­ken dabei waren, wurde ich das Gefühl nicht los, dass Fre­de­ric Valin ein wenig zu sehr von einer Geschichte und auch viel­leicht sei­nem per­sön­li­chen Schrei­ben auf eine grund­sätz­li­che Ver­än­de­rung schließt. Denn immer­hin gibt es auch immer noch Werke epi­schen Aus­ma­ßes, ich erin­nere nur an George R.R. Mar­tins Game of Thro­nes, J.K. Row­lings Harry Pot­ter oder auch die (unsäg­li­che) Twilight-Reihe. Das High­light die­ser Ses­sion waren daher die äußerst unter­halt­sa­men Anek­do­ten von Jan-Uwe Fitz.

Ses­sion 5: It’s not a fax machine con­nect to a waffle iron (@doctorow)

Die Rede des britisch-kanadischen Netz­ak­ti­vis­ten, Jour­na­lis­ten und Science-Fiction-Autors zielte, für mich über­ra­schend, in ers­ter Linie auf die bösen Sei­ten des all­ge­mei­nen DRM-Wahns ab: So stellte er dar, wie der Ver­lust an Inter­ope­ra­bi­li­tät bei­spiels­weise bei DVDs diese nach und nach ent­wer­tet und wies anschlie­ßend auf die Gefahr hin, die DRM-Systeme für die Inte­gri­tät von Com­pu­ter­sys­te­men dar­stel­len, da sie not­wen­di­ger­weise ver­steckt ablau­fen müs­sen und sich damit einer Kon­trolle durch den Inha­ber eines Com­pu­ters ent­zie­hen. So schaffte Doc­to­row es am Ende dann auch noch­mal den Bogen zurück zu schla­gen, zu der Dis­kus­sion um Com­pu­ter, das Netz und Freiheit.

Auch wenn der Vor­trag ins­ge­samt wenige kon­krete neue Argu­mente oder Ideen ent­hielt, bot er doch eine unter­halt­same, poin­tierte und sehr prä­zise Zusam­men­fas­sung zahl­rei­cher aktu­el­ler Pro­bleme im Bereich der Netz-Regulierung und war damit ein her­vor­ra­gen­der Kurz-vor-Schluss-Punkt. Ich frage mich aller­dings, warum es kaum deut­schen Red­ner gibt, die mit einer ähn­li­che Verve, Witz, Prä­zi­sion und Emo­tion für die Sache der “Netz­ge­meinde” auf­tre­ten kön­nen. Damit wäre uns schon wesent­lich geholfen.

Ses­sion 6: A Map of Ever­y­where You Go Outs­ide (Sophia New, Daniel Belasco Rogers)

Für mei­nen re:publica Abschluss sorg­ten dann zwei in Ber­lin lebende bri­ti­sche (Medien-)Künstler, die seit eini­gen Jah­ren jeden ihrer Schritte außer Haus mit einem GPS-Gerät auf­zeich­nen und nun begin­nen, die gewon­nen Daten zu visua­li­sie­ren und für sich aus­zu­wer­ten. So zeig­ten sie bei­spiels­weise, wie sich anhand der von ihnen auf­ge­zeich­ne­ten Pfade die Gren­zen Ber­lins und seine zen­tra­len Ver­kehrs­adern iden­ti­fi­zie­ren las­sen und wie sich ihre Wege durch ver­schie­dene Umzüge inner­halb der Stadt ver­än­dert haben. Diese Visua­li­sie­rung all­täg­li­cher Bewe­gung im Raum ist für mich natür­lich beson­ders inter­es­sant, weil ich mich mit eben die­ser Mobi­li­tät auch wis­sen­schaft­lich befasse. In die­ser Ses­sion gab es aber wenig Theo­rie, son­dern ein sym­pa­thi­sches Paar und einen alter­na­ti­ven Blick auf unse­ren Alltag.

Das war sie dann also, meine zweite re:publica. Ins­ge­samt fahre ich mor­gen wohl mit einem ähn­li­chen Gefühl gen Hei­mat wie bereits letz­tes Jahr: Die re:publica ist sicher­lich keine Ver­an­stal­tung die mich beruf­lich vor­an­bringt oder von der neue große Ein­sich­ten zu erwar­ten sind, son­dern viel­mehr eine gigan­ti­sche netz-optimistische Echo­kam­mer, in der es viele span­nende und inspi­rie­rende Nischen zu ent­de­cken gibt. Für mich ging es, gerade ges­tern und heute, daher eher darum, neue Blick­win­kel und Per­spek­ti­ven zu erle­ben und meine Gedan­ken in Sachen “Netz” wie­der ein wenig durch­ein­an­der zu wür­feln und in neue Rich­tun­gen zu len­ken. Dies ist der re:publica gerade mit den Ses­si­ons zu YouTube-Stars am ers­ten Tag, zum Media­ted Life after Vir­tua­liza­tion ges­tern und schließ­lich heute zu Data Sci­ence auch wie­der vor­treff­lich gelun­gen. Wei­ter Blog­bei­träge zu die­sen The­men und zu ande­ren sind also nicht ausgeschlossen.

Zum Abschluss bleibt mir nur noch, den Orga­ni­sa­to­ren, Refe­ren­tin­nen, Hel­fern und Teil­n­e­he­rin­nen zu dan­ken und mich auf die Auf­zeich­nun­gen der inter­es­san­ten Ses­si­ons zu freuen, die ich lei­der ver­passt habe.