Howard Rheingold über die Freiheit des Internets

Wenn das Potential virtueller Gemeinschaften voll ausgeschöpft werden soll, müssen mehr Menschen von seinen Möglichkeiten erfahren und lernen, damit umzugehen, solange noch die Freiheit dazu besteht. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß Leute mit wirtschaftlicher und politischer Macht einen Weg finden, den Zugang zu den virtuellen Gemeinschaften zu kontrollieren.

Dieses Zitat entstammt nicht etwas der aktuellen Debatte um Netzneutralität oder Internetzensur, sondern von Seite 15 von Howard Rheingolds Buch Virtuelle Gemeinschaft (The Virtual Community) aus dem Jahr 1993! Es hat eine Weile gedauert aber selbst eine Internetnutzung von gut 67% der Deutschen (netzpolitik.org) hindern die Politik nicht daran, zum Schlag gegen das freie Internet auszuholen: Leistungsschutzrecht (netzpolitik.org, netzwertig.com), Three-Strikes-Regelung und der aktuell vorliegende Gesetzentwurf zur Reform des Jugendschutzes (AK Zensur, 1&1, eco (pdf))  lassen grüßen.


Die Freiheit der Normalität

Eigentlich wollen wir doch alle irgendwie berühmt werden. Jeder hat mal davon geträumt, Profi-Fußballer oder Rockstar zu werden. Zu verlockend ist die Vorstellung: Ruhm, Ansehen, Geld, High-Society, Luxus, Reisen – alles Teil des Pakets. Dass es auch Schattenseiten dieses öffentlichen Lebens gibt, in dem kein Moment unbeobachtet und keine Schwächephase unkommentiert und unhinterfragt bleibt, blenden wir meistens aus. Spätestens der Freitod von Robert Enke sowie die gerade erschienenen Biographien von Sebastian Deisler und André Agassi sollten und das jedoch deutlich vor Augen geführt haben. Einen spannenden Bericht über Tobias Rau, der als großes Talent galt und sieben Mal in der Nationalmannschaft gespielt hat, gibt es bei Spiegel Online: Tobias Rau ist wie ausgewechselt. Er entschied sich Mitte 2009, seine Fußballkarriere zu beenden und an der Universität Bielefeld zu studieren: Sport und Pädagogik. Nun genießt er die Freiheiten des Studentenlebens, das Fehlen des alltäglichen Drucks und ein Gefühl von Gemeinschaft, die nicht auf Ehrgeiz und Leistung basiert.

Für mich verdient diese Entscheidung viel Respekt. Sie zeigt aber auch, dass das, was wir als erstrebenswert und hochwertig erachten, seinen Zauber verliert, wenn man es erreicht hat. Dann merkt man, wie der öffentliche Druck einen zermürbt, ein durchgeplanter Tag ermüdet und der ständige Konkurrenzkampf die Freude an der Sache in den Hintergrund drängt. Ich denke, dass viele in dieser Falle stecken und sich nicht trauen, den entscheidenden Schritt zu gehen, das von außen so glamourös und traumhaft erscheinende Leben hinter sich zu lassen, um da ihr Glück zu suchen, wo es echte Freiheit gibt: In der Normalität.


Weinberger: Die dreifache Ordnung

Im März werde ich in der Nähe von Wilhelmshaven einen Vortrag darüber halten, wie das Internet unsere Gesellschaft verändert hat, sie immer noch verändert und sie in Zukunft verändern wird. Um mich darauf vorzubereiten, habe ich mich in den letzten Wochen ein wenig ausführlicher mit einigen “klassischen” Büchern zum Thema Internet auseinandergesetzt und möchte euch in der nächsten Zeit hier ein paar besonders interessante Überlegungen daraus vorstellen.

Den Anfang macht David Weinbergers Buch Das Ende der Schublade – Die Macht der neuen digitalen Unordnung (im Original: Everything is Miscellaneous. The Power of the New Digital Disorder). Darin erläutert er gleich am Anfang drei unterschiedliche Arten von Ordnung, die sich fast schon im Sinne einer evolutionären Entwicklung hintereinander stellen lassen:

  1. Die physische Ordnung: Physische Objekte müssen in der realen Welt in irgendeiner Form angeordnet werden. Bücher alphabetisch im Regal, Obst nach Sorten getrennt in großen Kisten oder Briefumschläge nach Größe im Regal des Schreibwarenladens. Dabei kann jedes Objekt immer nur an einem Ort stehen und demzufolge nur in eine Ordnung eingebettet sein. Wenn ich meine Bücher alphabetisch nach ihrem Autor anordne, kann ich sie nicht gleichzeitig nach Farben sortieren.
  2. Die kategorisierte Ordnung: Ich kann einige Metadaten über Objekte sammeln, die diese beschreiben und dann diese Metadaten sortieren. Das beste Beispiel hierfür sind altmodische Bibliothekskataloge, die Karteikarten beinhalten, auf denen einige ausgewählte Informationen eingetragen sind und die sich wesentlich einfacher in unterschiedlichen Ordnungen sortieren lassen. So könnte es ein alphabetisches Register geben und eines nach Erscheinungsjahr. Auch ausführliche Kataloge, die Produkte in hunderte von ineinander verschachtelten Kategorien anordnen fallen in diese zweite Dimension der Ordnung.
  3. Die indizierte Ordnung: In dieser Ordnung werden Objekte nicht mehr in Kategorien zugeordnet oder durch standardisierte Metadaten beschrieben. Sie werden mit grundsätzlich gleichwertigen Schlagworten versehen und einfach auf einen großen Haufen geworfen. Der Computer ermöglicht es mir dann, alle Objekte, die mit einem bestimmten Schlagwort – oder einer bestimmten Kombination – versehen worden sind, herauszufiltern. Dabei wandert die Filterleistung von der Eingabe der Information hin zu der Ausgabe. Derjenige, der ein Objekt in die Sammlung einstellt, muss sich nicht mehr lange Gedanken darüber machen, in welche Kategorien er es einsortieren kann und in welche nicht, er vergibt “einfach” ein paar Schlagwörter. Der Informationssuchende wiederum muss in der Lage sein, dem großen Haufen von unsortierten Objekten durch die geschickte Nutzung der Schlagwörter die Informationen zu entlocken, die für ihn relevant sind. Die prominentesten Beispiele für diese Art der Ordnung sind Seiten wie del.icio.us und flickr.

Was bringt uns nun diese Unterscheidung? Sie macht sehr schön deutlich, dass die zunehmende Leistungsfähigkeit von Computern nicht nur ein “mehr des Alten” ermöglicht, sondern uns vollkommen neue Möglichkeiten eröffnet. Mittlerweile sind unzählige Seiten entstanden, die sich der dritten Dimension der Ordnung bedienen. Sie ermöglichen den sehr einfachen Zugriff auf umfangreiche Datenbestände, ohne dass man sich vorher in das Ordnungssystem der unterschiedlichen Angebote eindenken muss. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass auch die anderen beiden Ordnungsdimensionen immer noch ihre Berechtigung haben: Denn irgendwie muss ich das Buch in der Bibliothek ja auch an seinem physischen Standort finden und Kataloge haben den großen Vorteil, dass eine Vorab-Filterung die Übersichtlichkeit eines Datenbestandes deutlich erhöhen kann.


Eine exakte Schätzung

Dass das ein Widerspruch in sich ist, scheint den Generalsekretär der FDP nicht zu interessieren:

Wir werden die Steuerschätzung im Mai abwarten müssen. Dann können wir exakt sagen, wie viel der Staat sparen muss. (Quelle: Rheinische Post)

Hauptsache es gibt irgendeinen weit hergeholten Grund, dem Bürger die Einschnitte, die – erst recht nach dieser unverantwortlichen Steuersenkung – dieses Jahr noch kommen werden, verheimlichen zu können. Oder glauben die etwa wirklich, was sie sagen? Das würde mir wiederum noch mehr Angst machen.


Die Krise als Chance nutzen

Egal, in welchem Bereich man etwas zum Thema “Krisen” liest, immer steht ein Aspekt im Mittelpunkt: Jede Krise und jeder Zusammenbruch bietet die Chancen für Neues. Sie öffnet Gestaltungsspielräume und ermöglicht es, eingefahrene Bahnen zu verlassen. Wenn es den Menschen schlecht geht, sind sie offen für Veränderungen und für Visionen für eine bessere Zukunft. Sie sind eher bereit, kurzfristig zurückzustecken, um ihre Situation langfristig zu verbessern.

In Deutschland stünden die Chancen für umfassende Reformen und eine bewusste und visionäre Neugestaltung der Gesellschaft eigentlich gut: Eine neue Regierungskoalition aus zwei Parteien, die sich grundlegend ideologisch nahestehen, verbunden mit einer Mehrheit im Bundesrat böten die Möglichkeit, jenseits von Aktionismus und kurzfristiger Klientelpolitik den Umbau in Deutschland in Gang zu setzen. Es gäbe innovative Ideen, die in einer öffentlichen Debatte thematisiert und kritisiert werden könnten, ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung einer neuen kontroversen politischen Diskussion, die spätestens seit den Tagen der großen Koalition vollkommen zum Erliegen gekommen zu sein scheint.

Aber anstatt Konzepte zu entwickeln, die Deutschland im 21. Jahrhundert in der Welt positionieren könnten – wie beispielsweise die Idee des Datenfreihafens Island – beherrscht das übliche, kulturpessimistische Klein-Klein die politische Bühne: Kommunikationschaos im Verteidigungsministerium, kopflose, nicht-finanzierbare Steuersenkungen und die elende Mehrwertsteuersenkung für Hotelübernachtungen. Dann wird auch noch die zentrale Ressource dieses Jahrhunderts – die Bildung – zum Gegenstand parteiinternen Geschachers und die deutschen Studenten müssen erst wochenlang ganze Hörsaalgebäude besetzen, um “unseren” Politikern auch nur minimale Absichtserklärungen zu entlocken. Konkrete Änderungsvorschläge oder gar Geld gibt es damit aber noch lange nicht. Stattdessen werden Milliarden in die Automobilindustrie gepumpt, die schon lange über Überkapazitäten verfügt und deren Niedergang auf diese Weise um immerhin ein ganzes Jahr aufgeschoben werden konnte. Aber Geld für Bildung? Fehlanzeige…

Es frustriert mich, zu sehen, wie dieses Land einem Abgrund entgegen steuert und die “regierende Kaste” nichts anderes zu tun hat, als den Absturz dazu zu nutzen, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen und die Lobbygruppen zu bedienen, die besonders laut schreien bzw. die Bundesländer, deren Stimmen im Bundesrat strategisch besonders wichtig sind. Es fehlen nicht nur Visionen und Ideen, sondern sogar die Bereitschaft, überhaupt über ein grundlegendes Umsteuern nachzudenken. Dabei wird es nicht mehr lange dauern, bis viele Säulen unseres aktuellen Sozialstaats ins Wanken geraten werden: 2010 könnte ein Desaster für den Arbeitsmarkt werden und auch die Krankenkassen weisen gefährliche Defizite auf. In wenigen Jahren wird dann der Fachkräftemangel zuschlagen und schließlich wird auch das Rentensystem kollabieren – von Altenpflege und dem Gesundheitssystem nicht zu reden.  Wenn das passiert, werden wir keine Möglichkeit mehr haben, unsere Gesellschaft aktiv und positiv neu zu gestalten. Wir werden damit beschäftigt sein, die Scherben aufzukehren und die schlimmsten Folgen dieses schleichenden aber vorhersehbaren Niedergangs aufzukehren und uns zu fragen, wie wir es so weit kommen lassen konnten.


Blog-Blockade

Ihr habt wahrscheinlich gemerkt, dass hier in den letzten Wochen und Monaten höchstens unregelmäßig etwas los war. Das liegt daran, dass ich irgendwie die Linie in diesem Blog verloren habe und es mir daher kaum noch Spaß gemacht hat, hier zu schreiben. Aber keine Sorge, der Weltenkreuzer soll bestehen bleiben und ich hoffe, euch demnächst wieder mit spannenden Artikeln versorgen zu können.

Um den Selbstfindungsprozess ein wenig zu beschleunigen, eine Bitte an euch: Hinterlasst mir doch mal in den Kommentaren, warum ihr diesen Blog besucht bzw. abonniert und was ihr hier besonders gerne gelesen habt.

Danke und bis bald!


Politik im Dienste der Bürger?

Wieder einmal zeigt ein Politiker schön auf, dass es in der deutschen Politik schon lange nicht mehr um das Wohl der Bürger geht, sondern dass Politiker um sich selber Kreisen und den Kontakt zur Realität außerhalb Berlins schon lange verloren haben. Diesmal ist es der CDU-Haushaltspolitiker Steffen Kampeter, der zu den aktuellen Diskussionen um Steuersenkungen bei den Koalitionsverhandlungen sagt:

Wichtig ist, dass unsere Glaubwürdigkeit in der Steuer- und Haushaltspolitik erhalten bleibt. (Handelsblatt.com)

Moment? Ist es nicht viel wichtiger, dass Deutschland über einen gesunden Staatshaushalt verfügt? Dass ausreichend Geld da ist für die längst überfälligen Investitionen in Bildung und Gesundheit? Geht es nicht darum, den Bürgern ein gutes Leben zu ermöglichen? Darum, dass jeder in der Lage ist, glücklich zu werden und gegen Armut abgesichert? DAS wären Ziele, die ich für legitim halten würde.

Worum geht aber tatsächlich? Im Wahlkampf geht es darum, möglichst viel zu versprechen, um Stimmen zu gewinnen. Darum, möglichst vielen Menschen vorzugaukeln, sie würden nach der Wahl schöner, schneller, reicher sein und sie so dazu zu bringen, in der Kabine das Kreuzchen an der “richtigen” Stelle zu setzen. Nach der Wahl geht es dann darum, die “Glaubwürdigkeit” nicht zu verlieren und die utopischen Versprechen vor der Wahl möglichst umzusetzen, koste es, was es wolle.

Dabei frage ich mich aber ernsthaft? Von welcher Glaubwürdigkeit redet Kampeter da eigentlich? Um etwas erhalten zu können, muss es erst mal da sein…


Ist die Piratenpartei wählbar? – Verschenkte Stimme

Die Piraten haben ohnehin keine Chance, in den Bundestag einzuziehen und mit einer Stimme für sie würde ich Schwarz-Gelb unterstützen

Hier haben wir es mit einer klassischen selbsterfüllenden Prophezeiung zu tun: Wenn viele Menschen so denken und deswegen nicht die Piraten wählen, scheitern sie an der 5%-Hürde. Hätte es diese Zweifel nicht gegeben, hätten sie die 5% aber vielleicht sogar geschafft. Das Problem solcher selbsterfüllenden Prophezeiungen ist, dass es keinen sicheren Mechanismus gibt, sie zu durchbrechen und man leider nicht umhin kommt, das Risiko einzugehen.

Aber selbst wenn die Piraten an der 5%-Hürde scheitern (was ich für sehr wahrscheinlich halte), ist die Stimme nicht verschenkt. Nicht umsonst haben die Piraten mittlerweile (zumindest inoffiziell) ein deutlich realistischeres Wahlziel: 3%. Dieser Wert würde dazu führen, dass die Piraten in der Wahlberichterstattung nicht als “Sonstige”-Partei gezählt werden, sondern einen eigenen Balken bekämen. Eine Kleinigkeit, könnte man denken. Man muss dabei jedoch zwei Sachen beachten: Erstens wäre ein solches Ergebnis ein lauter Schuss vor den Bug der etablierten Parteien, da die Piraten dann nicht mehr als exotische Minipartei abgetan werden könnten, sondern sich gezeigt hätte, dass ihre Themen ein großes Wählerpotential bieten. Ich vermute, dass dies gerade der SPD in ihrer aktuellen Krise zumindest im Hinblick auf ihre Netzpolitik ein wenig zu denken geben würde. Es stellt sich einfach momentan die Frage, wie man das Thema Netzpolitik am effektivsten und kompetentesten in der Politik etablieren kann. Dazu kann man entweder eine der etablierten Parteien wählen, die der eigenen Meinung am nächsten ist, oder den Piraten die Stimme geben. Leider sehe ich momentan bei keiner der etablierten Parteien genügend Kompetenz, auch wenn zumindest das Programm der Grünen hier halbwegs vernünftig wirkt.

Es gibt aber auch noch eine andere Entscheidung, die jeder Sympathisant der Piratenpartei treffen muss: Wer jetzt eine der etablierten Parteien wählt, bestätigt sie damit in ihrer Arbeit. Er gibt ihnen das Signal, mit ihrer Arbeit zufrieden zu sein und wie bisher weitermachen zu können. Jeder kennt doch solche Aussagen wie “Die Bevölkerung hat uns ein klares Mandat erteilt” oder “Die Mehrheit der Deutschen steht hinter uns.” Jeder, der eine der etablierten Parteien wählt, sollte sich nun fragen, ob er dieser Partei tatsächlich guten Gewissens dieses umfassende Mandat geben kann und sie in ihrer bisherigen Arbeit bestätigen will. Kurzfristig kann man seine Interessen so vielleicht stärker durchsetzen und beispielsweise Schwarz-Gelb verhindern, langfristig bestätigt man so die etablierten Parteien aber so in ihrer Arbeit.

Auch hier gilt wieder: Wer weiter “so wie bisher” will, der kann und sollte etabliert wählen, wer langfristig etwas ändern will, muss vielleicht kurzfristig etwas zurücktreten und langen Atem beweisen. 


  • Nils Müller

    Ich bin als denkender Mensch, Soziologe, Internet-, Bücher- und Kinofan im Netz und im Leben aktiv. Hier teile und diskutiere ich meine Gedanken mit euch. Lest einfach los, hinterlasst mir Kommentare oder schreibt mir Mails. Mehr über mich gibt es auf nilsmueller.info und mehr von mir auf der kritischen Seite und bei Twitter.
  • Kategorien

  • Archiv

  • Aktuelle Bücher

  • Twitter