Wir sind Helden: Musikkarriere und Familie

Ich bin ja schon seit Langem ein großer Fan von Wir sind Helden und war entsprechend gespannt auf das neue Album Bring mich nach Hause, das vor ein paar Tagen endlich erschienen ist. Nachdem ich von Soundso nicht wirklich begeistert war, war ich auch hier beim ersten, zweiten und dritten nebenbei Hören skeptisch. Aber wenn man mal auf die Texte achtet und die Musik ein wenig genauer auf sich wirken lässt, können die Helden hier doch wieder wirklich gefallen. Wesentlich weniger fröhlich und aufgedreht sondern nachdenklich und melancholisch entführen sie einen in ihre musikalischen Sprachspiele. Über die Hintergründe des neuen Stils und die Frage, wie man eine Tour mit insgesamt drei Kindern vereinbart, gibt es jetzt bei SpiegelOnline eine äußerst interessante Kurzreportage: Stillen oder Zugabe.


Affen sind genauso irrational wie Menschen

Dass Menschen keineswegs immer rational handeln ist spätestens seit der Entwicklung der Prospect Theory von Daniel Kahneman und Amos Tversky bekannt und akzeptiert. Dass die psychologischen Prozesse, die uns daran hindern, uns “vernünftig” zu entscheiden nicht spezifisch für den Menschen sind, zeigt Laurie Santos anhand von Experimenten mit Affen – den Monkeynomics:


Homöopathisches Placebo

Aktuell wird ja mal wieder heiß über Homöopathie diskutiert und gefordert, gesetzliche Krankenkassen dürften entsprechende Behandlungen nicht länger bezahlen. Das Argument dafür ist ganz einfach: So wird angeführt (ob es stimmt oder nicht, kann ich nicht fundiert sagen), es gebe keine wissenschaftlichen Studien, die eine Wirksamkeit homöopathischer Behandlungen belegen. Zudem sei bis heute keine wissenschaftliche Grundlage für die Wirkweise homöopathischer Behandlungen bekannt. Während man letzteres Argument recht einfach mit "man wusste auch lange nicht, warum Aspirin wirkt" widerlegen kann, wiegt das Problem der bisher nicht nachgewiesenen Wirksamkeit schwerer.

Betrachtet man es jedoch genauer, wird genau daraus jedoch ein Argument, warum solche Behandlungen eben doch ihre Berechtigung haben. Studien zu der Wirksamkeit medizinischer Behandlungen beziehen sich in ihrer Bewertung nämlich nicht auf die Frage "Wirkt es oder wirkt es nicht?", sondern auf die Frage "Wirkt es besser als ein Placebo?". Die zitierten Studien weisen demnach wohl nach, dass homöopathische Mittel nicht besser wirken, als ein Placebo. Den Wirkungsgrad eines solchen erreichen sie aber anscheinend schon. Was sagt uns das jetzt über das Verhältnis von Schulmedizin und Homöopathie (ebenso wie anderen alternativen Heilmethoden) und ob Kassen solche Behandlungen tragen sollten?

Pure Placebo-Behandlungen sind in unserem Gesundheitssystem schwer umzusetzen, weil der Patient natürlich ein Recht darauf hat, zu wissen, was er verschrieben bekommt und welche Inhaltsstoffe darin enthalten sind. Weiß er jedoch, dass er nur ein Placebo bekommt, lässt dessen Wirkung nach, weil diese gerade auf dem Glauben besteht, ein wirksames Medikament zu bekommen. Alternative Heilmethoden bieten hier auch dem Skeptiker eine elegante Möglichkeit: Sie bieten ein fest etabliertes Glaubenssystem, in dem der Patient glaubt, dass das, was er verschrieben bekommt, ein wirksames Medikament ist. Dann setzt der Placebo-Effekt ein und das Medikament wirkt tatsächlich. Warum genau, mag dann für den Wissenschaftler interessant sein, nicht aber für den Patienten. Auf diese Weise eröffnet sich der (Schul-)Medizin eine neue Behandlungsmöglichkeit, die ihr vorher nicht offen stand – die Behandlung mit (aus ihrer Sicht) Placebos.

Gefährlich und unvernünftig wird das erst dann, wenn alternative Heilmethoden als Ersatz für eine wichtige schulmedizinische Behandlung eingesetzt werden. Wenn sie als Ergänzung angewandt oder dann durchgeführt werden, wenn eine Behandlung mit herkömmlichen Methoden (mit all ihren potenziellen Nebenwirkungen) nicht unbedingt notwendig ist (Erkältung, Kopfschmerzen) oder nicht zum Erfolg führt (Rückenschmerzen, Allergien), stellt sie in meinen Augen eine gute und wichtige Ergänzung dar. Gerade auch bei Krankheiten, die über eine psychosomatische Komponente verfügen.

Artikel zum Weiterlesen:


manomama: Respekt!

Nachdem ich diese Rubrik leider nach drei Ausgaben 2008 habe einschlafen lassen, will ich sie in Zukunft mal wieder ab und an ausgraben, und euch Menschen oder Unternehmen vorstellen, die in meinen Augen besonderen Respekt verdienen. Heute möchte ich euch daher die neue Augsburger Modefirma manomama kurz vorstellen:

Kleidungsstücke werden heute zumeist am anderen Ende der Welt unter Einsatz billiger Arbeit, billiger Rohstoffe und vieler Chemikalien produziert. Die Augsburgerin Sina Trinkwalder, lang Zeit Leiterin einer Werbeagentur, wollte sich dies nicht länger ansehen und versucht nun mit manomama saubere Kleidung zu produzieren: von den Rohstoffen über den Umgang mit den Näherinnen bis hin zu einer zentralisierten Produktion in Augsburg. Dementsprechend sieht die Gründerin manomama weniger als klassisches Unternehmen, sondern als “Versuch, etwas zu unternehmen”. Sehr bezeichnend für ihren Einsatz finde ich die folgende Aufforderung auf der Webseite von manomama:

Besonders wichtig ist uns dabei, dass unsere Näherinnen nicht zu anonymen Fertigerinnen degradiert werden, sondern ihr mit jedem Produkt auf dem Hangtag ein Autogramm bekommt. So wisst ihr nicht nur, wer das neue Lieblingsstück genäht hat, sondern könnt ihr über den darunterstehenden Link auch direkt eine kleine Nachricht zukommen lassen und die Qualität bewerten.  

Über ihren Blog und per Twitter erlaubt manomama Kunden und Freunden damit einen Blick hinter die Kulissen.

Respekt Sina und viel Erfolg für dein Unternehmen und deine Idee!


Bloß keine Herausforderung!

Wir tun einem Menschen nichts gutes, wenn wir ihm jede Herausforderung ersparen. (Joachim Gauck)

Ich habe das Gefühl, dass wir in den letzten Jahren immer mehr dazu übergangen sind, alles möglichst so zu organisieren und zu planen, dass es möglichst einfach wird. Sei es in der Schule oder an der Universität, in der Politik oder den Zeitungen: Alles muss möglichst einfach, möglichst leicht und ohne große Schwierigkeiten zu verstehen oder zu erreichen sein. Der Weg am besten vorgezeichnet und ohne Widersprüche. Alles klar definiert und kleinschrittig festgehalten, damit auch ja niemand an einer Aufgabe scheitert.

Dabei geht etwas fundamental Menschliches verloren: die Lust an der Herausforderung. Die Lust daran, die eigenen Leistungsgrenzen zu erkunden, sie zu erweitern und eben manchmal auch zu scheitern. Es gehört dazu, sich eine Aufgabe zu stellen, von der man eben nicht weiß, ob man ihr gewachsen ist, und dann zu versuchen, sie zu erfüllen. Stattdessen kommt der Ruf nach Hilfe. Sei es bei einem Freund, der Familie oder dem Staat. Klar, in manchen Situationen ist man tatsächlich auf diese Hilfe angewiesen, oft ist es aber die Mischung aus Faulheit und mangelndem Selbstvertrauen, die uns daran hindert, solch schwierige Aufgaben selbst anzugehen. Dabei ist das der einzige Weg, persönlich zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Wer die Herausforderung scheut, tritt auf der Stelle und bewegt sich nicht. Er verharrt im Bestehenden und verpasst es, sein Leben zu leben. Er stagniert.

Und deshalb müssen wir in unserer Gesellschaft wieder einen Platz für Herausforderungen schaffen. Wir müssen den Menschen das Gefühl geben, dass sie sich etwas trauen können. Wir dürfen nicht über gescheiterte Existenzen lästern, sondern müssen Experimente und Anstrengungen belohnen. Wir müssen denjenigen, die etwas versucht haben und damit gescheitert sind, Mut zusprechen, es erneut zu versuchen. Hilfe muss in fast allen Fällen Hilfe zur Selbsthilfe sein.


Fußball fürs Volk!

Es sieht nicht gut aus in Deutschland, Europa und der Welt: Im Golf von Mexiko strömt immer noch das Öl ins Meer, in Spanien droht ein Generalstreik, in Belgien gewinnen die Separatisten die Wahl, in den Niederlanden treibt ein Rechtspopulist die etablierten Parteien vor sich her und in Deutschland zerbrechen die ersten gesetzlichen Krankenkassen. Unsere Regierung wirkt bei dem Ganzen wie ein überforderter Kindergarten: Sie ergeht sich lieber in persönlichen Scharmützeln oder hofft auf nebulöse “globale Minderausgaben”, um ein beispielloses Sparpaket umzusetzen, das kaum jemand außerhalb von CDU, CSU und FDP für sozial gerecht hält, als überlegt, reflektiert und mit gesundem Menschenverstand die Probleme Deutschlands anzugehen.

Aber wen interessiert das denn? Seit Freitag ist doch Fußball-WM! Wenn am anderen Ende der Welt knapp 640 Feldspieler dem Ball hinterherlaufen und 96 Torhüter mit Glanzparaden durch den Strafraum hechten, können uns solche Lappalien doch egal sein. Wenn Khedira und Schweinsteiger das deutsche Spiel kontrollieren, Özil die perfekte 10 spielt, Thomas Müller der Shootingstar des Eröffnungsspiels ist und sogar Miro Klose wieder trifft, wen interessieren da die Langweiler in Berlin? Und so verschwinden alle Themen, die letzte Woche noch unsere Nachrichten dominiert haben aus der öffentlichen Wahrnehmung und ganz Deutschland kennt nur noch Fußball, Fußball, Fußball. Warum auch nicht? Fußball ist spannend, emotional und mitreißend. Er ist (manchmal) überraschend, abwechslungsreich und macht einfach Spaß. Man fühlt sich als Teil einer Gruppe, fiebert auf vollen Fanmeilen mit der Nationalmannschaft und kann am Ende sogar jubeln. Alle ziehen an einem Strang und geben ihr Bestes. Man hat das Gefühl, dass etwas passiert, sich etwas bewegt und verändert – und zwar zum Besseren.

Wie anders wirkt die Politik der letzten Monate und Jahre: Stillstand pur. Kein Elan, kein Ruck, noch nicht mal eine einheitliche Sprache. Heute “Hü”, morgen “hott”. Und immer negativ: Extremismus, Krise, Sparpaket. Keine Gestaltung, keine Bewegung. Politik ist mittlerweile weit, weit weg von den Menschen. Sie schwebt in einem eigenen Kosmos mit einer eigenen Logik, den niemand mehr versteht. Es ist für die Menschen nicht nachvollziehbar, wie die Mehrwertsteuer für Hoteliers gesenkt und gleichzeitig das Elterngeld für HartzIV-Empfänger gestrichen werden kann. Und sie fühlen sich machtlos: Nach den Wahlen haben die Wähler keine Chance mehr, ernsthaft in die Entscheidungen der Regierung und des Parlaments einzugreifen. Sie müssen das, was passiert, hinnehmen und haben erst in drei Jahren wieder die Chance, ihre Meinung kundzutun. Und da haben sie dann die Wahl zwischen denen, die jetzt “dran” sind, und denen, die bis letztes Jahr mit “dran” waren. Da ist keine Möglichkeit, Gestaltung, Kreativität und Fortschritt zu wählen. Nur alte Männer und Frauen, die sich ihre Politik dem Augenschein nach von Lobbyisten diktieren lassen.

Da kann man es doch niemandem verübeln, der sich lieber in ein Trikot wirft und mit tausenden Anderen der Nationalmannschaft zujubelt, der lieber über Gomez’ Form- als über Merkels Führungsschwäche diskutiert und unfaire Schiedsrichterentscheidungen wichtiger findet als unfaire Sparpakete. Die Politik darf sich dann aber auch nicht wundern, wenn wie in Belgien und den Niederlanden, extremistische Parteien an Zulauf gewinnen und die Wahlbeteiligung von Jahr zu Jahr sinkt. Und niemanden darf es überraschen, wenn in den nächsten Jahren die Sozialsysteme in Deutschland kollabieren, der Euro immer schwächer wird und unser Wohlstand sich in Luft auflöst. Aber hey, Deutschland wird Weltmeister – zumindest im Fußball.

Jetzt aber Schluss für heute. Gleich kommt Italien gegen Paraguay.


Wie verstecke ich unliebsame politische Entscheidungen?

Heute beginnt die Sparklausur der Regierungskoalition, in der die Einschnitte und Steuererhöhungen ausgearbeitet werden sollen, die das Fundament des ersten von sechs(!) Sparhaushalten der Bundesrepublik darstellen werden und SpiegelOnline berichtet über einige Punkte, die bereits im Vorhinein feststehen sollen. Darunter findet sich ein spannendes Beispiel, wie die Regierung eigene Verantwortlichkeit auf Behörden und Verwaltungseinrichtungen verlagern will, um ja nicht selber als Kürzer der Arbeitslosenunterstützung gebrandmarkt zu werden:

Zwei Milliarden Euro sollen allein dadurch gespart werden, dass die Bundesagentur für Arbeit Leistungen an Arbeitslose künftig vermehrt nach eigenem Ermessen verteilen kann und nicht mehr durch gesetzliche Vorgaben gebunden sein wird. Im Jahr 2014 könnte diese Maßnahme dann schon sechs Milliarden Euro oder mehr bringen.

Da bin ich doch ein wenig stutzig geworden. Wie soll bitte eine Verteilung per Ermessensentscheidung vor Ort weniger Geld verbrauchen, als eine gesetzlich geregelte? Die Anpassung an lokale Umstände und den Einzelfall gilt zwar allgemein als sinnvolle und wünschenswerte Art, Gelder zu verteilen, kostet nach meinem Verständnis aber eher mehr Geld, da die Berater in Einzelgespräch und persönlichem Kontakt sicherlich etwas freigiebiger sind als das unpersönliche Gesetz. Eine Sparmaßnahme wird erst dann daraus, wenn die lokalen Agenturen unter einen Sparzwang gestellt werden. Dann haben die Berater und insbesondere die Leitung auf einmal einen starken Anreiz, Geld zu sparen und den Arbeitslosen die Maßnahmen, auf die sie früher noch einen gesetzlichen Anspruch hatten, als “Ermessensentscheidung” zu verweigern, um Budgets und Vorgaben einzuhalten. So kann man dann tatsächlich Geld sparen.

Die Politik ist damit aus dem Schneider, da sie nicht mehr gesetzlich an den Maßnahmen schrauben und sich damit der öffentlichen Debatte stellen muss. Vielmehr können heimlich still und leise die Budgetvorgaben an die Agenturen angepasst werden, die dann immer weniger Maßnahmen genehmigen können/wollen/werden…


Ursula von der Leyen: Not my president

Nachdem sich mittlerweile die Gerüchte verdichten, dass die CDU ernsthaft erwägt, Ursula von der Leyen als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt zu nominieren, muss ich an dieser Stelle gleich meinen Protest dagegen kundtun:

 

notmypresident

Wer dermaßen demagogisch und wider besseren Wissens mit Unwahrheiten Wahlkampf betreibt und die Meinung der jungen, hoch gebildeten Generation  mit Füßen tritt, den kann ich einfach nicht als Bundespräsidentin akzeptieren.

(Danke für das Bild an netzpolitik.org)


  • Nils Müller

    Ich bin als denkender Mensch, Soziologe, Internet-, Bücher- und Kinofan im Netz und im Leben aktiv. Hier teile und diskutiere ich meine Gedanken mit euch. Lest einfach los, hinterlasst mir Kommentare oder schreibt mir Mails. Mehr über mich gibt es auf nilsmueller.info und mehr von mir auf der kritischen Seite und bei Twitter.
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